Tara seufzte. „Wenn wir hier eine neue Heimat finden könnten, wäre das wunderbar, es wird genug zu essen geben, man sieht, dass hier viel wächst. Ich hoffe Dein Plan geht auf, Alexander.“ Dieser nickte, er war fest davon überzeugt, dass alle hierbleiben könnten. „Machen wir uns am Besten wieder auf den Weg. Seht Ihr da vorne,“ er zeigte nach Westen, „das ist die Herberge von Bene, dort gehen wir zuerst hin.“ Selbst wer vorhin noch erschöpft gewesen war, raffte sich wieder auf und marschierte los. Die Gemeinschaft um Tara war auf dem Weg in eine neue Heimat.
*
Ich schaue auf, und sehe Amissa mit Damien sprechen. In letzter Zeit scheint sich ein zartes Band zwischen ihnen zu entwickeln. Das freut mich ungemein, Amissa hat zwar nach ein paar Tagen aufgehört, Berns Verlust zu beweinen, aber so wie früher, ist sie noch immer nicht. Damien ist ein wirklich angenehmer junger Mann, der nicht viel Aufmerksamkeit benötigt. Er sucht sich immer eine Beschäftigung, oder unterrichtet die Kinder. Einen angenehmeren Hausgast als ihn, hatten wir noch nie. Es wäre schön, wenn es ihm gelingt, Amissa wieder in die Welt zurückzuholen.
Auch meine schöne, temperamentvolle Benedikte hat sich verändert, ihre ständigen Visionen machen ihr sehr zu schaffen. Allein Emilo, der sich rührend um sie kümmert, ist inzwischen ihr Anker. Ich hoffe sehr, das der See des Lebens auch ihr Erleichterung verschafft. Jetzt will ich noch kurz zu Mutter und Custos gehen, der See lockt, und außerdem ich habe Durst. Aber ich komme nicht dazu.
Denn plötzlich kommt Beatus hereingestürmt.
„Maxi, eine Horde Mäuse sind gesichtet worden. Die Spatzen haben sie an der Grenze gesehen, was sollen wir machen?“ Ich überlege nicht lange.
„Wir müssen hingehen, wo sind Cito und Berti? Sie sollen am Besten auch noch mitgehen. Komm, Beatus.“ Wir rennen zu viert den Stillen Weg entlang, vorbei an Tabithas neuer Unterkunft. Sie schaut heraus und ich rufe ihr zu.
„Fremde Mäuse an der Grenze!“ Und renne weiter. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass sie sich uns anschließt, aber zum Reden rennen wir zu schnell. Erst beim Nussbaum machen wir Halt, Bene muss informiert werden.
Aber der weiß es schon, er steht vor dem Eingang.
Bellusa ist am Nussbaum emporgeklettert und erstattet ihm Bericht.
„Gerade gehen sie am Sanddorn vorbei, es sind mehr als dreißig Mäuse, aber ich kann noch keine Einzelheiten erkennen.“ Ich beschließe, dass wir sie hier erwarten, das sind zu viele Mäuse, da können wir gar nicht genug Präsenz zeigen.
„Jetzt sind sie am Flieder vorbei,“ ruft es von oben. Sie werden bald hier sein, ich muss mich auf das Schlimmste vorbereiten. Fremde Mäuse, die in unser Territorium eindringen, haben wahrscheinlich keine guten Absichten, hoffentlich kann ich mit meiner Gabe der Diplomatie etwas bewirken. Ich sehe sie kommen, ein großes Gewimmel schlängelt sich durch den Nutzgarten. Eine Maus ganz vorne erhebt sich auf die Hinterbeine und ruft.
„Ist Tabitha da, ich bin es, Alexander.“
„Alexander, mein Sohn? MUS sei Dank.“ Tabitha rennt los, den nicht mehr ganz so fremden Mäusen entgegen.
Tara hat uns vor eine schwierige Aufgabe gestellt, siebenunddreißig Mäuse gut unterzubringen wird nicht einfach sein. Aber ich habe es nicht übers Herz gebracht, sie abzuweisen, haben sie doch zweimal innerhalb kurzer Zeit ihre Heimat verloren. Nun kommt uns Citos Suche im Herbst zugute, wir verteilen die Neuankömmlinge auf die von ihm gefundenen Unterkünfte. Im Schnellverfahren erkläre ich ihnen unsere Sitten und Gebräuche und sie schwören den Eid. Sie haben beschlossen, auch einen Clan zu bilden und nennen sich jetzt, den Clan der Heimatlosen, warum auch immer. Tara haben sie zum Oberhaupt ihres Clans gemacht, mit ihr werde ich in Zukunft meistens zu tun haben. Ich kann nicht abschätzen, ob wir genug Nahrung finden werden für alle.
Wir haben zwar noch die Option mit dem Paradies, aber von dort hat uns noch keine Nachricht erreicht.
„ Mach Dir nicht so viele Sorgen, Mädchen, warte erst einmal ab, wie sich alles entwickelt. Die Mäuse im Paradies sind vielleicht noch gar nicht herausgekommen, Du selbst hast erst vor ein paar Tagen den Eingang geöffnet, lass es einfach ruhen und versuche Dich zu entspannen. Widme Dich lieber dem unterirdischen See.“
' Ach, Scio, wenn ich Dich nicht hätte.'
Er schafft es immer, mich wieder aufzubauen.
Gestern hat Bene uns besucht, und ist über Nacht geblieben. Ich begleite ihn ein Stück auf seinem Heimweg. An der Brücke bleiben wir einen Moment stehen und sehen uns um.
„Maxi, Du hast es wirklich schön hier.“ Er dreht sich zu mir und sieht mich eindringlich an.
„Wie lange trinkst Du schon dieses Wasser des Lebens?“ Ich zucke mit den Schultern.
„Seit ich hier in diesem Land bin. Nicht regelmäßig, aber so oft es eben geht.“ Er schüttelt den Kopf.
„Ich mache mir Sorgen um Dich, Custos hat uns alles darüber erzählt, im Winter war ja Zeit dafür, meinst Du, es könnte Dir schaden?“ Ich schüttle den Kopf. „Wenn es Custos in mehr als dreitausend Tagen nicht geschadet hat, wird es uns auch nichts anhaben.“
„Ich kann immer noch nicht glauben, wie alt er inzwischen ist.“ Das stimmt, selbst, als er die letzten sechzig Tage nicht trinken konnte, hat sich sein Zustand kaum verschlechtert. Ich lege meine Hand auf seine Schulter. „Mutter trinkt es auch, sie sieht gut aus und fühlt sich auch gut. Immerhin ist sie dadurch inzwischen über eintausendzweihundert Tage alt geworden.“
„Ja, Du hast recht, sollen wir es auch trinken? Was denkst Du?“ Fragt er.
„Wenn Ihr das möchtet, ich hätte nichts dagegen, meinen Bruder noch viele Tage zu behalten.“ Wir lächeln uns an und verabschieden uns dann. Bene muss das erst einmal für sich klären und mit seinem Clan besprechen.
Tabitha kommt überraschend, sie will sich melden und berichten, sagt sie.
„Cito, ich danke Dir von Herzen. Die Wohnhöhle ist toll, so geräumig und trocken. Außerdem sind wir sehr nahe am Garten der Menschen, Nahrung gibt es also im Überfluss. Wir sind sehr glücklich.“ Cito freut sich über das Lob, ich merke es und freue mich für ihn, er hat sich große Mühe gegeben. Tabitha dreht sich in meine Richtung.
„Maxi, wir möchten auch einen Clan gründen, geht das?“ Ich nicke. „Wir wollen ihn den Clan der Mediziner nennen und diejenigen unterrichten, die das gerne wollen. Auch ohne Gaben kann man viel zur Heilung beitragen.“ Da gebe ich ihr recht.
„Ja, das stimmt. Gemma wird wohl Eure erste Schülerin?“ Sie lacht perlend.
„Das ist sie doch schon lang, sie hatte schon den ganzen Winter Unterricht. Mehr als zwei Schüler wollen wir erst mal nicht annehmen, sonst müssen wir ja gleich vergrößern.“ Wir lachen zusammen und ich spreche einen Segen.
„Für den vierten Clan in diesem Land, bitten wir Dich MUS, um Deinen Segen. Sein Name wird ' Clan der Mediziner' sein. Sie wollen genau wie Du, MUS, den Mäusen helfen. Bitte beschütze sie. Wir danken Dir, MUS.“ Tabitha bedankt sich.
„Das war sehr nett von Dir, Hohepriesterin, ich werde meinem Clan erzählen, dass Du es abgesegnet hast. Jetzt noch etwas anderes, Tara war doch auch Hohepriesterin wie ich, hat sie Dich anerkannt?“
„Ja, sie ist jetzt die Anführerin von ihrem Clan und ihre Priesterin natürlich. Sie hat mir erzählt, sie wollte nie Hohepriesterin werden, ist also zufrieden, so wie es jetzt ist.“
„Ich hätte sonst mit ihr geredet, aber dann ist das ja geklärt. Ich besuche sie demnächst, deshalb dachte ich, ich frage Dich mal.“ Danach bricht sie auf. Wir, der Clan vom Heiligen See, werden bald Essen, und danach Clan-Angelegenheiten besprechen. Das ist in diesem Fall der unterirdische See, ich werde allen davon erzählen. Sie sollen die Möglichkeit haben, selbst zu entscheiden.
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