„¡Atención, Maya!“, höre ich Señor Davis rufen, als ich die gegenüberliegende Box ausmiste. Dann belehrt er seine Nichte einmal mehr über die Gefahr, die von Pferden ausgeht, wenn man sich ihnen zu schnell von der falschen Seite nähert.
Das wenige Spanisch, das ich verstehe, hat mir Robin beigebracht. Trotz seiner Mühen bringe ich bisher kaum einen vernünftigen Satz zustande.
Ich schiebe den Gedanken daran beiseite und konzentriere mich auf meine Mistgabel.
„Die Chicos sind ausgeflogen?“, fragt mein Chef amüsiert. Schon wieder brodelt der Ärger in meinem Bauch und daran ist Jeremy Davis immerhin nicht unschuldig.
Als er sich der Box nähert, in der ich arbeite, kann ich nicht anders, als ihn zu fragen: „Warum haben Sie zugelassen, dass sie sich das antun?“
Er seufzt und wartet eine Weile, bevor er mir antwortet. „Es ist vielleicht der einzige Weg für Robin, zur Einsicht zu gelangen.“
„Und wenn er sich dabei den Hals bricht?“ Ich versuche, meiner Stimme mehr Festigkeit zu verleihen, aber ich scheitere kläglich.
„Irgendwann müssen wir unsere Kinder loslassen. Ich habe schon versucht, es seiner Mutter zu erklären. Glaubst du nicht, dass ich ihn liebe, Piper? Er ist schwierig geworden, seit Andy fort ist, aber er ist alles, was mir geblieben ist. Robin und du.“
Ich schlucke und betrachte ihn lange. Er ist mein Boss, aber er war schon fast so etwas wie mein Schwiegervater, und er ist noch immer der Vater meines besten Freundes. Und nicht zuletzt ist er ein Mann, der um seine Existenz kämpft und hart für seine Familie arbeitet.
„Ich habe mit dir nicht darüber gesprochen, damit Robin nicht auch noch glaubt, du hättest ihn verraten“, erklärt er. „Es reicht, wenn er wütend auf mich ist, dich braucht er mehr. Und wir kommen nicht mehr aus ohne einen zweiten Ausbilder.“ Er reicht mir die Hand. „Schließen wir Frieden?“
Ich sehe ein, dass er recht hat, und nicke. „Claro“, murmele ich.
Er lächelt. „Du wirst sehen, er versteht es. Irgendwann muss er es verstehen. Und ich habe einen wirklich guten Reiter auf den Hof geholt!“ Er zwinkert mir zu und endlich meldet sich meine Neugier wieder, nachdem Jeremy Davis sich alle Mühe gegeben hat, meine Sorgen zu zerstreuen. „Und wer ist dieser Reiter, wenn ich fragen darf?“
„Und?“ Ich forme das Wort mit den Lippen, als ich Piper am anderen Ende des Ganges ausmache.
Sie verdreht die Augen und winkt ab. Ich kämpfe mich an den anderen Schülern vorbei bis zu ihr und umarme sie.
„Mach es nicht so spannend!“, verlange ich. „Wer ist er?“
„Später, Dina!“ Sie deutet auf ihr Chemie-Lehrbuch. „Ich habe jetzt einen Test, schon vergessen?“ Während sie das Klassenzimmer ansteuert, bin ich ihr dicht auf den Fersen.
„Erzähl mir doch wenigstens ein bisschen was! Ich verbringe jetzt zwei Stunden mit Ms. Flakes Interpretationen von Der Fänger im Roggen! “ Ich stecke mir den Finger in den Hals, um ihr zu zeigen, wie lebensnotwendig eine interessante Beschäftigung für mich ist.
Piper seufzt. „Okay, Dina. Sein Name ist Richard Oscar Briggs, scheinbar nennen sie ihn Oscar. Er kommt aus Billings, Montana, und arbeitet jetzt auf der Davis Ranch als Ausbilder.“ Sie zuckt mit den Schultern, als wäre dem nichts hinzuzufügen. Mir kreisen sofort tausend Fragen im Kopf.
„Und weiter?“
„Was denn weiter?“
„Na wie ist er so, sieht er gut aus?“
Ich merke, wie sehr sie den Impuls unterdrückt, schon wieder mit den Augen zu rollen. „Ich muss jetzt wirklich los, Dina!“
„Aber du kannst mich doch hier nicht so stehen lassen!“
Sie ist schon ein paar Schritte weiter, als sie sich noch einmal umdreht.
„Luna findet, er hat schöne Augen!“, ruft sie im Gehen und zwinkert mir zu.
Ich hebe eine Augenbraue. „Luna also, aha.“
* * *
Endlose gesellschaftskritische Heranwachsendenprobleme später fühle ich mich selbst, als würde ich im Roggenfeld liegen. Nur dass ich niemanden davor bewahre, eine drohende Klippe hinunterzustürzen, sondern den blauen Himmel über mir betrachte und Lucy in the Sky with Diamonds singe. Einen Song, den Leo früher gern gespielt hat.
Zusammen mit einem Fussel von meinem Ärmel wische ich den Gedanken an ihn fort, während Ms. Flake unsere Aufsätze einsammelt. Mein Kopf dröhnt von der Höchstleistung, die ich in mein Essay gesteckt habe, und ich verspüre das dringende Bedürfnis nach frischer Luft.
Als ich den Klassenraum im Eiltempo verlasse, laufe ich fast in Brendan, der mir auf dem Gang entgegenkommt.
„Hast du Piper schon gesehen?“, frage ich ihn ohne Begrüßung – aber ich weiß, dass er mir das nicht nachträgt. Über meine Schulter hinweg mustert er das Tafelbild zu The Catcher in the Rye .
„Ihr lest den Fänger im Roggen?“
In meinem Kopf singen noch immer die Beatles, während meine Augen zwischen den Schülern auf dem Gang nach Piper suchen.
„Ein furchtbares Buch“, murmele ich abwesend. „Ich kann dir nur raten, nicht den Literaturkurs zu belegen!“ Ich steuere das Chemiezimmer im Seitenflügel des Gebäudes an und Brendan folgt mir wie ein Hund.
„Das habe ich ohnehin schon im letzten Jahr gelesen“, meint er beiläufig, als würde er mit seinen Schuhen sprechen. „Und die anderen Titel auf der Liste eigentlich auch.“
Ich bleibe stehen, um ihn anzustarren. „Im Grunde sollte mich ja nichts mehr überraschen, Brendan …“ Ich schüttele den Kopf.
„Ja, aber?“ Er sieht mich auf seine freundliche Hundeart an, als wüsste er nicht, was sein Vergehen ist. Dazu fällt mir nichts mehr ein.
Piper gesellt sich zu uns, ein Lächeln auf den Lippen. Sie hält mir ein Buch unter die Nase, auf dem ein Atommodell abgebildet ist.
„Du erwartest doch nicht, dass ich das anfasse?“, frage ich und weiche vor dem Teufelswerk zurück.
„Es war die Peptidbindung, ich hab es gewusst!“ Sie strahlt, als wäre sie für den Nobelpreis nominiert worden.
„Proteinbiosynthese?“, fragt Brendan prompt und man könnte meinen, ich wäre diejenige, die eine Stufe unter den beiden ist. Die Ebene, auf der die zwei sich verstehen, wird mir wohl auf ewig verwehrt bleiben.
„Schön, dass man euch so leicht glücklich machen kann!“, sage ich und dann packe ich sie links und rechts am Kragen und schiebe sie vor mir her. „Gehen wir was essen!“
Während unsere knurrenden Mägen dem Strom zur Kantine folgen, spreche ich ein Verbot für alle naturwissenschaftlichen, populärwissenschaftlichen oder sonst irgendwie wissenschaftlichen Themen aus.
„Damit das klar ist, ich will nichts mehr von alledem hören, ihr elenden Streber!“, schimpfe ich und boxe sie beide in die Rippen. Insgeheim muss ich mir eingestehen, wie schön es ist, Piper so unbeschwert lachen zu sehen, nach allem, was sie im letzten Jahr verarbeiten musste. Und nun auch noch ein neues Gesicht auf der Ranch … Das bringt mich zurück auf meinen alten Gedanken. Während meiner geistigen Kraftanstrengungen hatte ich kaum Zeit, über den geheimnisvollen Fremden nachzudenken. Als ich mich zu Piper und Brendan an den Tisch setze, hole ich das nach – natürlich so, dass sie jeder Überlegung leicht folgen können.
„Also, er heißt Oscar“, fasse ich zusammen und ernte schon den ersten erstaunten Blick von Brendan. „Der Unbekannte auf der Ranch gestern“, erkläre ich. „Also jetzt ist er ja nicht mehr unbekannt! Also er heißt Oscar und kommt aus Montana.“
„Montana?“, fragt Brendan. „Sein Hänger war aus Minnesota.“
„Ist das denn wichtig? Wo ist denn sein Wagen zugelassen?“, will ich von Piper wissen, die die frittierten Kartoffeln auf ihrem Teller hin- und herschiebt.
Читать дальше