Die Einladung zum Klassentreffen
Trish wohnte seit mittlerweile drei Wochen in Berghausen. Zum Glück hatte sie den Umzug gut überstanden. Einige ihrer Teller waren zwar zu Bruch gegangen, doch das war nichts, das man nicht bei Ikea wieder bekam. Trish hatte ein kleines schickes Häuschen mit kleinem Vorgarten. In diesem wucherte zwar nur Grünzeug, aber das war ihr egal. Es war ihres. Sie hatte eine kleine Terrasse auf der Südseite, auf die sie einen Tisch und zwei Klappstühle gestellt hatte. Das reichte. Wer sollte auch hier sitzen außer Sally und sie? Trish war sehr zufrieden mit der neuen Umgebung. Sie hatte sich um eine Agentur gekümmert, die ihre Aufträge verwaltete, und sie dann von A nach B schickte. Um immer in Bewegungen zu bleiben, ging sie nach der Arbeit im nahegelegen Park joggen. Trish stand an der Glasfront ihrer zweiten Terrasse. Hier konnte sie Partys feiern oder einfach nur relaxen. Ob das aber je der Fall sein würde, da war sich Trish nicht sicher. Das Haus besaß an der Seite einen Autostellplatz und dahinter konnte man von hinten das Haus betreten. Vielleicht sollte sie doch ein paar Gartenmöbel besorgen? Trish schnaubte. Allein der Gedanken an die ganzen Besorgungen machte ihr jetzt schon Kopfschmerzen. Doch was sollte es. Sie war glücklich und genoss ihr neues Leben. Wie in Trance fuhr sie die Konturen ihres Körpers nach und lächelte. Du bist so heiß meine Liebe grinste sie in sich hinein. Und nun wurde sie von der Vergangenheit eingeholt, als der Brief kam, der alles wieder real werden ließ und kaputtmachte.
Das Datum für die Feier kam immer näher und Trish ging immer mehr die Muffe. Sollte sie wirklich dahin? Was hatte sie zu verlieren? Nichts! Sie sah gut aus, hatte keine Klauennnase, keine Dumboohren- oder Draculazähne mehr. Ein Dank an die plastische Chirurgie. Für die Unreinheiten der Haut gab es ja genügend Cremes und Puder. Und seit sie kein Gramm Fett mehr zu sich nahm, war sowieso alles super. Sie musste sich also keine Sorgen machen. Das einzige Problem bestand allerdings darin, das nichts Passendes zum Anziehen im Schrank hing. Zumindest nicht für ein solchen Auftritt. Trish musste wohl oder übel zum Einkaufen. Nach Stunden langen Shoppens und anprobieren verschiedener Klamotten und Schuhen kam Trish Stunden später mit fünf Tüten nach Hause. Und in einer dieser Tüten befand sich das gewisse Outfit in dem sie garantiert alle Blicke auf sich zog. Sie wollte dem Rest der Welt zeigen, dass sie ein Schwan und nicht mehr das kleine hässliche Entlein war. Zuerst musste sie die Kleider nach und nach noch mal anprobieren, um zu sehen, ob alles zu ihrer Zufriedenheit war. Als sie schließlich das schwarze Glitzerkleid in den Händen hielt, hatte sie ihre Wahl getroffen. Das würde das Outfit für das Klassentreffen sein. Zwei Tage, bevor das Treffen war, telefonierten Trish und Sally noch einmal lange miteinander. Trish hatte immer noch ihre Zweifel, ob es richtig war dahin zu gehen. Was wenn sie auf Liam stoßen würden? Was sollte sie ihm sagen, wenn sie sich gegenüberstehen würden? Oder sollte sie ihn links liegen lassen? Nein, das wäre unhöflich.
„Trish beruhige dich. Es ist zehn Jahre her. Er wird dich nicht erkennen. Niemand wird dich erkennen. Du bist in guten Händen und denk daran, du hast keine Angst.“
„Ich habe keine Angst. Vor was auch? Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Ich werde es ihnen zeigen. Ich bin stark.“
„Genau. Wann genau holst du mich ab?“
„Um acht. Bis dann,“ sagte Trish und legte auf.
Meinte sie jetzt acht am Abend oder acht am Morgen?
Samstag! Der Tag der Vergangenheit, - ging es Trish durch den Kopf, als sie am Morgen die Augen aufschlug.
„Ich fass es nicht, dass ich da wirklich hingehe“, murmelte sie immer und immer wieder vor sich hin. Nachdem sie in die Küche geschlendert und sich einen Kaffee gemacht und die Zeitung gelesen hatte, beschloss sie erst mal zu duschen. Während dieser Zeit spukten ihr die verrücktesten Dinge durch den Kopf. Dass sie stolperte und hinfiel. Dass sie im Matsch landete. Denk an was anderes,- ermahnte sie sich es wird nichts dergleichen passieren. Sie zog sich an, legte ihr Make-up auf und begab sich zu ihrem Wagen. Den hatte sie sich von ihrem restlichen Ersparten geleistet, und er sah total edel und schick aus. Obwohl er nichts Besonderes war. Er diente hauptsächlich zum Erledigungen machen, aber heute diente er auch zur Angabe. Wenig später parkte Trish ihren Wagen in der Hofeinfahrt von Sally. Noch bevor sie klingeln konnte, sprang die Tür auf und ein kreischendes Etwas drückte sich an sie.
„Wow! Scheiße siehst du gut aus. Mensch ich freu mich so. Lass dich drücken.“
„Sally ich bekomme keine Luft mehr. Lass mich bitte los. Ich freue mich doch auch, dich nach so langer Zeit wieder zu sehen.“
„Komm rein. Du bist früh dran. Ich dachte du kommst erst um acht ... heute Abend!“
„Wir haben uns so lange nicht gesehen. Da dachte ich wir verbringen den Tag zusammen und quatschen über alles. Meine Klamotten und so habe ich dabei“, sagte Trish und hielt ihre Tasche hoch.
„Super. Komm rein. Ich mach Kaffee.“
Trish fielen sofort die Bilder an der Wand auf, die sie beide zeigten. Wie sie auf Schulfesten waren oder draußen vor ihren Elternhäusern … mal als Kind … mal als Teenie.
„Nicht zu glauben, wie fett ich war“, sagte Trish, als Sally den Raum wieder betrat.
„Ja! Du hast dich sehr verändert. Du bist erwachsen.“
„Was denkst du erwartet uns heute Abend, wenn sie uns sehen“, fragte Trish, als sie im Wohnzimmer herum schlenderte.
„Bei mir eventuell ein Hallo. Bei dir wahrscheinlich Wow . Und das allein schon wegen deiner Beine. Schau dir diese Beine an …“
„Was ist denn damit?“
„Sie sind perfekt. Und gehen bis zum Himmel.“
Trish musste lächeln.
„Danke.“
„Nicht dafür“, antwortete Sally und sah auf ihre Uhr. „Vielleicht sollte ich jetzt mal beginnen, mich herzurichten. Die Zeit verfliegt geradezu.“
„Wäre eine Überlegung wert“, sagte Trish und lächelte ihrer Freundin zu. „Ich warte hier!“
Sally nickte und verschwand im Badezimmer. Lächelnd stieg sie unter der Dusche und dachte an den kommenden Abend. Sie freute sich, und das nicht nur, weil Trish wieder da war. Viel mehr freute sich auf die blöden Gesichter ihrer ehemaligen Mitschüler, wenn diese erst mal Trish wieder sahen. Bis zur besagten Adresse waren es nur einige Kilometer und Trish fand den Weg ganz ohne Hilfe. Nachdem sie ihren Wagen auf der Parkfläche abgestellt hatte, schaute sie sich prüfend um.
„Suchst du etwas?“
„Nein! Mir kommt es nur so vor, als ob ich hier schon mal war.“
„Warst du auch. Das ist die Stelle, an der früher unsere Schule stand.“
Trish zog sich der Magen zusammen. In ihrem Inneren sah sie wieder, wie sie die Stufen hinunter gestolpert war, wenn man sie wieder ausgelacht hatte.
„Aber … aber … früher … was ist passiert?“
„Vor circa. fünf Jahren hat es hier einen Brand gegeben. Wahrscheinlich Brandstiftung. Sagen zumindest die Zeitungen. Herausgefunden hat man es nie. Danach mussten sie die Schule abreißen und an einem neuen Ort neu aufbauen. Und anstatt der Schule steht nun hier diese Halle.“
Langsam gingen sie auf den Eingang zu. Trish war es, als ob sie wieder eine Tonne wog und speckig wäre. Ihr Herz raste und ihr Puls beschleunigte sich von Minute zu Minute mehr. Als sie die Tür öffneten, saß am Eingang eine Frau die Trish nur zu gut kannte. Sie hatte sich nicht verändert. Sie war etwas molliger geworden. Hatte statt ihrer braunen, nun blonde Haare und trug eine Brille. Trish hatte zwar auch eine, aber an solchen Tagen trug sie lieber Kontaktlinsen.
„Hallo. Eure Namen bitte.“
„Sally Busch.“
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