„Guten Tag, Herr Baumgartner, kennen Sie schon Herrn Bronner?“ Sie strahlte ihn demonstrativ an. „Er wohnt hier in der WG von Max, sie wissen ja.“
Der Alte musterte sie naserümpfend: „Noch so einer von der Sorte. WG? Pah! Keine Klasse. Sie sollten sich was Besseres aussuchen, kleines Frollein!“ Drehte sich ab, zog seine Hose hoch, die mit demselben Schwung wieder nach unten rutschte, und tappte die Treppe hoch.
Kira verbarg ihre weit auseinander driftenden Mundwinkel hinter vorgehaltener Hand, begegnete Jephs amüsiertem Blick, sah ihn lächeln. Hinter seiner kratzbürstigen Fassade tauchte kurz der Junge auf, den sie einmal gekannt hatte.
„Aber wo er Recht hat...“ Jeph wischte sich einen Krümel vom Kinn. „Ich geh dann mal in meine Luxusherberge. Vielen, vielen Dank für alles.“ Er versicherte sich, dass der Schlüssel noch sicher in seiner Tasche steckte, streckte sich und wandte sich zum Gehen. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wieviel mir das bedeutet. Es ist als wäre ein kleines Wunder geschehen. Du kannst nicht zufällig noch eine winzige Bude aus dem Hut zaubern?“
Es war scherzhaft gemeint, das wusste sie. Aber es war nicht abwegig. Man wusste ja aus der Zeitung von diesen Notunterkünften. Wie sie gehört hatte, konnte man da nur zum Schlafen hin. Auch wenn bald schon März wäre, es könnte noch mal richtig kalt werden. Sie dachte einen Augenblick an die leere Wohnung über ihnen. Warm und gemütlich. Wenigstens die paar Tage bis Dienstag — aber nein. Das führte zu weit.
„Auf Wiedersehen Kira“ Er hob die Arme. Ließ sie wieder sinken. „Ich hoffe...“
„Machs gut, Jeph.“
Er war zur Tür hinaus.
Jeph
Das mit der Bude hätte er jetzt nicht sagen sollen. Ihr ohnehin schon blasses Gesicht war womöglich noch kalkiger geworden. Inzwischen konnte er sich an sie erinnern. Die dunklen Augen, schon damals durch eine Brille vergrößert. Das Mondkalb.
Die Schulzeit — so weit weg. Die Streiche, das Schule schwänzen, weil anderes doch so viel wichtiger war, und die kichernden Mädels, denen er und sein Freund mit den getunten Mopeds um die Ohren gefahren waren. Sie stand immer ein wenig abseits, war etwas spillerig, und weil die Mama sie noch immer täglich abholte wurde sie von den anderen gehänselt. Hatte er dabei auch mitgemacht?
Er fühlte den Schlüssel in seiner Tasche. Seine neue ‚Adresse’. Was für ein Glück. Sollte es nicht noch mehr herausfordern. Trotzdem dachte er mit Grausen an die Obdachlosenunterkunft. Brauchte so schnell wie möglich eigene vier Wände, auch wenn sie nur aus Stoff beständen. Fürs Erste konnte er damit klarkommen. Gleichzeitig drängte es ihn herauszufinden, was im vergangenen halben Jahr passiert war. Es machte ihn ganz konfus, dass sich ihm alles entzog. Die rasenden Kopfschmerzen, die er bekam, sobald er versuchte auch nur ansatzweise nachzudenken, machten es auch nicht besser. Noch im Krankenhaus, nachdem die benebelnden Medikamente abgesetzt worden waren, hatte er versucht an Informationen zu dieser Zeit zu kommen. Was war passiert in Politik, in der Wirtschaft, in der Region? Er kramte in den alten Zeitungen, die in den Aufenthaltsräumen auslagen. In der Hoffnung, irgend ein Ereignis würde seine Erinnerung zurückbringen. Er zwang sich, wieder und wieder die Berichte vom Raubüberfall zu lesen. Aber es brachte nichts. Er griff nur in graue, nachgiebige Watte. Sein Handy war verschwunden, deshalb konnte er auch da keine Rückschlüsse ziehen. Er konnte weder sich noch der Polizei mit irgendwelchen Anhaltspunkten dienen.
Warum sagten sie, dass er nicht mehr im Haus seiner Verwandten wohnte, dass er schon vor Wochen ausgezogen war? Die Nachbarin hatte ausgesagt, dass es zuvor einen lautstarken Streit gegeben habe. Aber warum war er dann ausgerechnet in dem Moment bei ihnen als der Überfall stattfand? Und warum war sein Konto gelöscht? Was war mit seinem Guthaben passiert, was mit seinem letzten Projekt? Sechs Monate waren ausgelöscht. Alles ausradiert! Aber nicht der Argwohn in den Augen seiner Betreuer, nicht das Misstrauen der Polizei! Er konnte nicht aufhören, sich Fragen zu stellen, zu grübeln und zu rätseln. Sein Herz raste, wenn er daran dachte, er selbst wäre in irgendwelche kriminelle Machenschaften verstrickt gewesen, die dazu geführt hatten... Nein, das konnte nicht sein! Schon gar nicht bei Tante Marta und Onkel Gustav. Sicher, es hatte schon mal heftige Auseinandersetzungen gegeben. Aber sie waren ihm wichtiger als seine Eltern. Er hätte ihnen doch nie im Leben etwas angetan!
Genug. Er würde es herausfinden. Musste es herausfinden! Aber dazu müsste er erst mal wieder auf die Beine kommen. Morgen früh würde er zuallerallererst in dem Waschsalon, auf den ihn die Dame vom Sozialdienst hingewiesen hatte, seine verdreckten, mit getrocknetem Blut besudelten Klamotten waschen. Die Polizei hatte sie ihm vor ein paar Tagen zurückgebracht. In dieser billigen Sporttasche, die er nun die ganze Zeit mit sich rumschleppte,. Es wurde Zeit, diese scheußlichen Trainingshosen loszuwerden.
Jetzt sollte er sich beeilen, um rechtzeitig in der Unterkunft zu sein. Dort gab es einen Rechner mit freiem WLAN. Er könnte von da aus die Bewerbung abschicken.
Die Anzeigentafel vor dem noblen Autohaus hatte ihm heute morgen ins Auge gestochen: Mechatronikerlehrling gesucht. Mit irgendwas musste er beginnen. Auch mit Einunddreißig kann man noch von vorn anfangen. Und mit Autos kannte er sich aus. Auf seine vorsichtige Nachfrage hatte die elegante Dame am Empfang ihre fein gemalten Augenbrauen hochgezogen, ihm einen Fragebogen in die Hand gedrückt und ihn ganz schnell wieder verabschiedet: „Können sie ausfüllen und uns zusenden. Wir werden dann mit Ihnen Kontakt aufnehmen und ein Vorstellungsgespräch vereinbaren.“
Schön wärs. Doch darauf konnte er unter Umständen lange warten. Deshalb war er gleich anschließend zu Luigi gefahren. Das Fahrgeld für den Bus tat weh, aber er wollte so schnell wie möglich dorthin. Luigis chaotische Werkstatt war fast sein zweites Zuhause. Er hatte dort schon seit er denken konnte an seinen jeweiligen Karossen herumschrauben dürfen. Er würde ihm bestimmt helfen.
Rund um das ganze Anwesen herrschte verdächtige Ruhe. Keine kreuz und quer stehenden Autos. Kein Geruch nach Diesel, Rauch und sonstigen Abgasen. Keine Männer in ölverschmierten Overalls, die gestikulierend zusammenstanden. Das Tor war verschlossen. Betriebsurlaub! Im Februar? Und das auch noch zwei Wochen!? Bestimmt heiratete in Italien wieder einmal jemand aus der großen Verwandtschaft seines Freundes. Dennoch wuchs seine Unruhe. Warum hatte er ihn nie, nicht einmal im Krankenhaus, besucht?
Von Max hatte er auch nichts gehört. Der hatte von dem ganzen üblen Vorfall wahrscheinlich gar nichts mitbekommen.
Und überhaupt nichts von Isabell. Isabell... Es brachte nichts. Er hatte schon zu oft darüber nachgegrübelt.
„Fuck!!!“ Der Schmerz riss ihn abrupt aus seinen Gedanken. Welcher Dummkopf hatte diesen Kinderroller im Weg rumliegen lassen? Er rieb sein Schienbein, merkte, wie fertig er war. Dass er wochenlang im Bett liegen musste, hatte nicht gerade zu seiner Fitness beigetragen. Eine Meise, eilig in Sachen Nestbau unterwegs, schoss knapp an ihm vorbei ins nächste Gebüsch. Er beachtete sie nicht.
Wenn er sich jetzt nicht beeilte, durfte er vielleicht das erste Mal in seinem Leben auch noch unter einer Brücke schlafen. Und auf diese Erfahrung legte er nun wirklich keinen Wert. Er straffte seinen Rücken und legte einen Gang zu.
* * *
„Verflucht nochmal!“ Er fuhr herum, wollte dem dreisten Dieb, der da von hinten an seiner Tasche riss, einen Faustschlag verpassen und bremste gerade noch zehn Zentimeter vor Kira, die erschrocken zu ihm aufsah. Sie musste ihm hinterhergerannt sein und stand kurz vor dem Zusammenbruch. Oh je, das konnte er gerade noch brauchen. Hatte sie schon bereut ihm geholfen zu haben?
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