1 ...8 9 10 12 13 14 ...33 »Die Kette der Signalfeuer kann unterbrochen worden sein, mein Hoher
Lord, und dann hätte der König allen Grund dafür gehabt, einen Boten um
Hilfe zu entsenden. Aber auch für den Fall, dass es einen anderen Grund für
den Boten gab, so müssen wir doch immer vom Schlimmsten ausgehen und
davon, dass der König uns um Hilfe ruft.«
Garodem nickte. »Ich sehe das genauso. Wenn der König uns ruft, so muss
es schlimm stehen, und er wird jeden Mann brauchen. Aber wenn er uns nicht
um Hilfe gerufen hat, entblößen wir die Hochmark grundlos um all ihre
wehrfähigen Männer und lassen Frauen und Kinder schutzlos zurück.« Er
seufzte. »Vielleicht ist es ein Fehler gewesen, jeden Kontakt abzubrechen«,
meinte er schließlich widerwillig, und man merkte, wie schwer ihm dieses
Eingeständnis fiel. Er sah Tasmund und Kormund an. »Ich brauche weitere
Anhaltspunkte. Ich muss wissen, ob das Land wirklich in Gefahr ist.
Kormund, ich habe Eure Schar im Hof gesehen. Sie scheint bereit zu sein.«
»Das ist sie, mein Herr.«
»Gut.« Garodem blickte wieder auf die Karte. »Die Besatzungen der
Signalfeuer sind vor fünf Tagen abgelöst worden. Der nächste Wechsel wird
erst in einem Zehntag fällig.« Garodem gab sich einen Ruck und trat wieder
hinter seinen Schreibtisch. »Kormund, Ihr nehmt Euren Beritt und kontrolliert
die Wachen am inneren und äußeren Signalfeuer des Passes. Reitet nicht
weiter, denn selbst das wird drei Tage dauern. Die Posten hätten die Feuer
entzündet, wenn sie ein Signal des Königs gesehen hätten. Aber sollte sie
etwas daran gehindert haben, so muss ich es wissen. Kormund, alter Freund,
Eile ist geboten.«
Kormund erhob sich und stellte den Becher mit Wein auf den Tisch
zurück. »Schneller Ritt …«
»… und scharfer Tod«, vervollständigten Garodem und Tasmund den Satz
ohne Lächeln.
Während Kormund zu seinen Männern in den Hof eilte, winkte Garodem
seinen Ersten Schwertmann zu sich heran. »Wir müssen vom schlimmsten
Fall ausgehen, Tasmund, mein Freund, und das heißt, dass wir die Pferdelords
der Hochmark zusammenrufen müssen. Wie viele Männer können wir
zusammenbekommen?«
»Knapp fünfzig Schwertmänner der Wache und zweihundertfünfzig
Pferdelords.« Tasmund sah den Pferdefürsten an und lächelte. »Mit den
Knaben und älteren Männern werden wir vielleicht dreihundertfünfzig Mann
bekommen. Aber dann werden wir schon die Wiegen auskratzen müssen.«
Garodem seufzte. »Wie viele von ihnen werden kämpfen können?«
Tasmund zuckte die Achseln. »Alle. Doch siegen können nur die
ausgebildeten Pferdelords, mein Herr. Es bleibt nicht viel Zeit, sie für den
Kriegseinsatz fähig zu machen, und nur wenige haben noch Kampferfahrung
so wie Kormund und einige andere.«
Der Pferdefürst blickte aus dem Fenster und ließ seinen Blick über die
Zinnen der Wehrmauer zur Stadt hinwandern. »Ich weiß. Die ganzen langen
Jahre des Friedens hindurch habe ich die Pferdelords nicht mehr zu
Waffenübungen einberufen. Das rächt sich nun. Waffen beschert uns die
Mark genug, aber uns fehlen die ausgebildeten Männer, sie zu tragen.«
Der Erste Schwertmann schaute in Richtung der Karte und ging dann zu
ihr hinüber. »Kämpfen können die Männer wohl. Sie sind auch nicht
ungeschickt im Umgang mit den Waffen. Was ihnen fehlt, ist die Übung, als
geschlossener Verband zusammenzuwirken. Schwerter, Rüstungen und
Helme haben wir genug. Auch Bogen für die Schützen. Was allein fehlt, sind
Lanzen, denn wir verfügen nicht über ausreichend gerade Hölzer, die auch
noch lang genug sind, um sie daraus herstellen zu können. Außerdem könnte
es nicht schaden, zusätzliche Pfeile zu produzieren.«
Unten im Hof hörten sie, wie knappe Kommandos erklangen, sowie
Kormunds Gruppe, die aus dem Burghof ritt. Das Klappern der Hufe kündete
von Eile, die dieses Mal auch den Bewohnern von Eternas nicht verborgen
bleiben würde.
Garodem langte nach seinem Becher mit Wein, stellte ihn jedoch, ohne
getrunken zu haben, wieder zurück. »Bereitet eine Gruppe vor, die im
geschützten Wald den Holzeinschlag vornimmt. Und sendet die
Waffenschmiede und die Stadtältesten zu mir. Ich werde mit ihnen sprechen.
Was auch geschieht, ich will, dass die Hochmark so gut wie möglich auf alles
vorbereitet ist.«
»Soll ich schon Boten entsenden, um die Pferdelords einzuberufen?«
Garodem schüttelte den Kopf. »Nein, ich will zunächst abwarten, was
Kormund uns berichten wird. Sind die Wachen am Pass wohlbehalten und das
Feuer intakt, so wollte der Bote wohl doch keinen Hilferuf, sondern eine
andere Botschaft zu uns bringen. In diesem Fall werde ich eine Schar
entsenden, um beim König um die Botschaft anzuhalten – die Wehrfähigen
brauchen wir dann aber nicht.«
Tasmund wies zu der Karte hin. »Die Schar Kormunds fand den Toten
innerhalb der Hochmark, mein Herr. Er muss also die Wachen passiert
haben.«
»Wir müssen Kormunds Bericht abwarten, Tasmund. Und bereit sein,
notfalls rasch zu reagieren.«
Dem hatte Tasmund nichts hinzuzufügen.
Nedeam war rasch geritten und freute sich ebenso wie Stirnfleck über den
gestreckten Galopp, den der Hengst auf freien Flächen hielt, denn nur allzu
oft mussten sie sich ihren Weg auch über steinige Flächen suchen, und
Nedeam wusste, wie rasch ein Pferd auf losen Steinen ausrutschen und sich
verletzen konnte. Kamen sie an eine solche Stelle, saß er ab und führte
Stirnfleck, obwohl der Zwölfjährige sich manchmal unsicher war, wer von
ihnen wen wirklich führte. Der Hengst schien den Weg nach Eternas
instinktiv zu kennen, doch er war, im Gegensatz zu dem Knaben, auch schon
öfter in der Stadt gewesen. Zwei Tage nahm die Reise zur Stadt und wieder
zurück gewöhnlich in Anspruch. Zwei Tage, in denen Balwin seine Frau und
seinen Sohn allein auf dem Gehöft allen möglichen Gefahren ausgesetzt
wusste. Nein, Balwin war nicht oft nach Eternas geritten, und noch seltener
war dies bei Meowyn oder ihrem Sohn der Fall gewesen. So freute sich der
Zwölfjährige auf seinen ersten Besuch, bei dem er die Stadt zudem auch noch
allein besichtigen und erkunden konnte. Sicher würde es viel für ihn zu
entdecken geben.
Auf seinem Ritt in die Hauptstadt der Hochmark kam er an einzelnen
Gehöften und einer kleineren Ansiedlung, einem Weiler, vorbei, hielt sich
dort aber nicht länger auf, sondern übernachtete lieber kurz im Freien, um
Eternas schon beim ersten Tageslicht vor sich liegen sehen zu können. Als er
von einem Hang über der Stadt in die Ebene hinunterblickte, war er fasziniert
von dem, was sich seinen Augen bot. Begeistert trieb er Stirnfleck über die
grüne Ebene, und seine Augen leuchteten vor Erwartung, als er in die
Hauptstraße einritt.
Der erste Eindruck der Stadt war für Nedeam einfach überwältigend.
Ihm wurde bewusst, wie groß und hoch die Häuser hier waren, und er
konnte sich nicht sattsehen an all den Eindrücken, die auf ihn einströmten.
Und so ließ er das ungewohnt quirlige Leben und stete Geschrei der
Bewohner, die bunten Farben ihrer Kleidung und die zahllosen Gerüche auf
sich einwirken. Vieles davon war für ihn neu und aufregend, doch anderes
wurde ihm rasch lästig. Vor allem die Häuser, die ihn auf den ersten Blick so
beeindruckt hatten, begannen mit der Zeit seltsam bedrohlich auf ihn zu
wirken. Ihre Wände waren so hoch und so steil, dass er das Gefühl bekam, als
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