„Ich hab keine Ahnung“, meint sie. „Ich habe nicht darauf geachtet.“ Die Falte auf ihrer Stirn verrät mir, dass sie zu sehr mit etwas anderem beschäftigt war.
„Was war denn genau los?“, will ich wissen.
„Wie viele Stunden habt ihr noch?“, fragt sie zurück.
„Nur eine“, sage ich, „aber die ist nicht so wichtig, wieso?“
„Danach müssen wir auf die Ranch. Ich habe das Gefühl, dringend verhindern zu müssen, dass Robin und Oscar sich dort die Köpfe einschlagen. Wenn sie sich nicht schon beim Reiten den Hals gebrochen haben!“
„Was ist denn los mit den beiden? Warum war Robin denn so komisch gestern?“, frage ich, während Brendan kauend zuhört. Piper erzählt uns, was sie vor der Schule auf der Ranch erlebt hat.
Ich stoße verächtlich die Luft aus. „Männer! Ich habe langsam wirklich genug von ihnen!“
Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sie zurückgekommen sind, als Piper schon fort war. Völlig schweißgebadet, genau wie ihre Pferde, aber immer noch verbissen wie kleine Jungs, die keine Bonbons bekommen. Doch auf irgendeine Art gefällt mir die Vorstellung auch: Ein gutaussehender Fremder mit halb geöffnetem Hemd, die Ärmel bis zu den Oberarmen hochgekrempelt, auf einem unbezwingbaren Mustang … Ich blicke aus dem Fenster und lasse mein Essen kalt werden.
„Das war schon immer dein Problem, Dina! Du kannst nicht ohne sie leben, aber auch nicht mit ihnen!“ Piper grinst frech und Brendan stimmt ihr zu.
„Du musst ihn mir trotzdem vorstellen!“, verlange ich, während ich den Kampf mit meinem Gemüse wieder aufnehme. Ihre Behauptung ignoriere ich diskret.
„Ich?“, fragt sie mit vollem Mund. Als sie gekaut hat, erklärt sie: „Ich habe kein einziges Wort mit ihm gewechselt! Wahrscheinlich erinnert er sich gar nicht an mich.“
„Früher oder später musst du ihm mal auffallen, schließlich arbeitet ihr jetzt zusammen!“ Mir wird wie immer eine Sekunde zu spät bewusst, wie ungeschickt diese Formulierung war. Piper sagt nichts, aber ich merke, dass es in ihr arbeitet.
„Also das soll nicht heißen, dass –“
„Ja ja“, meint sie, „ich weiß ja, dass ich nicht gerade einprägsam bin! Eine graue Maus im Stroh, schon klar!“
„Ach, Blödsinn, das hab ich doch gar nicht gesagt!“
„Aber gemeint!“, entfährt es Brendan, der Piper immer in Schutz nimmt, wenn er kann. Ich widme ihm einen Jetzt-fang-du-nicht-auch-noch-an!- Blick und bemühe mich, Piper wieder gut zuzureden, aber ich habe es versaut.
„Gib es auf, Dina!“, sagt sie. „Ich weiß ganz genau, wer ich bin. Und ich kann nicht behaupten, dass mich das stört.“ Sie legt das Besteck neben den halb vollen Teller und stülpt ihren Becher um, dann schiebt sie den Stuhl zurück und steuert die Geschirrrückgabe an. Ich springe auf, um sie einzuholen, aber Brendan ist schneller und stellt sich mir in den Weg.
„Lass sie in Ruhe, Dina!“, sagt er fast bittend und der unausgesprochene Satz: Du machst es nur noch schlimmer! steht ihm ins Gesicht geschrieben.
„Nein, das werde ich nicht und du weißt es. Sie kann sich nicht ewig verkriechen!“, sage ich laut genug, damit sie es hört. „Sie versinkt buchstäblich im Selbstmitleid, seit Andy tot ist! Vielleicht würde es ihr guttun, wenn sie mal wieder etwas anderes sehen würde als Robin und die Pferde. Aber meine Einladungen schlägt sie ja immer aus!“
Piper verschwindet in Richtung ihres Schließfachs und blickt nicht zurück. Sie ruft nur: „Wisst ihr, ich glaube, ich fahre doch sofort zur Ranch!“
Brendan und ich sehen uns an und denken dasselbe. Dann laufen wir ihr hinterher.
„Du kannst nicht schon wieder die Schule schwänzen!“, sage ich. „Deine Mutter reißt uns den Kopf ab!“
„Falsch!“, antwortet sie, während sie ihr Fach öffnet und ihre Sachen einpackt. Dann grinst sie mich an. „Danny reißt euch den Kopf ab!“
Ich überlege, auch zu meinem Schließfach zu laufen, aber wenn ich die letzte Stunde ohnehin sausen lasse, ist es eigentlich egal, ob ich meine Hausaufgaben mache oder nicht. Brendan unternimmt ebenfalls keine Anstalten, sich vom Fleck zu rühren, aber wahrscheinlich schleppt er sowieso den ganzen Tag all seine Bücher mit sich rum.
Auf dem Weg sagt niemand von uns ein Wort. Piper radelt schweigend vorneweg und wir müssen unsere ganze Kraft in die Pedale legen, um nicht zurückzufallen. Wir lassen die Schule und die Stadt hinter uns und folgen der Straße durch die Felder, die irgendwann zur Davis Ranch führt. Als wir in die Einfahrt biegen, geht es steil bergan und ich keuche ein paar Minuten, bis ich aufgebe und absteige.
„Oh Mann, Piper, du willst es mir echt heimzahlen, was?“ Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Sie stellt sich in die Pedale und konzentriert sich auf den Weg, aber ein Lächeln umspielt ihre Mundwinkel.
„Hör endlich auf!“, sagt Brendan zu mir, der es nicht gesehen hat.
Das Tor steht offen und wie beinahe jeden Nachmittag im Frühjahr herrscht auf dem Hof ein reges Treiben. Interessenten mit Pferdetransportern begutachten die Mustangs, die Robin vorführt, während Jeremy Davis die Reitanlage und seine Nachzuchten präsentiert, immer wieder zum Handy greift und gegen Abend der einen oder anderen gut zahlenden Anwältin oder Zahnärztin eine Dressurstunde erteilt. Zum ersten Mal nehme ich wirklich wahr, wie viele Leute zwischen Stall und Reitplatz herumlaufen, immer darauf bedacht, nicht in Pferdeäpfel zu treten oder einem der schmutzigen Männer die Hand zu geben. Dabei lachen sie ausgelassen über ihre eigenen Witze und stehen eigentlich permanent im Weg.
Niemand bemerkt uns, als wir die Räder etwas abseits an eine Mauer lehnen. Niemand außer Maya, die uns durch die Beine der Erwachsenen entgegenläuft, gefolgt von ihrem Welpen.
„Wart ihr in der Schule?“, schreit sie und fällt beinahe über ihre eigenen Füße. Sie trägt keine Schuhe, nur ein staubiges Kleid, und zusammen mit dem struppigen Hund sieht sie aus wie ein Kind von der Straße.
„Ja, wir haben viel gelernt!“, sagt Piper und beugt sich zu ihr runter. Das Mädchen hüpft um sie herum und als sie sich dreht, fliegt das Kleid hoch wie ein kleiner Wirbelsturm.
„Soll ich euch etwas zeigen?“
„Einen neuen Tanz?“, fragt Piper.
„Nein, ein neues Pferd!“
„Ein neues Pferd?“ Wir blicken uns verwundert an. Maya ergreift zur Antwort Brendans Hand, und er lässt sich von ihr mit zum Stall ziehen.
„Dort ist er!“, ruft das Mädchen und deutet in eine düstere Ecke, in der lange kein Pferd mehr stand.
„Eine von Andys Boxen“, flüstert Piper und ihre Finger schließen sich unwillkürlich zu einer Faust.
Als wir uns nähern, schnaubt das Pferd unruhig, aber es hat sich von uns abgewandt und bleibt im Schatten. Die Konturen seines Fells verschmelzen mit der Dunkelheit, nur der Schweif peitscht nervös gegen die Bretterwand. Aufmerksam lauscht es in alle Richtungen und scharrt mit dem Huf im Sägemehl.
„Gehört er Oscar?“, fragt Piper Maya, die mit ihrem Hund neben uns im Stroh hockt.
Sie nickt eifrig. „Es ist sein Einhorn!“
Ich lächele über ihre kindliche Fantasie. Piper und Brendan tauschen einen verwunderten Blick. Wahrscheinlich meint Maya damit, dass sie das Pferd so schön findet, obwohl ich ihre Ansicht nicht ganz teilen kann.
Natürlich kann es nur ein normales Pferd sein – andernfalls hätten wir es sofort erkannt. Niemand von uns besitzt das zweite Gesicht, aber wir haben unseren Blick für das Magische trainiert und können unsere Einhörner inzwischen leicht von Pferden unterscheiden. Von ihrer Stirn geht ein Leuchten aus, als würden sie dort ihre Seele tragen. Und ihre Augen … Brendan würde vielleicht sagen, sie hüten das Wissen von Jahrtausenden. Und so ist es schließlich auch.
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