Auch kleinere Gruppen scheuten und scheuen sich bis heute, offen über Gewaltanwendung durch ihre Mitglieder zu sprechen: Die Kirchen waren groß im Verschweigen, als nach und nach die sexuellen Übergriffe einiger ihrer Priester an Kindern zum Vorschein kamen; Lehrer wurden jahrzehntelang einfach von Gemeinde zu Gemeinde strafversetzt, wenn dergleichen publik wurde; Standesorganisationen versuchten, Anklägerinnen mundtot zu machen.
Ich werde weiter unten noch einige Male auf dieses Phänomen des Abwehrens und Verschweigens zurückkommen, über welches auch viele Menschen ein trauriges Lied singen können, die innerhalb ihrer Familien sexueller Gewalt ausgesetzt waren und sie Jahre später anzuklagen versuchten.
Doch die Täter sind auf jeden Fall die Schuldigen, denn Anmache, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen sind meistens geplant. Der Täter hat sich sein Opfer, das ihm im Bekannten oder Verwandtenkreis begegnet ist, längst ausgesucht. Er entwickelt eine Strategie, sich der Frau zu nähern oder das Kind in seine Nähe zu holen. Meistens ist er eine vertraute Person, vor dem das potentielle Opfer erst einmal keine Angst hat. Und meistens befindet sich dieses in irgendeiner Art Abhängigkeit vom Täter – emotional, weil er ein Mitglied der Familie ist, finanziell, weil er die Ausbildung bezahlt, leistungsmäßig, weil er ein Lehrer oder anderer Ausbilder ist, spirituell, weil er der Beichtvater ist, usw.
Wenn aber die Täter aus dem eigenen, nahen Umfeld stammen, stellt sich die Frage: Woran kann ich sie erkennen? Denn ganz sicherlich sind ja nicht alle Männer Vergewaltiger, sexuelle Anmacher oder sonstwie glibberige Personen. Das Erkennen eines potentiellen Täters ist vor allen Dingen immer noch eine Sache des Gefühls, der Intuition – weniger kühl-sachlicher Überlegungen.
Jeder hat wahrscheinlich schon einmal Stare oder andere Vögel auf einem Draht, einer Stange oder einer Überlandleitung sitzen sehen. Sie halten voneinander einen ziemlich gleichmäßigen Abstand, der mit ihrem eigenen Körperumfang, der Länge der Flügel, des Schnabels und noch anderen Äußerlichkeiten korrespondiert.
Manchmal, wenn sich jeder Vogel in seinem Revier aufhält, wird die Stimme eingesetzt, um den Umfang dieses Reviers zu markieren, der in irgendeiner Weise mit der Reichweite dieser Stimme zusammenhängt.
Wenn man sich einem Spatzen nähert, der auf dem Boden hockt, so wartet dieser einen ganz bestimmten Moment ab, um aufzufliegen. Auch Wildtiere verhalten sich so, Katzen, die in der Sonne liegen, oder Frösche, die sich am Rande eines Teiches auf Seerosenblättern sonnen.
Jedes Tier hat eine ganz bestimmte Fluchtdistanz – und diese wiederum bestimmt sich aus der Art und Reichweite seiner eigenen Körperwaffen, aus seiner Schnelligkeit und dem Ausmaß der Bedrohlichkeit des sich nähernden anderen Tieres oder des daherkommenden Menschen. Menschengewohnte Vögel wie der Kulturfolger Spatz haben eine erstaunlich geringe Fluchtdistanz, sie scheinen aber auch genau zu wissen, dass wir nicht fliegen können. Ein Löwe wiederum hat uns gegenüber gar keine Fluchtdistanz, und jene des Menschen ist gegenüber einem größeren Raubtier eigentlich unendlich: Es ist das Beste, wenn der Löwe den Menschen, der da durch die Savanne läuft gar nicht erst sieht.
Die Flucht- oder Beißdistanz eines Hundes, der ein domestiziertes Raubtier, ein ehemaliger Wolf ist, ist uns Menschen gegenüber sehr gering, im Ernstfall befindet sie sich irgendwo in der Nähe seiner Haarspitzen. Ein Hund gilt als unberechenbar, wenn man ihn nicht ungestraft anfassen darf. Manchen Hunden hat man das Revierverhalten aber gelassen oder neu anerzogen. Sie dienen als Wachhunde und verbellen oder beißen jeden, der das Revier unerlaubt betritt. In freier Wildbahn markieren hundeähnliche Tiere ihre Gebiete mit ihrem Sekret, das sie an Bäumen, Steinen und anderen markanten Stellen in der Landschaft deponieren. Wehe, ein anderes Tier dringt in dieses zwar unsichtbare, aber riechbare Revier ein!
Auch wir Menschen haben im Grunde genommen noch solche Reviere. Unsere Vorfahren, die Australopithecinen in der afrikanischen Savanne oder die ersten Lagerfeuermacher im eiszeitlichen Europa, hatten sicherlich noch ein stärkeres Sensorium dafür als wir Menschen der Gegenwart. Aber wenn wir uns selbst ein bisschen genauer beobachten, können wir an uns selber durchaus noch solche Eigenarten wie eine Fluchtdistanz feststellen. So ist es beispielsweise den meisten Leuten sehr unangenehm, mit fremden Menschen irgendwo im Bus oder in der Straßenbahn zusammengepfercht herumstehen zu müssen; rappelvolle Kaufhäuser senken die Lust am Einkaufsbummel rapide, und das Gedrängel in einer Disco hält man eigentlich nur aus, weil in der Nähe die eigenen Leute herumtanzen, die Freundinnen und Freunde aus der Clique, mit der man losgezogen ist.
Eine Art von Revier ist also wohlungefähr die Länge der eigenen Arme, die auch gewissermaßen unsere Körperwaffen sind. Man hält unvertraute und fremde Menschen am liebsten mindestens eine Armlänge weit von sich. Aus dieser Distanz kann man übrigens auch am besten ihr Gesicht betrachten, ihre Mimik beobachten und daraus ihr Verhalten einschätzen. Auf der anderen Seite lässt man die Freundinnen, vertraute Menschen in diesen Bereich hinein.
Eine andere Möglichkeit, die in unserer Kultur vor allem Frauen nutzen, ist die Verstärkung des eigenen Körpergeruchs. Mehr oder weniger dezente Parfüms signalisieren: Mein Raum reicht so weit wie mein Geruch! Umgekehrt gibt es eine ganze Menge Menschen, die man «irgendwie» nicht riechen kann und von denen man dann sicherlich einen größeren Abstand braucht als nur eine Armlänge. Wenn Menschen mit ihrem Parfüm, ihrem Geruch einen ganzen Raum füllen, so empfinden wir das als dominant, nervig, unhöflich, vielleicht sogar ein bisschen nuttig. Ich hatte eine Tante, die drückte das, zum Schrecken meiner wohlerzogenen Frau Mama, so aus: «Diese Dame da stinkt wie ein ganzes Freudenhaus!» Meine Armlänge – die Flügelspannweite – ist also eine Distanz, der Körpergeruch eine weitere.
In Kursen erlebe ich häufig, wenn ich mit Frauen oder Mädchen Übungen zu diesem Thema durchführe, dass es noch eine mittlere Distanz zwischen der Geruchsentfernung und der Armlänge gibt: Sie ist länger als der etwa eine Meter der Flügelspannweite und kürzer als die drei bis fünf Meter des Geruchsreviers und befindet sich irgendwo dazwischen, etwa fünfzig bis achtzig Zentimeter außerhalb der Fingerspitzen der ausgestreckten Arme. Diese Entfernung nenne ich in Kinderkursen «Gartenzaun». Sie entspricht der Armlänge plus einem kleineren Schritt nach vorne. Der unmittelbare Meter der Armlänge ist das «Haus», manchmal gebrauche ich auch das Bild der «Raumkapsel » oder der «Adlerfittiche».
Man teilt die Menschen seiner Umgebung letztlich mehr oder minder bewusst danach ein, wie nahe man sie an sich herankommen lassen will: Wen lasse ich in mein «Haus», wen eigentlich lieber nur bis zum «Gartenzaun», und wen kann ich überhaupt nicht riechen und hätte am liebsten, dass er oder sie den Raum verlässt?
Das Problem ist aber, dass man insbesondere in abhängigen Situationen, in Gruppen/Situationen, die man nicht vermeiden kann, wie beispielsweise Schule und Ausbildung – aber eigentlich doch schon morgens im Bus auf der Fahrt zu dieser Schule oder diesem Ausbildungsplatz –, immer wieder Menschen über seine persönlichen Distanzschwellen treten lassen muss: Lehrer bauen sich hinter dem Rücken auf, weil sie ins Heft oder auf den Computermonitor schauen müssen, Meister schauen einem an der Drehbank auf die Finger, wildfremde Leute quetschen sich im Bus neben einen auf die Bank.
Wir könnten diese ständige Nähe gar nicht aushalten, wenn wir nicht davon ausgingen, dass sich all diese zusammengepferchten Menschen eigentlich nichts Böses antun wollen, dass der Lehrer helfen, der Meister Tipps geben will und der Dicke auf der Bank nur müde Füße hat. Ohne ein grundsätzliches Vertrauen in die Gutwilligkeit unserer Mitbürger könnten wir gar nicht auf dem engen Raum zusammenleben, den uns eine moderne Gesellschaft aufzwingt.
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