Das Handy piepst, eine SMS von meiner Freundin Piper. Wir wollten nach Dallas zu einer Mustang-Show fahren. Ich muss lächeln, als ich ihre Nachricht lese: Wo bleibst du??? Wir warten schon mit laufendem Motor …
Pferde gehören zu den wenigen Dingen, die wir gemeinsam noch unbeschwert genießen können. Sie geben uns den Anschein einer heilen Welt.
Ich schlüpfe in meine Hose und im Spiegel fällt mein Blick wieder auf das Amulett.
„Machen wir uns nichts vor“, murmele ich beim Gedanken an meine Freunde. „Wenn ich allein wäre, hätte ich schon tausendmal die Flucht ergriffen!“
Als ich die Halle betrete, umfängt mich der Duft von Sägemehl und Heu. Hunderte Menschen suchen auf den Tribünen nach den besten Plätzen, aber die Arena ist noch leer. Hinter transportablen Boxen aus Aluminiumstangen erkenne ich die Ohrenspitzen der Wildpferde, von Zeit zu Zeit recken sie neugierig die Köpfe und schnuppern mit ihren Nüstern über das Gitter hinweg. Aufregung ergreift mein Herz und lässt es schneller schlagen.
Robin kaut lässig auf einem Halm und lehnt einen Arm über die Bande, die die Tribüne von der Arena trennt. Seine Augen blitzen vergnügt unter der Hutkrempe, als er fragt: „Das ist genau das, womit man dich begeistern kann, was, Piper? Wilde Pferde, raue Burschen, die sie zähmen …“
Ich grinse, aber kann dem nichts Schlagkräftiges entgegensetzen.
„Es ist wohl eher die Arbeit, die dahinter steckt“, erkläre ich. „Wie Cowboy und Pferd gemeinsam als Team agieren und kommunizieren, ohne dass es für Außenstehende sichtbar ist. Die Aufgabe, ein völlig wild gefangenes Pferd, das keine Menschen kennt, in nur hundert Tagen zu seinem Partner zu machen, zu erreichen, dass es dir vertraut, ist selbst für viele erfahrene Reiter ein Ding der Unmöglichkeit. Ich bewundere einfach die Männer, die das schaffen.“
„Ich weiß“, sagt er, noch immer grinsend. „Reines sachliches Interesse! Claro, Chica!“
Nach meinem kleinen Vortrag hole ich tief Luft. „Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Robin. Du bist natürlich immer noch mein Lieblings-Cowboy!“
Er lacht, aber in seinem Blick liegt eine bittere Note. „Querida“, er dehnt das Wort und sieht in die Ferne. „Wir wissen beide, dass das nicht stimmt!“
Ich antworte nicht, aber ich weiß, dass wir unsere Gedanken teilen. Wir erinnern uns an die Zeit mit Andy, und meine Augen werden feucht dabei.
Ich tue so, als würde ich Staub wegblinzeln, als Dina und Brendan die Treppe heraufstürmen – beide beladen mit Softeis, das ihnen fast aus den Händen fällt.
„Mein Gott, ist das toll!“, ruft meine Freundin schon von Weitem und schüttelt ihr rotes Haar. „Habt ihr die ganzen Pferde gesehen?“ Ich will gerade entgegnen, dass wir sie natürlich gesehen haben, doch sie lässt mich gar nicht zu Wort kommen. „Ich bin so gespannt auf die Show. Auf dem Abreiteplatz ist gerade Billy Oldfield, der berühmteste Zureiter im ganzen Red River Valley, könnt ihr euch das vorstellen?“
„Nein, wirklich?“, äußert Robin theatralisch. „Wo hast du ihn gesehen?“ Übertrieben reckt er den Hals.
Dina knufft ihn mit dem Ellbogen in die Rippen. „Hier, nimm dein Eis, du Idiot!“
Sie übergibt mir auch meine Waffel, und während sie sich das Softeis von den Lippen leckt, lässt sie ihren Blick durch die Halle schweifen.
„Ach weißt du, ist schon okay, Robin“, sagt sie plötzlich großzügig. „Es kann ja nicht jeder so gut aussehen wie er! … Oder so gut reiten!“
Damit hat sie seinen empfindlichen Punkt getroffen. Empört über diese Behauptung setzt er zu einer Rechtfertigung an, doch dann kreuzen sich unsere Blicke und Robin besinnt sich und gibt sich geschlagen. „Ich bin tief in meiner Ehre gekränkt!“, behauptet er und legt die Hand aufs Herz. „Was meinst du, Brendan, können wir unseren guten Ruf wiederherstellen?“
Brendan hat unserem Gespräch keine Beachtung geschenkt, sondern die ganze Zeit die Pferde in ihren Boxen beobachtet. Das und das Eis, was schon auf seine Hand tropft, fordern seine ganze Aufmerksamkeit, und er reagiert erst, als Robin seine Frage mit Nachdruck wiederholt.
„Was? Oh ja, sicher. Schätze, gegen Billy Oldfield hast du schlechte Chancen …“
„Da hörst du es!“, triumphiert Dina. Und an mich gewandt fügt sie hinzu: „Wir lassen uns doch nicht mit jedem dahergelaufenen Cowboy ein, was, Piper? Schmeckt eigentlich das Eis? Oh Mann, das ist alles so aufregend, schade, dass Andy nicht hier sein kann …“
Ich muss schlucken, dann senke ich den Blick und ziehe den Hut tiefer in die Stirn. „Wirklich schade“, sage ich leise.
Brendan sieht Dina an wie versteinert. „Was hast du da gerade gesagt?“ Sein Eis tropft in das Sägemehl der Arena.
Dina blickt schuldbewusst zu mir. Aber ich beachte sie nicht. Ich habe nicht vor, es noch schlimmer zu machen. Reden wir nicht mehr darüber; er ist fort und es lässt sich nicht ändern.
„Es war damals seine Idee, nach Dallas zu fahren“, sagt Robin ruhig. „Er wäre sicher genauso begeistert wie du.“
Ich sehe ihn lange an.
„Ganz bestimmt sogar“, antwortet Dina kleinlaut.
Brendan hat sich wieder gefasst und schreitet entgegen seiner Gewohnheit ausnahmsweise voran. „Komm, Piper, gehen wir lieber unsere Plätze suchen! Es geht bestimmt bald los.“
* * *
Die Show wird fantastisch. Ich bin begeistert, als ich all die Mustangs sehe, die vor einem halben Jahr noch völlig wild in der Prärie umherliefen und dann für einen guten Zweck von den besten Ausbildern des Landes gezähmt wurden, um für die bedrohten Tiere Werbung zu machen und vielleicht den einen oder anderen Pferdefreund dazu anzuregen, ein Pferd zu ersteigern oder Geld zu spenden, damit die Behörde die wilden Herden und ihren Lebensraum erhalten kann.
„Ich werde eins kaufen!“, sagt Robin gleich, als das erste braune Pferd die Bahn verlässt und auch schon das nächste im vollen Galopp in die Arena kommt. Sein Reiter pariert sanft durch – mit beinahe unsichtbaren Hilfen – und wechselt in einen versammelten Trot. Er reitet große Kreise, um den Hengst von allen Seiten zu zeigen, während der Moderator der Vorführung Pferd und Cowboy vorstellt.
„Er ist es! Billy Oldfield!“, kreischt Dina und zappelt mit den Füßen vor Aufregung. Robin und Brendan rollen mit den Augen.
Sie sieht erwartungsvoll zu uns, doch niemand teilt ihre Reaktion.
„Ach, ihr habt doch keine Ahnung!“, winkt sie ab und fährt fort, genüsslich ihr Eis zu schlecken und nebenbei Billy Oldfield aus der Ferne anzuhimmeln.
Brendan und ich sehen uns an und zucken mit den Schultern.
„Da hat sie wohl recht“, meint er nur.
Robin muss sich eine ironische Bemerkung verkneifen.
„Welches wirst du nehmen?“, frage ich ihn, um das Thema wieder aufzugreifen.
„Sicher nicht dieses!“, entgegnet er sofort. Dafür erntet er einen grimmigen Seitenblick von Dina. Aber er stochert weiter in der Wunde herum: „Es ist viel zu schmal gebaut und steht nicht gut an den Hilfen. Für die Zucht nahezu überhaupt nicht geeignet, wahrscheinlich würde es auf der Ranch keine drei Monate durchhalten.“
Abfällig mustert er das Pferd, das unter seinem hervorragenden Reiter eine erstklassige Dressur vorführt – in meinen Augen eine Wahnsinnsleistung für eine Ausbildung von hundert Tagen und wahrscheinlich viel mehr, als ich mir mit meinen Mustangs jemals erhoffen darf. Begeistert klatsche ich Beifall und erhebe mich mit Dina von den Sitzen, als Billy dem Publikum dankt und den Damen Küsse zuwirft, bevor er das Pferd aus der Bahn reitet. Dina jubelt und pfeift ihm hinterher, von den Jungs kommen nur verständnislose Blicke.
Als Dina sich wieder beruhigt hat, sagt sie zu Robin: „Vielleicht solltest du selbst mitmachen, wenn du dich so gut auskennst, Señor Profi-Ausbilder!“
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