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Zwei Stunden später ist Amo wieder zurück. Ich bin überrascht, er muss ziemlich schnell gerannt sein.
„Ich soll Euch Grüße von Euer Mutter ausrichten. Sie sagt, als sie Dich vermisst hat, Berti, hat sie auch die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass Du Dich uns anschließt. Aber Du hättest etwas sagen sollen, Josselyn hat sich große Sorgen gemacht. Abschließend meint sie noch, dieser ganze Wurf ist etwas Besonderes und ihr sollt alle wieder gesund zurückkommen.“
Obwohl wir noch gar nicht lange von zu Hause weg sind, tut es mir doch gut, die Worte meiner Mutter zu hören. Ich lächle Amo an.
„Danke“, sage ich zu ihm und er lächelt zurück.
„War Mutter nicht böse auf mich?“ Der Gesichtsausdruck meines Bruders hat sich von zerknirscht in lächelnd verwandelt.
„Nein, eigentlich fand ich sie sehr verständnisvoll, in Anbetracht der Situation. Josselyn ist einfach eine vernünftige Frau. So, ich habe ein ziemliches Tempo vorgelegt, und bin leicht erschöpft. Bevor wir weitergehen, würde ich mich gern noch etwas ausruhen, OK?“
Nachdem Amo eine Weile geschlafen hat, verlassen wir diese gemütliche Erdhöhle, um weiter in Richtung Mauer zu gehen.
Der Mond scheint jetzt richtig hell und wir können die Umgebung und den Weg ausmachen. Es sieht alles verzaubert aus in diesem milchigen Licht. Ohne irgendwelche Schwierigkeiten nähern wir uns dem Fuß der Grenzmauer. Sie ist, gemessen an uns, schon gewaltig hoch, und viele Mauslängen breit. Die Mauer erstreckt sich von den Grenzen unseres Landes im Westen, bis weit nach Osten. Obwohl der Mond sehr hell ist, liegt ein Teil von ihr im Schatten. Auf mich wirkt sie leicht bedrohlich, ich fühle mich klein und hilflos bei ihrem Anblick. Wenn man hinauf blickt, erscheint sie endlos hoch, da hinüber zu klettern wird anstrengend werden. Während wir noch nach oben starren, kommt plötzlich ein großes Tier in unsere Richtung, sofort ducken wir uns hinter dem hochgewachsenen Gras, das die Mauer säumt.
„Ein Igel“, erklärt Autax, „Ich werde versuchen mit ihm zu reden. Igel und Mäuse sind ja keine Feinde.“
Die kurze Unterhaltung, der Igel lässt Autax gar nicht richtig ausreden, er schüttelt den Kopf und läuft weiter, bringt uns keine neuen Erkenntnisse. Er macht den Eindruck, nicht zu wissen, was auf der anderen Seite der Mauer ist und Lust zu reden, hat er wohl auch nicht.
Wir bewegen uns zuerst in Richtung Westen, auf das Ende der Mauer zu, es erscheint näher als im Osten. Alle suchen aufmerksam schnüffelnd nach einem Unterschlupf oder einer kleinen Höhle, aber wir finden nichts Geeignetes. Die paar winzigen Spalten eignen sich nicht für die Errichtung einer Stadt. Also kehren wir um, und folgen der Mauer in östlicher Richtung, zurück zu dem Platz unserer Ankunft. Ich bin enttäuscht, habe ich mir doch wenigstens eine Möglichkeit erhofft.
„Tja“, sagt Autax, „das hat mal nicht viel gebracht. Also gehen wir noch weiter oder wollt Ihr lieber rasten?“
Wir wollen einstimmig weiter. Nach einer halben Stunde halten wir dann aber doch, denn wir entdecken eine gemütliche, hinter hohen Gräsern versteckte, Mulde, in die alle bequem hineinpassen. Es ist ja nicht kalt, immerhin ist Sommer, da muss es nicht unbedingt eine Höhle sein.
„Ok,“ sagt Autax. „Wenn wir hierbleiben, muss immer einer Wache halten, solange die anderen schlafen. Es gibt auch noch Frettchen und Marder. Auch eine Katze schleicht nachts gern mal herum. Ich halte die erste Wache, Amo, übernimmst Du die zweite?“
Amo nickt zustimmend und rollt sich gleich zusammen.
Da bemerkt Cito ein kleines Loch, ungefähr auf halber Höhe der Mauer. Er bietet an, hinauf zu klettern, um nachzusehen, ob das ein besseres Versteck für die Nacht wäre. Tara will ihn noch bitten, vorsichtig zu sein, aber er ist schon unterwegs. Von unten schaue ich ihm nach, blitzschnell krabbelt er die Wand hoch, findet Vorsprünge, um sich festzuhalten, und verschwindet kurz darauf im Schattenbereich der Mauer. Ich kann ihn nicht mehr sehen.
Während wir in der Mulde sitzen und warten, streift Berti neugierig ein bisschen herum. Autax warnt ihn zwar vorsichtig zu sein, verbietet es ihm aber nicht. Dann entdeckt mein Bruder eine große Sonnenblume, er kommt zurückgelaufen und berichtet uns davon.
„Wetten, da kann ich gut hinaufklettern?“
„Ja, das glaube ich Dir,“ antwortet Tara, „aber sei bitte vorsichtig!“
Der Stamm der Blume ist rau und bietet sicheren Halt, das ist in den Geschichten vorgekommen. Berti klettert problemlos hinauf.
„Hier hat man eine gute Aussicht,“ ruft er herunter. „Aber Cito kann ich nicht sehen.“ Inzwischen war er bis zu der riesigen Blüte emporgeklettert.
„Hier gibts was zu essen.“ Verkündet er und wirft eine Menge Kerne nach unten. Wir sammeln sie auf. Ich versuche sie gerecht zu verteilen und behalte ein paar für Cito, er wird Hunger haben, wenn er von seiner Kletterpartie zurück ist. Er hat mir von Anfang an gefallen, seit dem Tag, als ich ihn bei seiner Familie zum ersten Mal sah. Sein schelmisches Grinsen hat es mir angetan. Er hat etwas an sich, dass mich anzieht. Ja, ich seufze, er gefällt mir sehr. Und wie mutig von ihm, einfach so, die ihm unbekannte Mauer zu erklettern.
So bin ich ganz in Gedanken versunken, als Cito kurz darauf von der Mauer direkt in unseren Kreis springt. „Ich habe eine schöne Höhle gefunden, es ist gar nicht so weit und es zweigen viele Gänge ab, vielleicht ist das ein Weg durch die Mauer.“ Alle loben ihn und ich reiche ihm, mit einem Lächeln, die Sonnenblumensamen. Während er isst, überlegen wir heute noch zur Höhle hinauf zu klettern, um die Nacht darin zu verbringen, aber Amo lehnt es ab. Es sei zu gefährlich in der Nacht mit uns Jungmäusen, er habe Josselyn versprochen uns heil wieder nach Hause zu bringen. Also kuscheln wir uns an Ort und Stelle zusammen und versuchen zu schlafen. Den Wachwechsel bekomme ich nicht mit, ich habe tief und traumlos geschlafen. Mein Gefühl hat mir gesagt, Amo wird mich immer beschützen.
Amo wurde von Autax zur Wachablösung geweckt.
„Und?“ Fragte er.
„Nichts.“ Antwortete Autax, und ließ sich auf Amo´s noch warmen Platz nieder.
Während er die Umgebung beobachtete, kreisten seine Gedanken um die Kinder. Das war eine große Verantwortung für ihn. Josselyn würde ihm den Kopf abreißen, wenn einem ihrer Lieblinge etwas passieren würde. Er musste sie ständig im Auge behalten und um jeden Preis beschützen. Niemand hatte eine klare Vorstellung, was sie in dem neuen Land erwartete. Er nahm sich fest vor, gut aufzupassen.
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Als ich erwache, schimmert schon das erste Morgenlicht, es ist warm. Ich glaube, das wird ein heißer Tag werden. Die anderen sind bereits wach. Bene ist eifrig damit beschäftigt, hinter Tara herzulaufen. Er stellt ihr immerzu Fragen.
„Gibt es in den Geschichten eine Reihenfolge, oder ist es egal, wann man welche erzählt?“ Tara antwortete bereitwillig.
„Es gibt ungefähr hundert wichtige Geschichten, die jede junge Maus kennen sollte. Die Mütter müssen also ungefähr zehn am Tag erzählen. MUS hat es so eingerichtet, dass es für jeden Lebenstag zehn bestimmte gibt. Je älter die Kinder werden, umso anspruchsvoller werden auch die Geschichten. Aber in welcher Reihenfolge sie an dem bestimmten Tag erzählt werden, ich schätze, das macht jede Mutter wie sie es für richtig hält. Die einzige Geschichte, die jede Mutter zuerst erzählt, ist die Geschichte der Abstammung. Die müsst Ihr auch als erstes gehört haben.“
Ich erinnere mich. 'Du bist ein Kind vom Volk der freien Mäuse, Deine Mutter heißt Josselyn.'
„Warum haben Väter nichts mit ihren Kindern zu tun? Meistens kennen sie einander ja gar nicht.“
„Das würde ich auch gerne wissen,“ sagt Amo. „Ich mag meine Kinder und kenne auch die Meisten, aber die anderen Männer schauen mich deswegen immer ein bisschen schief an.“
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