Er ignoriert ihren Kommentar – und ich merke ich ihm die ganze Übung an, die er inzwischen dabei hat. Aber seine glühenden Augen wittern eine Herausforderung, und er antwortet: „Vielleicht werde ich das ja.“
Das Pferd, das Robin aussucht, ist für einen Mustang weder groß noch klein, weder kräftig noch zierlich und weder scheu noch gleichgültig. Sein Temperament ist aufmerksam und ruhig; als wir es in der Box beobachten, dreht es uns den Kopf und beide Ohren zu, um zu schauen, wer sich ihm nähert. Es entspricht in allen Merkmalen dem typischen Bild eines Mustangs, mit fünf Fuß Schulterhöhe und einem edlen, aber gleichzeitig zähen Charakter. Es ist ein tiefbrauner Hengst, der von einem erfahrenen, aber wenig bekannten – weil wahrscheinlich nicht so gutaussehenden – Ausbilder zu einem verlässlichen Reitpferd gemacht wurde und nun in die Mustangzucht der Davis Ranch in Coastville eingehen soll.
„Wusstet ihr, dass die Mustangs von spanischen Pferden abstammen?“, fragt Brendan und setzt zu einer weiteren Erklärung an. Aber Robin unterbricht ihn: „Natürlich wissen wir das. Nur die spanischen Pferde haben diese Kopfhaltung und diesen edlen Körperbau. Sie sind stolze Tiere.“
„Genau wie ihre Besitzer!“, sagt Dina und tauscht mit mir einen wissenden Blick.
„Was?“, fragt Robin. „Ach, ihr habt keine Ahnung, Chicas!“ Er zwinkert mir zu.
Als ich ihn kennenlernte, musste ich mich erst daran gewöhnen, dass er ständig zu flirten versuchte, aber mittlerweile weiß ich, dass es ihm Spaß macht und er sich nichts davon verspricht. Bei jedem anderen Mädchen vielleicht, aber nicht bei mir. Und natürlich erst recht nicht bei Dina, aber mit ihr flirtet er ohnehin nicht. Doch das beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn man sie fragt, können sie sich nicht ausstehen, aber ich glaube, sie würden ohne zu zögern ihr Leben für den anderen riskieren, wenn es darauf ankäme.
Brendan ist anders. Ich denke, sie können ihn beide nicht so richtig verstehen. Robin hält ihn für einen Feigling, weil er nicht so draufgängerisch ist wie er, und Dina interessiert sich nicht für ihn, weil er jünger ist als sie und nicht so aufregend wie andere Jungs – zumindest nicht so wie Billy Oldfield! Noch dazu glauben sie beide, dass er eine Schraube locker hat, weil er manchmal von Dingen redet, von denen wir alle keine Ahnung haben. Aber ich möchte ihn um nichts in der Welt eintauschen. Sie alle drei nicht. Wir haben gemeinsam so viel erlebt, was wir niemandem erzählen können. Es hat uns aneinander gebunden wie der Eid, den wir leisten mussten.
„Wir nennen ihn Espejo“, verkündet Robin, während er seinem eben erworbenen Hengst stolz über das Fell fährt.
„Wie der Spiegel“, übersetze ich mit meinen schwachen Spanischkenntnissen. „Das ist passend.“
„Warum denn?“, fragt Dina, und obwohl ich nicht glaube, dass Robin viel dabei im Sinn hatte, außer der klaren braunen Pferdeaugen, erklärt uns Brendan: „Weil er dir zeigen wird, wie du bist. Ein Pferd kann dir besser deine Fehler offenbaren als ein Mensch – vor allem ein junges, das noch unvoreingenommen ist.“
Dabei lässt er es bewenden. In Dinas Blick ist ein typisches „Hä?“ zu sehen, aber ich versinke in meinen Gedanken.
„Du hast recht“, sage ich dann und streichele das Pferd. „Ein wirklich schöner Name.“
„Lasst ihn uns einpacken und nach Hause fahren“, schlägt Robin vor, „hier sind wir fertig. Oder willst du dir noch ein Autogramm holen, Dina?“
Im ersten Moment kann sie über diese Bemerkung nur müde lächeln, aber dann überlegt sie ernsthaft, ob sie die Gelegenheit ergreifen soll.
„Ich bin gleich wieder da“, sagt sie zu mir und verschwindet mit einem breiten Grinsen.
Als wir Espejo verladen haben, sitzen wir alle in Robins altem MG und ich frage Dina, ob sie Erfolg hatte.
„Ach, da standen so viele Mädchen um ihn herum … Da kam ich mir richtig bescheuert vor“, sagt sie leise, ohne mich anzusehen.
Ich begegne Robins Blick im Rückspiegel. Eine kleine Falte auf seiner Stirn verrät mir, dass er versucht zu ergründen, was ich denke – nein, wohl eher, was ich fühle. Ich beiße mir auf die Lippe.
Brendan tut abwesend, seine Augen sind auf die Straße gerichtet, aber seine Konzentration gilt unserem Gespräch auf der Rückbank.
„Ist doch auch egal“, sagt Dina und sieht aus dem Fenster.
„Er hat viele Fans, was?“, frage ich, um sie aufzuheitern. Aber sie hört mir nicht zu und blickt in die Ferne.
„Ist ja nicht wichtig. Wahrscheinlich war es albern, sich so einer bedeutungslosen Schwärmerei hinzugeben.“
Wahrscheinlich war es das, denken wir wohl alle, aber wir schweigen. Auch Dina sagt nichts mehr, doch die Enttäuschung ist ihr deutlich anzusehen.
Seit unserer Reise durch die Ewigen Welten vor einem Jahr kommt sie mir manchmal verändert vor. Natürlich, wir alle haben uns verändert, aber ich weiß nicht, was ich davon halten soll. In Momenten, in denen sie lacht, bin ich froh, dass sie glücklich sein kann, aber nun ist da wieder dieser Blick, wie eine unerfüllte Sehnsucht, die sie ergriffen hat und nicht mehr loslässt. Dabei war diese Zeit geprägt von Furcht und Schrecken – vor allem für mich.
* * *
Obwohl wir uns zeitig auf den Weg gemacht haben, kommen wir erst spät in der Nacht auf der Ranch an; die Fahrt von Dallas nach Coastville dauert sieben Stunden, selbst über die Interstate. Ich bin heilfroh, endlich aus der Ferne die Koppeln zu sehen, und halte in der Dunkelheit Ausschau nach den Mustangs.
„¿Que pasa?“, murmelt Robin, als er das Hoftor passiert. Ich starre angestrengt in die Schwärze vor uns, bis der Bewegungsmelder die Einfahrt beleuchtet.
Auf dem Hof steht ein fremder Pferdehänger. Um diese Zeit? Dina und ich blicken uns fragend an.
Als Robin den Wagen parkt und den Motor abstellt, wiehert Espejo im Anhänger, und im Haus geht ein Licht an. Wir steigen aus und Señor Davis eilt die Stufen herab auf uns zu. Robin wirft demonstrativ die Tür zu, als wäre sein Vater ihm eine Erklärung schuldig, aber bevor er danach verlangen kann, ruft Señor Davis erfreut: „¡Chicos! Schon zurück! Robin, mi Hijo, ich möchte dir jemanden vorstellen!“
Robin erwidert etwas Unfreundliches, das ich nicht verstehe, und tut sehr geschäftig, als er die Rampe des Hängers runterlässt und sein Pferd losbindet.
„Sei vernünftig!“, ermahnt ihn sein Vater und mir kommt es vor, als würde er absichtlich nicht in seiner Muttersprache sprechen, damit wir alle ihn verstehen. Er geht ein paar Schritte auf seinen Sohn zu und ich sehe aus dem Augenwinkel, wie hinter ihm in der Tür eine schlanke Gestalt erscheint. Es ist ein junger Mann, der sich gegen den Türrahmen lehnt und uns unter seiner schwarzen Hutkrempe beobachtet.
Robin führt das Pferd aus dem Hänger. Espejo geht gehorsam zurück und rundet dabei den schönen Hals. Als er wieder mit seinen vier Hufen auf festem Boden steht und den edlen Kopf hebt, verschlägt es uns allen die Sprache. Seine Nüstern sind gebläht und er wiehert noch einmal, bis von den Koppeln eine Antwort ertönt.
„Du hast einen Hengst gekauft?“ Jeremy Davis starrt seinen Sohn an, als hätte er soeben seine Seele verpfändet, aber es gelingt ihm, den Ärger in seiner Stimme hinter Überraschung zu verstecken.
„Zorro wird alt, wir brauchen irgendwann frisches Blut in der Herde, die Hälfte der Stuten sind seine Töchter. Und es ist einfacher, einen Hengst zu ersetzen als eine Herde Stuten“, erwidert Robin sachlich, aber ich höre einen leisen Trotz aus seiner Stimme. Natürlich reitet er viel lieber einen Hengst. Ich beiße mir auf die Lippe, um nicht zu grinsen.
„¡Bueno!“, sagt Señor Davis versöhnlich, „aber dann akzeptiere du bitte auch meine Veränderung. Du weißt, dass ich keine Wahl hatte, ich musste noch jemanden auf den Hof holen.“ Er folgt seinem Sohn notgedrungen, als er das Pferd in den Stall führt.
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