„Besteht da nicht die Gefahr, dass Unbefugte die Daten lesen oder gar verändern?”
„Nein, das ist völlig unmöglich. Unsere Kryptographen haben lange daran gearbeitet, den Chip sicher zu machen. Alle Daten sind verschlüsselt. Sie können nur von speziellen Apparaten geschrieben oder verändert werden. Die Chips auf den Pässen sind sicher, absolut sicher.”
„Nun”, sagte der Moderator und blickte in die Kamera, die in Richtung des Publikums stand, „das waren die offiziellen Aussagen der Regierung. Wir haben allerdings noch einen anderen Experten geladen, den Sie bitte mit mir zusammen begrüßen wollen.“
Damit war er aufgestanden und in Richtung des goldenen Portals gegangen, das sich nun langsam öffnete und eine im Gegenlicht nicht sofort erkennbare Gestalt zeigte.
„Es ist unser Innenminister, Herr Doktor Manfred Krahl!”
Nun stand der neue Gast auf der obersten Stufe der Freitreppe, und das Publikum erkannte die hagere, in einen dunkelblauen Anzug mit Weste gekleidete Person, die Frisur mit dem korrekten Scheitel in der bekannten künstlichen Haarfarbe und die randlose Brille. Nach einem kurzen Erstaunen klatsche der Saal wie besessen: jeder kannte den Kabarettisten Tomas Stirling, der fast jede Person des öffentlichen Lebens täuschend echt imitieren konnte.
Auch er wurde vom Moderator mit Handschlag begrüßt und durch die Schleuse geleitet, die erwartungsgemäß seine Identität bestätigte:
Stirling, Tomas ID 2712799401254
Es war wirklich phantastisch, wie Stirling den hölzernen Gang und die schnarrende Stimme des Ministers imitieren konnte, ebenso wie seine Mimik und seine Kopfbewegungen. Die Begrüßung der beiden ? der echte Minister hatte ein süßsaures Lächeln aufgesetzt, das Stirling sofort kopierte ? erinnerte an den berühmten Film ”Die Feuerzangenbowle” mit Heinz Rühmann: ”Schnauz I und Schnauz II stehen sich gegenüber”.
„Nun, da muss ich mir leider widersprechen”, sagte Stirling alias Krahl, „der Chip kann von Hackern gelesen werden. Das Änderungsdatum ist uncodiert, und mit dessen Hilfe kann der Code für die anderen Daten ermittelt werden, die dann damit auch lesbar sind.”
„Da bin ich nicht Ihrer Meinung”, entgegnete der Minister, „der Code wird über ein kompliziertes Verschlüsselungsprogramm ermittelt. Oder Sie müssten ihn jeden Tag aus dem Internet abschreiben, wo er aber auch durch Passwörter geschützt ist.”
Stirling hatte sich offensichtlich sachkundig gemacht und spielte weiter die Rolle Krahls so echt, dass er teilweise von Beifallsstürmen des Publikums unterbrochen wurde. Außerdem kopierte er nicht nur seine Stimme perfekt, sondern schlüpfte auch in seiner Formulierung in den Mantel seines Opfers: „Ich bin nicht meiner Meinung, im Gegenteil! Abgesehen davon, dass man das gesamte Lesegerät klauen könnte...”
„... geht nicht, es funktioniert nur nach vorhergehender Initialisierung und zerstört sein Decodierungsprogramm selbst, wenn es in unbefugte Hände...”
„... abgesehen davon: nennen Sie mir einen Code, den man " nicht knacken...”
„... diesen hier...”
„... ist doch alles nur theoretisch!“
„Theoretisch können Sie auch in die Bank von England einbrechen oder in das Fort Knox, nur geschafft hat es noch keiner! Und außerdem, wie ich schon sagte, der Pass muss vorher von einem speziellen Gerät optisch gelesen werden und gibt erst dann eine gesicherte Kommunikation mit dem Funkchip frei.”
Ein Punkt für den Minister? Oder eine Falle, die er sich gerade selbst gestellt hatte? Die Ringrichter im Publikum waren sich noch nicht einig, da kam schon der entscheidende Konterschlag: „Wozu funken sie dann überhaupt? Dann könnte doch auch der Chip auf dem Lesegerät direkt ausgelesen werden!“
Krahl schwieg betroffen und trat dann, sichtlich sauer, den Standard-Rückzug an: „Die technischen Einzelheiten kann ich Ihnen natürlich nicht nennen. Meine Fachleute sagen mir: der ePass kann nicht unbemerkt über Funk gelesen werden.“
„Und unsere Fachleute haben es gerade vorgemacht.“
Krahl dampfte vor verhaltener Wut. Kleine Tröpfchen hoben die Schminkschicht auf seiner Stirn wie Gasblasen eine glühende Lavaschicht. Seine Stimme wurde leise und scharf: „Der Pass ist sicher!“
Stirling schien einzulenken, obwohl die meisten Zuschauer im Publikum jetzt auf die Entgegnung „Die Renten sind sicher!” gewartet hatten, was einen garantierten Lacher ergeben hätte.
Der Kabarettist hatte blitzschnell einen anderen Gag zur Hand: „Der Pass ist sicher...”, wiederholte er im Ton des Ministers ? und nach einer kurzen wirkungsvollen Kunstpause: „... so wahr ich der Innenminister bin!”
Nun hatte er seinen Lacher. Das Publikum geriet außer Rand und Band. Die Einpeitscher brauchten ihre Tafeln mit der Aufforderung zum Beifall gar nicht mehr hochzuhalten.
Jetzt war es an der Zeit für den Moderator, einzugreifen. Infotainment von über 5 Minuten Dauer verpufft beim Zuschauer in der Regel. Zum Publikum und in die Kamera gewandt versuchte er, den sich anbahnenden ernsthaften Streit zu beenden: „Sie sehen, meine Damen und Herren, das Thema ist noch immer kontrovers. Und jeder Sachverständige hat seine eigene Meinung. Vielleicht können Sie sich in wenigen Minuten Ihre eigene Meinung bilden. Herr Stirling, äh, Verzeihung, Herr Minister, wir danken Ihnen für Ihr Kommen!”. Mit diesen Worten führte er die Person, die ? trotz aller Künste des Kabarettisten ? Tomas Stirling war, durch die Schleuse zur Treppe. Und die Schleuse zeigte
Krahl, Dr. Manfred ID 0502672977818
Mit schnellen Schritten war er wieder beim Minister, dankte ihm und nötigte ihn fast hastig durch die Schleuse. Auf der Großbildwand erschien die Anzeige:
Piepenbrinck, Paul-Werner ID 3003680983321
ACHTUNG: z.Zt. Vorsorgegewahrsam Strafanstalt Schloßberg N
Aus der Kulisse tauchten zwei Polizisten auf und geleiteten den verdutzen Minister die Treppe hoch und durch das Portal nach draußen.
Nach einer kurzen Schrecksekunde johlte und trampelte das Publikum. Der Moderator konnte sich kaum Gehör verschaffen: „Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung! Wir haben die Pässe nicht nur gelesen, sondern auch verändert. Aber keine Angst: Tomas Stirling erhält seine Identität zurück! Und nun zum nächsten Thema...”
In der Mordkommission hatte sich eine gewisse Resignation breitgemacht. Üblicherweise gab es unmittelbar nach einer Tat zumindest vorläufige Hinweise auf Täter, Umstände oder Motive. Aber die ersten Vernehmungen von Nachbarn hatten wie die Befragung der Klemke absolut nichts ergeben.
Clot Fillol bedachte Bekovitch mit unfreundlichen Blicken, während er seine Routinearbeit machte. Offensichtlich passte es ihm nicht, dass der ältere Kollege wieder ungerührt Zeitung las, während er sich schon mit Zeiterfassungsformularen und anderem bürokratischen Papierkram herumschlagen musste. Beko, wie ihn alle nannten, war mehr als doppelt so alt wie Clot und wartete – nach dessen Einschätzung – nur noch auf seine Pensionierung. Bekovitch war ein erfahrener Ermittler, der sich aber bisher erfolgreich gegen den Einsatz von Computern in seinem Beruf gewehrt hatte und der für alle Recherchen in Datenbanken und im Internet nur ein verächtliches Grinsen bereithielt. Natürlich verschönte auch seinen Schreibtisch ein eleganter Flachbildschirm, doch der zeigte meist nur das Startbild des Polizei-Informationssystems. Er betrachtete in der Regel das Leben mit einer gelassenen, fast stoischen Distanz – was ihn nicht daran hinderte, ein guter Kriminalbeamter zu sein.
Hätten sie einander gemocht oder sich zumindest gegenseitig akzeptiert, so wären sie ein gutes Team geworden. Aber Clot war schnell, voreilig und spontan und damit das genaue Gegenteil seines bedächtigen und meist überlegt handelnden Kollegen. Clots aggressiver Witz entsprang der Unsicherheit des jungen und unerfahrenen Mitarbeiters und Bekovitchs Ablehnung von Clots Person seinen mangelnden Kenntnissen der modernen Medien wie Computer und Internet. Und wo Clot Fillol oft lebhaft und mit sprudelnder Unbekümmertheit neue Theorien in die Welt setzte, blieb Bekovitch stumm und hörte sich diese Hypothesen mit einem milden Missmut an. Auch äußerlich hätten sie verschiedener nicht sein können. Clot, hochgewachsen, schwarzhaarig und mit feurigen Augen hatte den etwas derben Auftritt eines Bauarbeiters – das war sein Vorteil: niemand hätte einen scharfsinnigen Kriminalkommissar in ihm erwartet. Man musste ihn schon mögen... was nicht jeder tat.
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