Am Ende verließen wir mit einer Sanddornmarmelade, einem Fruchtsaftkonzentrat und zwei Flaschen Sanddorn-Schorle den Laden und radelten zurück.
Der Weg zurück war anstrengender. Zwar war die Steigung nicht so steil, dafür aber viel länger. Trotzdem ich die Gangschaltung intensiv benutzte, schien kein Gang wirklich passend zu sein und als wir oben bei der Lichtung angekommen waren, deutete ich an, dass ich eine Pause machen wollte. Meine Beine taten mir weh, und ich hatte auch noch gar keine Lust, wieder zurückzukehren. Also legte ich mein Rad auf die Wiese und setzte mich ins Gras. Dennis setzte sich neben mich.
„Die Aussicht ist sehr schön!”
„Ja.”
„Wenn ich eine Gelegenheit gehabt hätte, Chiòcciola zu küssen, hätte ich auch diesen Ort gewählt. - Es tut noch weh, das mit Rìccio, oder?”
„Ja.”
„Was bedrückt dich mehr, dass du Rìccio geküsst hast, und er gleichzeitig eine sie ist, oder dass du ihn überhaupt geküsst hast? Oder dass es sich um ein Alien handelt, bei dem durch Küssen Babys entstehen könnten?”
„Ich weiß nicht. Ich bin ganz durcheinander.”
„Das verstehe ich. Aber andererseits sind andere nie die, für die wir sie halten. Nicht einmal wir selbst wissen doch, was oder wer wir wirklich sind.”
„Na, das ist doch wohl in der Praxis nicht sonderlich schwierig, oder. Du bist ein Junge, ich ein Mädchen. Das sieht man doch wohl. Schwierig ist es doch nur, wenn es mit solchen Verwandlungstricks unmöglich wird, das Ganze zu erkennen.”
„Gut, ja. Aber andererseits eiert das IOC, das Internationale Olympische Komitee, seit vielen Jahren enorm rum und drückt sich vor der Frage, wie genau definiert ist, wer als Frau starten darf!”
„Wie kann das eine Frage sein. Das sieht man doch. Vielleicht nicht unbedingt bei den russischen Kugelstoßerinnen, aber sonst, ist das doch recht offensichtlich.”
„Wirklich? Wusstest du, dass bei Hausrindern, die zwei Kälbchen werfen, von denen eins männlich, eins weiblich ist, die Wahrscheinlichkeit, dass das weibliche jemals Nachwuchs haben kann, unter zehn Prozent liegt? Das ist so häufig, dass es sogar einen Namen dafür gibt: ‘Freemartin’.”
„Klasse, jetzt werde ich schon mit Rindviechern verglichen!”
Dennis fuhr unbeirrt fort: „Ursache ist, dass die Blutstammzellen von beiden Embryos sich in der Plazenta vermischen und so das Kuh-Kälbchen in der entscheidenden Phase, wenn die Gebärmutter gebildet wird, soviel Blut mit männlichen Chromosomen hat, dass es nicht dazu kommt, weshalb es keinen Nachwuchs bekommen kann und nie Milch geben wird. Für die Bauern ist das natürlich ein großer Verlust.”
„Wir sind doch ebenfalls gemischte Zwillinge. Du meinst ich bekomme später ebenfalls keine Kinder? Das wird ja immer bescheuerter. Alle vier Wochen Bauchschmerzen und keine Kinder!”
„Beim Menschen sind diese Effekte sehr viel seltener. Und wie du schon sagst, bei dir deutet alles darauf hin, dass es normal funktioniert. Aber umgekehrt, auch ich könnte weibliches Blut in mir haben.”
„Was ist denn noch so, wie es scheint? Irgendwie habe ich seit dem Kuss das Gefühl, dass ich den Boden unter den Füßen verliere.”
„Dann wird dir das wahrscheinlich auch nicht sehr gefallen. Auf Puerto Rico gibt es eine Sippe, in der Mädchen gelegentlich mit Beginn der Pubertät plötzlich zu Jungen werden.”
„Du meinst, die wachsen ganz normal als Mädchen unter anderen Mädchen auf und sind dann über Nacht plötzlich Jungen? - Schrecklich!”
„Nicht über Nacht. Es dauert schon ein paar Wochen. Aber ja, sie waren vorher unauffällig und sind hinterher ebenfalls unauffällig, nur andersherum. - Und ja, ich glaube, dass das eine Menge Freundschaften unter Stress stellt.”
„Das meine ich auch. Ich muss meiner Freundin absagen, dass ich nicht mehr zum Shoppen mitkomme, weil ich plötzlich keinen Minirock mehr benötige sondern einen Fußball. Das bringt doch alles durcheinander!”
„Bestimmt! Aber fällt dir auf, dass du gerade zwei unterschiedliche Ebenen miteinander vermischst?”
„Wieso? Welche Ebenen?”
„Wie dein Körper aussieht und wie du dich verhältst. Das ist doch nicht zwingend deckungsgleich. Wenn du Lust hast, an einem Motorradmotor zu schrauben, heißt das doch nicht, dass du nicht schwanger werden kannst.”
„Dann sagt es aber auch nichts darüber aus, ob ich lieber einen Jungen oder ein Mädchen küsse!”
„Dann haben wir ja sogar schon drei Ebnen. Und eine vierte Ebene wäre noch, wenn dir jemand sagt, was du zu tun hast, nur weil dieser jemand dich in eine bestimmte Gruppe einsortiert.”
„Stimmt. Das hat bei mir eigentlich nie jemand gemacht. Zumindest ist es mir nicht bewusst. Wahrscheinlich habe ich mich eher selbst in eine Gruppe eingeordnet.”
„Das macht bestimmt jeder so. Und was das Küssen anbelangt, höre einfach auf dein Herz. Ich hätte es wahrscheinlich so getan, selbst bei dem, was ich jetzt über unsere Nachbarin weiß.”
„Aber haben die uns nicht an der Nase herumgeführt, als sie mit uns so unterschiedlich umgegangen sind?”
„Es waren nicht zwei, sondern nur eine oder einer. Und ja, Rìccio hat mit mir alles gemacht, was ich mit meinen Kumpels so gemacht hätte. Chiòcciola wahrscheinlich das gleiche, was du mit deinen Freundinnen so tust. Aber hätte ich mit Chiòcciola Videospiele gespielt? Wärest du mit Rìccio shoppen gegangen? Sie haben weniger mit uns gespielt, als uns vielmehr durch das Benutzen unserer Rollenbilder einen Spiegel vorgehalten. Und sie waren für beide von uns in den anderen Rollen attraktiv.”
„Und doch war es eine Person. Was sagt das nun über uns?”
„Ich weiß es nicht! Aber toll sieht sie schon aus, oder?”
Der Rest des Weges ging rasant abwärts und man musste sich gut konzentrieren, um nicht zu stürzen. Das war gut, denn so bekam ich wieder einen klaren Kopf und auch der Fahrtwind war angenehm.
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