„ Nur aus Liebe zu meiner Tochter habe ich dein Leben gerettet, von mir aus hättest du verrecken können. Du hast sie nicht verdient, das wusste ich vom ersten Augenblick an, als du unser Haus betreten hast, ich wusste, dass du das Böse bringst.“
Er öffnete die Augen, sie stand nun wieder neben ihm.
„ Wenn du mir versprichst, meine Tochter besser zu behandeln als du es bisher getan hast verspreche ich dir, dass dein Geheimnis bei mir gut aufgehoben ist.“
Er wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus also nickte er nur und versank wieder in der tiefen Dunkelheit.
Sie war eine gute Heilerin und sorgte dafür, dass es ihm recht bald besser ging, wenn sie es auch vermied, seine Schmerzen allzu sehr zu lindern. Seine Wunde versorgte sie gut und auch die Zuneigung und Fürsorge seiner Frau halfen ihm nach wenigen Wochen wieder aufstehen zu können.
Er saß auf einem Stuhl, Darlas Mutter wusch die Verletzung mit einer Tinktur aus, die erbärmlich stank und unglaublich brannte. Sie beugte sich herunter und schaute ihm in die Augen.
„ Du hast Glück, dass du bist, was du bist, ein normaler Sterblicher hätte das nicht überlebt.“
Sie drückte das Tuch fest auf sein Fleisch, Gabriel stöhnte, in seinen Augen blitzte es auf. In diesem Moment trat Darla ins Haus, sie lachte und hielt einen Strauß Herbstblumen im Arm, den sie ihrer Mutter gab.
Gabriel war fasziniert von dieser Reinheit ihrer Empfindungen, die er in ihr sah, eine reine Seele. In der Nacht teilten sie das erste Mal seit seiner Rückkehr das Bett. Er versuchte zärtlich und zurückhaltend zu sein, es gelang ihm nicht. Sie weinte leise und er wusste, dass er Darla verletzte, immer und immer wieder, so drehte er sich zu ihr herüber und nahm sie in den Arm.
„ Es tut mir leid“, flüsterte er leise. „Darla, ich liebe dich und ich möchte dich nicht verlieren, bitte gib mir eine Chance mich zu ändern, hilf mir.“
„ Bleib bei mir, geh nicht wieder fort.“
Tränen liefen über ihre Wangen.
„ Lass uns eine Familie sein.“
Er sagte nichts, streichelte ihr nur sanft über das Haar. Konnte er es? Konnte er ein normales Leben führen?
„ Ich werde bleiben, vorerst, der Winter kommt und wird lang werden.“
Sie lagen schweigend da, dann schliefen sie ein.
Er erholte sich zusehends und bemühte sich ein normales Dasein zu führen, sich an dem Leben im Dorf zu beteiligen doch mit seinen Gedanken war er nicht anwesend. Auch empfand er die Zweifel, die ihm entgegen gebracht wurden und die Abneigung, man wollte ihn eigentlich nicht in der Gemeinschaft haben. Er sah in so viele Seelen und erkannte all die Lügen und Abartigkeiten der Dorfbewohner, die sie zu verbergen suchten. Der Wunsch seiner Natur nachzukommen, Blut zu fühlen, zu töten wurde unerträglich.
Bemüht seine Frau vor sich zu schützen zog er sich von ihr zurück. Trotz allem suchte sie seine Liebe, half ihm so gut es ging sich zurechtzufinden und wusste doch, dass sie ihn nicht würde halten können, er würde wieder in den Kampf ziehen.
In der Nacht bevor er aufbrechen wollte, wurde er durch einen gellenden Schrei geweckt. Gabriel schreckte hoch und konnte im Schein des Mondes drei Gestalten erkennen, die vor seinem Bett standen. Er erkannte seinen Schwiegervater, seinen Schwager und den Dorfpriester. Sie hatten Darla in ihre Mitte genommen und ihr Bruder hielt ihr ein Messer an den Hals.
„ Du bist die Hure eines Dämons!“ Darlas Vater zischte die Worte seiner Tochter entgegen. „Ich werde nicht zulassen, dass du die Brut des Bösen austrägst!“
Der Bruder schnitt ihr die Kehle durch.
Caleb schrie vor Schmerzen, sein Kopf schien zu explodieren. Er hatte sich verwandelt und in seinen Augen loderten die Feuer der Verdammnis. Er war fast wahnsinnig, zitterte am ganzen Körper. Die Tür wurde aufgestoßen und Mia kam herein. Sie sah ihn an und wusste, dass es für sie sehr gefährlich werden konnte, sich ihm jetzt zu nähern. Er war zwischen die Ebenen geraten.
Sie sprach leise zu ihm, behielt jedoch einen gewissen Abstand. Er hörte ihre Stimme, tauchte langsam auf, auf aus seinen Erinnerungen, die seine und doch nicht seine waren. Schmerzende Erinnerungen, die er als Schuld in seiner Seele mit sich trug und die sich von Zeit zu Zeit entluden, mit abgrundtiefem Hass.
„Lass mich in Ruhe!“
Er wollte, dass Mia ging. Schweiß rann seinen Rücken herunter, er schlug ihre Hand weg, die sie behutsam auf seinen Arm gelegt hatte.
„Geh!“
Seine Augen funkelten, das Grün war von übernatürlicher Intensität, seine Sinne arbeiteten auf Hochtouren. Er sah, wie das Blut durch ihre Venen floss, er hörte das Rauschen und er hörte ihr Herz laut und schnell schlagen, fühlte ihre Angst und ihr Kraft, dabei musste doch gerade sie verstehen. Es dürstete ihm nach Blut, so wie damals wollte er töten, seinem Urinstinkt folgen.
Er hatte erst Darlas Familie getötet und war dann im Blutrausch durch das Dorf gezogen, hatte niemanden verschont. Sie hatten ihm seine Frau genommen und sein Baby, das in ihr heranwuchs und er hatte sich dafür gerächt. An seiner Schwiegermutter, der Hexe, die es gesehen hatte. Die gesehen hatte was in dem Leib ihrer Tochter für ein Knabe wuchs und ihr Versprechen gebrochen hatte. An seinem Schwiegervater, der den Tod seiner Tochter als einzige Lösung gesehen hatte, das Böse abzuwenden. An seinem Schwager, der die Klinge des Messers in den Hals seiner eignen Schwester gestoßen hatte. An der Welt, die verhindert hatte, dass er ein normales Leben führen konnte.
„Ich werde nicht gehen, du hast das ganze Haus zusammen geschrien und ich würde gerne wissen, was mit dir los ist!“ Er stieß sie zur Seite und verschwand.
Caleb stand im Bad und übergab sich. Langsam ließ die Anspannung nach. Er wischte sich den Mund ab und setzte sich auf den Boden. Langsam beruhigte er sich. Als er aus dem Badezimmer kam, stand Mia davor, besorgt schaute sie ihn an. „Es ist alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen, ich bekomme das wieder hin. Ich muss weg, warte nicht auf mich.“
Er ließ sie stehen und verließ das Haus.
Natascha saß an ihrem Schreibtisch und überlegte schon seit einer halben Ewigkeit, ob sie wirklich mit dem Professor in Verbindung treten sollte, was machte sie so sicher, dass er ihr helfen konnte? Sie starrte auf die Startseite vom Berliner Telefonbuch, das sie aufforderte den Namen des gesuchten Teilnehmers einzugeben. Null Treffer, sie hatte es schon versucht. Tom kam herein und stellte ihr eine Tasse mit dampfendem Kaffee vor die Nase, dabei schaute er ihr über die Schulter.
„Hey cool, als ich vor einer Stunde ging, hast du auch schon auf den Bildschirm gestarrt. Ich gebe dir mal den Tipp einen Namen einzugeben, mit purer Willenskraft wirst du es nämlich nicht schaffen eine Telefonnummer heraus zu finden.“ „Scherzkeks, habe ich schon versucht, kein einziger Treffer.“
„Willst du eine verflossene Liebe ausfindig machen oder was?“
Natascha druckste ein wenig herum, sie wollte niemandem von ihrer vagen Idee erzählen, es war zu idiotisch.
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