„Hört ihr mir bitte mal kurz zu!“ Erbitte ich ihre Aufmerksamkeit. Sie sind ruhig und blicken mich an. „Wie Ihr wisst, haben zuerst Mutter, und dann ich, den See des langen Lebens gefunden. Mutter hat ihn im Winter entdeckt, als sie ein ruhiges Plätzchen suchte. Seitdem trinkt sie jeden Tag daraus. Das half ihr gesund zu werden, den Winter zu überstehen und sich wieder lebendig zu fühlen. Custos trinkt seit über dreitausend Tagen davon, schaut ihn Euch an, obwohl er den ganzen Winter kein Lebenswasser getrunken hat, geht es ihm gut. Jetzt hat er natürlich wieder Zugriff darauf und trinkt jeden Tag daraus. Ich selbst trinke mehr oder wenig regelmäßig, bis auf die Zeit, als die Quelle von den Menschen zerstört wurde. Jetzt trinke ich aus dem See. Mein jugendliches Aussehen, wie Cito immer sagt, verdanke ich wohl der Quelle. Ich bitte Euch darüber nachzudenken, ob ihr auch länger und gesünder leben wollt. Ihr könnt Euch natürlich auch dagegen entscheiden, niemand verlangt es von Euch, niemand hier urteilt über Euch. Ich verstehe es, wenn jemand sagt eine normale Lebensspanne sei genug. Überlegt es euch gut, ich weiß, die Entscheidung ist nicht leicht. Wisst Ihr, meine Neugier auf die Zukunft ist groß, deswegen versuche ich lange zu leben. Es würde mich traurig machen, Euch zu verlieren, aber ich kann nicht anders. Ich kann Euch nicht bitten, etwas zu tun, was für mich selbstverständlich ist.“ Ich schaue sie alle der Reihe nach an. Berti und Activa mit Curio, Bella und Beatus, sie haben gemeinsam acht Kinder, Amissa, Damien, Benedikte, Emilo und Magali, die Schülerin, die wie Damien und Emilo geblieben ist. Ich erwarte jetzt keine Antwort und ich akzeptiere jede, aber ich hoffe sehr, dass sie mich nicht alleinlassen.
„Jetzt passt auch unser Name erst richtig.“ Sagt Berti.
„Was meinst Du?“ Ich stehe auf dem Schlauch.
„Der Clan des heiligen Sees. Jetzt haben wir einen.“ Jetzt verstehe ich und muss lachen. Ich drücke meinen Bruder kurz und gehe lächelnd ins Nest.
*
Tara erwartete Tabitha heute zu einem Besuch. Sie richtete ihre kleine Wohnhöhle noch ein bisschen her, und setzte sich dann auf einen Stein davor. Das Leben hier würde ganz anders werden, wie sie es gewohnt war. Hier lebten alle Familien in eigenen Höhle, die jedoch nah beieinander lagen. Sie kannte eigentlich nur den Gemeinschaftsbau, da war sie aufgewachsen, und so hatten sie es auch nach der Katastrophe gehalten. Eigentlich fand sie es gar nicht so schlecht, man konnte sich zurückziehen, wenn man wollte, aber auch die Gesellschaft der anderen suchen, wenn man es brauchte. Im Winter wäre es schon schwieriger, so allein, aber da findet sich bestimmt eine Lösung. Schon von weitem sah sie Tabitha auf sich zukommen, sie stellte ihre Gedanken zurück und konzentrierte sich auf ihren Besuch.
„Hallo Tara, wie geht es Dir, hast Du Dich schon etwas eingelebt?“ Tabitha lächelte sie freundlich an. „Im Moment ist alles noch ein bisschen ungewohnt, ich glaube, ich habe noch nie allein gelebt, aber es ist schön hier. Und wie geht es Dir, Tabitha?“
Diese setzte sich erst einmal gemütlich hin.
„Super, wir haben jetzt auch einen Clan gegründet, den Clan der Mediziner. Endlich haben wir die Schule, die wir immer wollten. Hast Du unter Deinen Leuten vielleicht jemand mit Gaben oder einen der sich für Medizin interessiert?“ Tara kratzt sich am Kopf. „Lass mich mal nachdenken, der kleine Felix vielleicht. Was sage ich da, klein ist er nicht mehr, ungefähr achtzig Tage alt. Er kam als Waise zu mir, kurz vor dem Winter, da war er gerade mal Sechzehn, seitdem sehe ich in ihm immer den kleinen Felix.“ Sie lachte.
„Ich bin froh, dass er das nicht gehört hat, sonst würde er sich ärgern.“
„Was kann er denn so, Tara?“
„Er kann wie ich Wunden schließen, aber sonst, glaube ich, nicht viel mehr. Ich weiß nicht genau, ob er seine Gabe noch erweitern kann, aber er wäre ein guter Schüler. Felix ist sehr wissbegierig.“ Tabitha wirkte sehr zufrieden.
„Das hört sich doch mal interessant an, wo finde ich diesen Felix?“ Tara deutete in eine bestimmte Richtung.
„Dort drüben neben dem Sanddorn, siehst Du den hellen dreieckigen Stein?“
Tabitha folgte ihrer Hand und sah ihn auch.
„Ja.“
„Dahinter liegt das Eingangsloch, dort wohnen ein paar junge Leute, Dein Sohn Alexander übrigens auch. Zu welchem Clan gehört er jetzt eigentlich, zu Deinem oder zu meinem?“
„Tara, das ist eine gute Frage, ich weiß es nicht. Er ist inzwischen erwachsen, wir würden ihn natürlich aufnehmen, er ist unser Sohn. Aber ich habe den Eindruck, er will lieber zu Euch gehören. Frag ihn einfach, ok?“ Tara nickte.
„Mach ich, willst Du diesen Felix mal treffen?“
„Ja, natürlich, meinst Du er könnte zu uns kommen? Das ist ja nicht allzu weit, dann könnte Medicus auch seine Meinung dazu abgeben.“
„Ich werde ihn fragen, Tabitha.“
*
Am Altar im Wäldchen bete ich zu MUS, sehne mich nach ihrer Führung. Ich stelle in Frage, ob es richtig ist, die anderen um so eine Entscheidung zu bitten. Hätte ich überhaupt davon sprechen sollen? War ich eigennützig, weil ich niemanden verlieren will? Und was ist mit den vielen neuen Mäusen, die gerade hergezogen sind? Wer hat ein Anrecht darauf oder wem sagt man es besser nicht? Ich weiß es nicht. Lange liege ich da, und warte darauf, dass MUS mir eine Antwort gibt. Gerade als ich mich aufsetzen will, höre ich ihre Stimme.
'Maxi, Du und die Deinen sind von mir auserwählt, das Volk der Mäuse in die Zukunft zu führen. Ich war der Meister der Magie, der Dir viele Hinweise und den See des ewigen Lebens hinterließ. Hab Vertrauen!“
Mir laufen vor Freude die Tränen übers Gesicht.
Alles ist gut.
Als ich zurückkomme, läuft mir Cito entgegen. Er nimmt mich in den Arm und flüstert mir ins Ohr.
„Denkst Du, ich würde Dich alleinlassen?“ Mein Mann, mein bester Freund, wird mir erhalten bleiben. Danke, MUS.
Beim Frühstück ergreift Berti das Wort.
„Maxi, wir haben es besprochen und werden Dir zur Seite stehen. Keiner will Dich allein lassen, außerdem ist es auch für uns eine Chance lange zu leben. Wir wollen, ebenso wie Du, sehen wie die Zukunft wird. Ich habe zu MUS gebetet und das Gefühl, es ist richtig.“
Ich lächle ihn dankbar an.
„Nun erst ist der Name unseres Clans richtig.“ Ich zwinkere Berti zu. „MUS hat mir offenbart, das wir auserwählt sind, 'Du und die Deinen', sagte sie. Ich freue mich, dass Ihr mich freiwillig begleiten werdet.“
„Mama, was hast Du denn gedacht, wir lassen Dich doch nicht im Stich.“ Meine Töchter umarmen mich und ich bin glücklich.
'Scio?'
„ Ja, Mädchen, ich weiß schon alles. MUS hat mir die ehrenvolle Aufgabe gegeben, Dich zu begleiten, und Dir Immer mit meinem Wissen zur Seite zu stehen. Manchmal vielleicht auch mit einem Guten Rat?“
' Du wusstest es?'
„ Ja, eigentlich von Anfang an, aber ich durfte Dir nichts sagen, erst wenn Du den See gefunden hast.“
' Was passiert jetzt, was muss ich machen?'
„ Leben vor allem, vielleicht deinen Bruder Bene und Tabitha fragen, ob sie das auch möchten.“
' Daran hatte ich schon gedacht.'
„ Drei Clans sind genau richtig, der Grundstock sozusagen, um die Mäuse in die Zukunft zu führen.“
' Aber der neue Clan der Heimatlosen, der vierte Clan, ich weiß nicht genau, wie er da hinein passt . Und, wie wird sie aussehen, unsere Zukunft?'
„ So, wie Ihr sie gestaltet, nehme ich an. Ihr alle werdet Lehrer sein, ihnen beibringen was sie wissen müssen und alte und neue Geschichten sammeln. Damit einmal jede Maus weiß, woher sie kommt. Was mit dem vierten Clan geschieht ist nicht Deine Schuld, soll ich Dir von MUS ausrichten.“
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