„Wir haben längerfristig noch andere Ideen, wir könnten zusammenarbeiten, auf Provisionsbasis für Sie.”
„Das wäre?”
„Umsatzsteuer-Vergütung. Wir führen Luxusgüter aus, bekommen an der Grenze die Mehrwertsteuer erstattet, Sie knipsen das Bit im Chip aus und wir führen die Ware wieder ein... oder genauer: bringen sie wieder herein, denn sie wurde ja nicht ausgeführt, nach den Daten auf dem Chip. Ob das nun eine Rolex ist oder ein Pelz oder gleich das ganze Auto... und wir kassieren auf alles die Umsatzsteuer, auf den Neupreis. Da kommt dann etwas mehr zusammen als nur eine Million. Wäre das was?”
„Hmmh, viel Kleinarbeit...”
„Unser Geschäftsplan sieht einen Umsatz von etwa zwanzig Millionen vor pro Jahr, da können Sie eigentlich nicht klagen. Netto!”
Sergej zierte sich wie die sprichwörtliche Jungfrau. „Hmmh, etwa um drei Millionen Gewinn, nach Abzug aller Unkosten...”
„Jahr für Jahr!”
„Und die müssen wir teilen...”
„Zwei zu eins, und Sie haben fast nichts dafür zu tun.”
„Na ja, also irgendwie...”
„Schauen Sie, wir reden über ein Gesamtvolumen von etwa vierzehn Milliarden. Milliarden! Die gehen dem Staat durch Umsatzsteuer-Manipulation verloren, steht in der Zeitung. Jedes Jahr!”
„Aber das ist doch nicht nur Ihre Gruppe! Gesamtvolumen, mag ja sein... In dem Bereich tummeln sich doch Tausende, bunte Fische aller Größe.”
„Wir denken auch noch weiter nach, über eine Expansion in EG-Subventionen zum Beispiel. Wenn unsere Zusammenarbeit bei der Umsatzsteuer klappt...” Der Interessent ließ offen, was dann wäre. Aber dies schien das letzte Zuckerstückchen zu sein, das der Bieter für seine Entscheidung brauchte.
Sergej gab sich überzeugt: „OK, dann machen wir das. Mit Vertrag?”
„Ihr Wort würde mir genügen, und so sollte es auch umgekehrt sein.”
„Na schön.”
Der Interessent hatte noch eine letzte Frage: „Übrigens, kennen Sie Morat?”
„Nein – wer soll das sein?”
„Schon gut, vergessen Sie es!”
Sergej Czazclik stand auf und klappte seine Zeitschrift zusammen. Sein Angebot war im Prinzip akzeptiert worden – mehr hatte er nicht erreichen sollen.
Dieses Aufbruchsignal nutzte der Interessent für einen kleinen Nachtrag: „Nebenbei: Ihre Methoden gefallen uns nicht besonders, sie könnten effizienter sein.”
Der Anbieter lächelte, aber seine Augen lächelten nicht mit. Solche Frechheiten musste er sich nicht bieten lassen. „Sie zahlen nicht für unsere Methoden. Sie zahlen für die Ergebnisse. Wir versuchen, keinen Staub zu machen, anders als Sie. Das unterscheidet uns.” Damit wandte er sich grußlos zu Gehen.
Der Interessent zog die Mundwinkel nach unten, entgegnete aber nichts. Stattdessen blieb er noch ein paar Minuten sitzen. Dann tat er so, als ob er fror und erhob sich ebenfalls ? nicht sehr gut gespielt für einen kritischen Betrachter, hätte es einen gegeben.
Fünf Minuten, nachdem sie gegangen waren, war der Park wieder menschenleer. Nur der Gärtner zog weiter lustlos seine Runde.
Als der Kommissar am Tatort ankam, hatte sich eine dichte Traube von Gaffern um den inzwischen durch Plastikbänder abgesperrten Platz versammelt ? Leute aus der Nachbarschaft, die zum Teil das Geschehen hinter ihrer Gardine verborgen beobachtet hatten. Sicherheitshalber hatten sie alle abgewartet, bis Polizei und Notarzt eingetroffen waren – sonst hätten sie womöglich dem Opfer helfen müssen.
Zwei weitere Streifenwagen waren auch erschienen. Da diese Gegend auf den speziell programmierten Navigationssystemen der Streifenwagen orangefarben schraffiert und damit als Gebiet der Risikoklasse zwei ausgewiesen war, war es verwunderlich, dass die erste Streife sich überhaupt alleine hierher getraut hatte.
Lander kommandierte drei Beamte ab, die Zuschauer einzeln zu befragen.
Dann hielt er Ausschau nach Spuren, nach Hinweisen auf das Geschehen oder den oder die Täter. Aber es gab keine ? vom Opfer und der großen Blutlache abgesehen und dem teilweise zertrampelten Grundstück. Eingeebneter Bauschutt, illegal abgekippt. Nicht einmal verwertbare Fußabdrücke waren zu entdecken.
Wie erwartet ergab die Befragung der Umstehenden auch nichts, gar nichts ? niemand hatte etwas gesehen oder gehört, alle waren sie nur aus Zufall hierher gekommen oder weil sie aus ihren Fenstern die Polizeiwagen und das Notarzt-Fahrzeug gesehen hatten. Der Schwarze war offenbar tot vom Himmel gefallen.
In diesem Augenblick kam ein Anruf aus seinem Büro. Sein Partner war am Apparat: „Die Zentrale hat mich gerade informiert. Jemand hat anonym angerufen, Kastanienallee fünfundsechzig. Da bist du doch gerade, oder?”
„Ja, gegenüber.”
„Dann ist das das Gleiche wie der Alarm aus der Buszentrale?”
„Nehme ich an, ja. Wer war der Anrufer?”
„Wie gesagt, hat sich nicht gemeldet. Eine ältere Frau, der Stimme nach. Der Anschluss gehört einer Lene Klemke.”
„Ah, ja. Danke.”
Er versuchte sein Glück sofort – vielleicht half ihm ja auch das Überraschungsmoment.
„Ist Frau Lene Klemke hier?”, rief er in die Menge der Gaffer und versuchte konzentriert, die Reaktion aller im Auge zu behalten.
Eine ältere Frau in einem verschlissenen grauen Mantel mit einem Kopftuch gegen den Nieselregen sah ihn an, öffnete kurz den Mund, schloss ihn wieder und blickte dann zu Boden. Das reichte Lander. Er bahnte sich einen Weg zu ihr und sprach sie direkt und bestimmt an: „Lene Klemke?”
Sie nickte nur verschreckt.
Lander gab sich verständnisvoll: „Ich habe nur ein paar Fragen”, sagte er väterlich, obwohl die Frau sichtlich älter war als er selbst, „kommen sie doch mal bitte zur Seite.”
Sie folgte ihm wortlos an den Rand des Geschehens, den Blick immer noch zu Boden gerichtet.
Lander entschloss sich, weiterhin freundlich zu sein: „Danke, dass Sie die Polizei informiert haben.”
Ein Widerspruch war nun gar nicht mehr möglich. So entschied sich die Klemke, einfach erst einmal nichts zu sagen.
Lander fuhr fort: „Was haben Sie denn beobachtet?”
Ihre Stimme war hoch und leicht hysterisch. Offenbar hatte sie Angst. „Ich habe nichts gesehen. Er lag nur da und hat sich nicht bewegt! Das kam mir komisch vor.”
„Sie haben ihn nur liegen gesehen?”
„Ja.”
„Aber er ist doch voller Blut, da muss doch ein Kampf stattgefunden haben. Den haben Sie doch sicher beobachtet, oder?!”
„Nein, ich habe nichts gesehen. Nur ein paar spielende Kinder. Ich habe auch nur kurz durch die Gardine geschaut. Wir saßen noch beim Frühstück...”
„ Wir ?”
Lene Klemkes Stimme wurde immer höher. Zu der Angst vor der Polizei gesellte sich die Angst vor Achmed, und sie wusste nicht, wen sie mehr fürchten sollte. „Mein Lebensgefährte und ich. Aber den brauchen Sie gar nicht zu fragen, der war gerade in der Küche, der hat davon überhaupt nichts mitbekommen.”
„Wenn Sie nur kurz durch die Gardine geschaut haben, warum haben Sie dann die Polizei gerufen?”
„Na ja, dann, als ich durch die Gardine geschaut habe, da ist mir gleich aufgefallen, dass da etwas nicht stimmt. Ich meine, im März und im Regen, wer liegt denn da auf der Straße?”
„Haben die Kinder den Mann angegriffen? Waren sie in seiner Nähe?”
„Weiß ich nicht. Ich habe nichts gesehen. Ich habe nur ganz kurz durch die Gardine geschaut.”
Lander sah ein, dass er hier nicht weiterkam. Das war so sinnlos wie der Versuch, die Endlosschleife einer Telefonansage unterbrechen zu wollen. „Na gut, danke schön. Sie werden diese Aussage noch zu Protokoll geben und unterschreiben müssen. Wir rufen Sie dann an.”
Lene Klemke schauderte. Genau das hatte sie vermeiden wollen. Achmed würde ihr die Hölle heiß machen, das war sicher.
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