Obwohl Cale ganz bestimmt kein Gottesgläubiger war, liebte er diesen Bau. Von ihm ging eine ungeheure Macht aus die sogar jemandem wie ihn eine Art Seelenfrieden gab und er wusste, dass auch Natascha etwas Ähnliches empfand. „Wäre ich ein Christ, so würde ich hier die Nähe Gottes spüren“, sagte er leise. Schweigend standen sie eine Weile da.
„Warum hast du mich hierher gebracht?“
„Um dir zu zeigen, dass es etwas gibt, das mehr ist, als du sehen kannst und das muss nicht Gott sein. Lass uns ein Stück gehen.“
„Was ist es dann, wenn es nicht Gott ist, was ich hier spüre?“
Caleb antwortete ihr nicht. Er konnte es ihr nicht sagen, dieser Dom war an einer besonderen Stelle errichtet worden. Die Bauherren hatten ganz bewusst diesen Platz ausgewählt. Es war kein Zufall gewesen, hier liefen Kraftlinien zusammen die jeden Menschen und auch jeden Anderen erfassten. Er wollte ihr zeigen, sie spüren lassen, dass es in dieser Welt mehr gab, und konnte ihr doch nichts sagen.
Er war kein Kind Gottes, es gab keine Kinder Gottes, auch nicht unter den Menschen. Er zitterte plötzlich Schmerz, unendlicher Schmerz, nein! Er schloss die Augen, was tat er hier? Sie brachte ihn dazu unvorsichtig zu sein, er, der immer seine Gefühle unter Kontrolle hielt, Erinnerungen brachen über ihn herein. NEIN!, schrie es in seinem Kopf, pass auf! Ihre Gefühle, ihre Emotionen, sie waren so rein, wieso? Er musste sich von ihr zurückziehen, Abstand gewinnen.
„Ist alles in Ordnung?“ Sie schaute besorgt und streichelte ihm sanft über den Arm.
Er öffnete die Augen wieder und nickte.
„Lass uns weiter gehen.“
Natascha hakte sich ein und langsam liefen sie um den Bau herum.
Es war schön, irgendwie friedlich, am Tag war hier die Hölle los. Touristen die die Gegend bevölkerten, sich die prachtvollen Bauten anschauten, in das alte Zeughaus gingen, oder über den Kunstmarkt schlenderten, den Lustgarten entlang liefen und im Sommer die Füße in den Springbrunnen hielten, oder eines der Museen der Museumsinsel besuchen wollten, es gab hier so viel Sehenswertes. Jetzt, mitten in der Nacht war es ruhig, wunderbar ruhig. Wenige Autos fuhren und die Luft war kühl und rein. Sie waren einmal um den Dom herumgelaufen und standen nun wieder vor dem Portal. Cale nahm Nataschas Hand und zog sie ein paar Stufen hinauf, dann setzte er sich und zog sie zu sich herunter. Sie fröstelte, er legte ihr seine Jacke um die Schultern, dabei rutschte der Ärmel seines Pullovers ein wenig hoch und sie sah auf seinem Unterarm die Tätowierungen. In dem fahlen Licht schien es Natascha, als würden sie sich bewegen.
„Du hast von deinem Vater erzählt, ist er sehr streng zu euch gewesen?“
„Du kennst ihn doch, oder?“
Sie nickte. „Ja, aber ich habe ihn als sehr zuvorkommend und höflich in Erinnerung.“
„Die alte Schule. Er ist sehr streng, aber ich habe nie getan, was er von mir verlangt hat. Er hat immer gesagt, ich hätte schon als Baby rebelliert, was solls, er hat ja Josh. Der entspricht eher seinem Bild eines guten Sohnes. Ich habe seinen Ansprüchen niemals Genüge getan und wollte es auch nicht.“
„Also keine schöne Kindheit?“
„Ich habe sie überlebt und ich bin gut zurechtgekommen, ich bin kein Familienmensch.“
Sie kuschelte sich an ihn, trotzdem er nur in seinem Pullover da saß, schien er nicht zu frieren. Sie atmete seinen Duft ein.
Sie fuhren irgendwann nach Hause. Es war spät und vor ihrem Zimmer standen sie sich einen Augenblick gegenüber. Natascha hoffte, er würde sie küssen, er tat es nicht. Sie wünschten einander eine gute Nacht, ehe sie in ihren Zimmern verschwanden.
Caleb musste sich besser unter Kontrolle halten, sie verwirrte ihn. Sie war stark und sie war ehrlich, außerdem war sie nicht dumm, sie hatte in der kurzen Zeit erschreckend viel erfahren. Er hoffte, er würde ihrem Leben kein Ende setzen müssen denn er wusste nicht, ob er dazu in der Lage war. Er musste sich zusammenreißen, Abstand gewinnen. In der Nacht träumte er von Darla.
Caleb ging durch die große Eingangshalle. Zu beiden Seiten schraubten sich Steintreppen in die Höhe. Die Decke war mit wunderbaren Bildern verziert und die Sonne schickte ihre Strahlen genau in das Zentrum des Baus. Blicke verfolgten ihn und er spürte ihre Gefühle. Jemand wie er war hier nicht gerne gesehen und die Abneigung und Verachtung schlug ihm entgegen. Er nahm die Emotionen in sich auf, verschloss sich nicht, er würde sie brauchen.
Er stand wieder vor dem Tisch von Kardinal Holster, noch eine Person befand sich im Raum. Verborgen im Halbdunklen einer Ecke, stumm und beinahe regungslos, beobachtete sie ihn. Er spürte den Hass, der von dem Mann ausging. Cale wusste, mit wem er es zu tun hatte, Chris! Er hätte vor einigen Jahren einer von ihnen werden sollen, aber es war schief gelaufen und er war in die Dienste der Kirche getreten. Er war ein Beschützer geworden, der nun Calebs Fähigkeiten beinahe komplett blockierte, zum Wohle des Kardinals.
Kardinal Holster schaute Caleb starr in die Augen, unbeeindruckt von dessen Veränderung.
„Sie haben Diavolis zerstört, gratuliere, eine Glanzleistung.“
Gestellt applaudierte er.
„Wie können Sie es wagen“, Holsters Gesicht lief rot an, „diese eigenmächtigen Entscheidungen werden Ihnen Ihren Kopf kosten. Das Buch sollte zurückgebracht werden, so war es Ihnen befohlen.“
Caleb hatte Mühe sich zu konzentrieren. Er kämpfte gegen die Macht an, die in seinem Kopf wütete. Er wollte nicht zulassen, dass jemand ihn unterdrückte. Er bündelte all den Hass und die Gewalt, die ihm zur Verfügung stand, und versuchte sie gegen den Beschützer zu nutzen. Seine Augen funkelten bedrohlich, aber er spürte, dass er es lediglich schaffte, nicht völlig die Kontrolle über sich zu verlieren. Chris war gut, das hatten sie immer gewusst. Calebs Hand zitterte, als er sich damit durch die Haare strich aber mittlerweile war er verdammt gut.
„Ist Ihnen eigentlich bewusst was Sie da getan haben?“
Cale reagierte nicht, schaute dem Kardinal stur an und kämpfte gegen den Gegner in seinem Kopf.
„Unglaublich! Ihr Verhalten ist nicht zu entschuldigen. Sie geraten außer Kontrolle. So etwas werde ich nicht dulden können.“
Er hielt inne und schrieb etwas auf einen Zettel, den er dann zusammenfaltete.
„Bitte überbringen Sie diese Nachricht an den Vatikan. Sie können vom Nebenzimmer aus telefonieren, das Telefon ist sicher.“
Er hielt es Chris entgegen, der die Nachricht nahm und verschwand. In Caleb brannte das Verlangen ihn zu töten, doch er konnte sich nicht rühren.
Nachdem Chris die Tür hinter sich geschlossen hatte, fiel der Schmerz so plötzlich von Caleb ab, dass er taumelte und beinahe zusammenbrach. In diesem Moment tat der Kardinal etwas, womit Cale niemals gerechnet hätte, er stand auf, lief um den Tisch herum und griff Caleb unter den Arm. Er zog ihn auf einen Stuhl und kam mit seinem Gesicht ganz nahe an Calebs Ohr heran, dann flüsterte er: „Ich bin bemüht meine Hand schützend über dich zu halten, über euch alle, ob du mir glaubst oder nicht, ist dabei nicht wichtig aber meine Möglichkeiten sind begrenzt und nahezu ausgeschöpft. Chris wird gleich zurückkehren, darum …“
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