»Gut«, stellte der Händler zufrieden fest. »Verrate deiner Mutter besser nichts von dieser Geschichte. Sie soll sich keine unnötigen Sorgen machen. Der Pilot braucht Hilfe, richtig, und ist aus historischen Gründen nicht allzu gut auf unsere Besatzer zu sprechen. Wollen wir ihm also seine Proteine besorgen, je schneller es ihm besser geht, desto eher ist die Angelegenheit erledigt. Wo finden wir ihn denn? Ich kenne jemanden, den ich vorbeischicken könnte.«
Vickys Gesichtsausdruck versteinerte. Sie war sich sicher, dass Herr Meyer keiner Fliege etwas zuleidetat, aber sie hatte nicht vor, ein unnötiges Risiko einzugehen. Mit brüchiger, ihrer Meinung nach entschieden zu schwacher Stimme bekräftigte sie: »Ich bringe ihm die Proteine.«
Er lächelte. »Du erinnerst mich sehr an deine Mutter. Grüße sie von mir! Sie hätte all die Jahre doch mal vorbeischauen können. Oder nein. Grüße sie nicht von mir! Halte sie aus der Sache raus, okay?«
Vicky nickte zögerlich. Anscheinend kaufte sie doch nicht in diesem Laden ein. An einem Ort, an dem es gerade mal eine Eisdiele und zwei Geschäfte gab, war das mehr als merkwürdig. Das musste sie einmal näher untersuchen. Später. Sie hatte nämlich nicht vor, M’xor ihrer Mutter vorzustellen, den Ärger wollte sie sich sparen, zumal ihre Eltern noch nichts von ihrem Plan wussten, nicht mit Sammy und Tanxia aufs College zu gehen, sondern die Schule abzubrechen.
»Warte hier!«
Meyer verschwand im Hinterzimmer und kam nach einigen Minuten mit zwei Kartons zurück. Auf einem stand ›Generikum B-87a‹ und auf einem anderen ›Multispezies-Erste-Hilfe (Desinfektion, Frakturen, Brandwunden)‹.
»Mehr kann ich dir leider nicht bieten. Laut meiner Liste sollte das Generikum B87a für einen X’ur geeignet sein. Gut schmecken wird es wohl nicht, aber du kannst dir denken, dass ich keine Notfallproteine für Hunderte von Lebensformen im Keller lagere. Das Erste-Hilfe-Set wird nicht viel bringen, du kannst damit aber zumindest die Wunden säubern und verbinden. Alles andere muss ein Multispezies-Spezialist erledigen, auch deine Mutter könnte dir da nicht helfen. Hör zu, Vicky: Wenn es diesem X’ur schlecht geht, wenn er sagt, dass er weitere Hilfe braucht, dann musst du mich sofort anrufen. Frag am Telefon, ob die Knöpfe schon da sind.«
»Die Knöpfe?«, wiederholte sie dümmlich.
»Sprich nicht am Telefon über ihn, nenne seinen Namen nicht, und auch keine Speziesnummer oder den Namen seiner Spezies.«
»Ist schon klar.«
Sie war ja nicht auf den Kopf gefallen! Meyer jedoch packte sie für einen Mann seines Alters mit erstaunlicher Kraft an den Schultern und sah ihr über die Brille hinweg in die Augen. »Vicky, da draußen herrscht Krieg, das ist dir doch klar, ja? Nicht alles, was ihr in der Schule lernt, entspricht so ganz der Wahrheit. Dieser Pilot, er könnte ein einfacher Handelsreisender sein. Aber er könnte genauso gut für eine Fraktion, für irgendeine politische Gruppe arbeiten, die in diesem Augenblick gegen die Vongul kämpft, und er könnte abgeschossen worden sein. Verstehst du?«
Sie nickte und das Herz rutschte ihr in die Hose. Plötzlich wurde ihr klar, wie ernst die Sache war.
»Wenn die Xu’Un’Gil diesen X’ur bei deinen Eltern finden, dann wirst nicht nur du festgenommen, Vicky, sondern auch deine Mutter, dein Vater, dein Bruder und das halbe Dorf mit dazu.«
Sie wollte sich entschuldigen, rechtfertigen, hatte das Gefühl, er mache ihr Vorwürfe. »Ich wollte ihm doch nur helfen ...«
»Und das ist richtig so!«, bekräftigte Herr Meyer. »Du hast nichts Falsches getan! Deine Mutter wäre mit mir einer Meinung, darauf kannst du dich verlassen, und eben deshalb darfst du ihr nichts davon erzählen. Bring diese Proteine zu dem abgestürzten Piloten. Morgen kommst du zurück, in den Laden, wann immer es passt, und wir reden darüber, wie es ihm geht. Okay? Versprichst du mir das?«
Ein Klos bildete sich in ihrer Kehle und sie brachte zur Antwort nur ein heiseres Krächzen heraus.
»Warte, ich packe die Sachen ein, damit keiner die Packungen sieht, und lege noch ein paar Kleinigkeiten obendrauf.«
Mit zitternden Knien verließ sie den Gemischtwarenladen. Sie war an diesem Ort aufgewachsen, hatte immer geglaubt, alles und jeden in Terville zu kennen. Nach den Ereignissen des Tages war sie sich da nicht mehr so sicher. Und nicht nur den Ort und Herrn Meyer kannte sie schlechter, als sie angenommen hatte. Wo hatte ihre Mutter eigentlich als Krankenschwester gearbeitet? War das nicht zur Zeit der zweiten Aufstände gewesen, als sich die Menschheit noch gegen ihre Besatzer gewehrt hatte?
Unterwegs stürzte sie und schrammte sich die Hände auf, weil diese verdammte Plastiktüte, die ihr Herr Meyer mitgegeben hatte, andauernd gegen die Beine baumelte. Es war bereits dunkel, als sie auf die Hofeinfahrt bog. Der Jeep ihres Vaters stand an seinem angestammten Platz und deutete darauf hin, dass er zurück war und aufs Abendessen wartete. Später als normal, stellte Vicky fest, der Weg von den Nordfeldern dauerte nicht länger als eine halbe Stunde.
Sie sprang vom Rad und schob es bewusst in den Schatten zwischen Scheune und Haupthaus, damit sie nicht sehen konnten, dass sie schon zurück war. Sonst hätten sie womöglich nach ihr gesucht, und das wollte sie vermeiden. Nicht, dass sie jemand in der Scheune vermutet hätte. Sie produzierten schon lange kein Heu mehr, sodass sie bloß als Lagerschuppen diente. Da die Ernteroboter im Freien oder in modernen Lagerhallen bei den Südfeldern gewartet wurden, blieb das Gebäude praktisch unbenutzt. Mutter hatte einmal vorgehabt, es in einen Anbau mit Wintergarten umzuwandeln, doch die Pläne waren die Jahre über im Sand stecken geblieben und es hatte ihnen an Geld gemangelt.
Vicky schlich sich durch die Hintertür, vorbei an rostigen Erntemaschinen der vorletzten Generation im Halbdunkel zu der Vorratskammer, in der sie M’xor untergebracht hatte. Wenn sie die Tür schloss, konnte sie das Licht einschalten, ohne dass jemand im Haupthaus davon etwas mitbekam. Er lag auf der alten Matratze genau so, wie sie ihn verlassen hatte, und ihr Herz schlug höher. War er gestorben? Wie sollte sie das den Behörden erklären? ›Herr Richter! Ich habe einen bruchgelandeten Außerirdischen im Schuppen unserer Farm krepieren lassen, aber meine Motive waren vollkommen in Ordnung! Ich wollte ihm nur helfen, weil er ein Feind der Xu’Un’Gil ist.‹ Das hörte sich nicht gut an.
Er regte sich nicht, doch als sie vorsichtig die Tüte absetzte, schlug er plötzlich die Augen auf und sie erschrak. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein Lächeln ab, aber vielleicht bildete sie sich das nur ein, denn er schien eigentlich immer zu lächeln, und seine Grashüpferfühler bewegten sich auf lustige Weise. »Herr Vicky«, erklärte er mit leiser Stimme in seinem perfekt intonierten Intergal. »Sie sind zurückgekommen.«
»Frau«, korrigierte sie ihn. »Oder Mädchen. Ich bin eine sechzehnjährige Menschenfrau.«
»Ah«, raunte er und räusperte sich. Er wirkte schwach und verletzlich, machte keine Anstalten, sich aufzusetzen. Er musste an Kraft verloren haben. Auf terranisch fügte er hinzu: »Fräulein Vicky.«
»Das Wort ›Fräulein‹ ist sexistisch und wir verwenden es seit Jahrhunderten nicht mehr. Ein einfaches ›Vicky‹ reicht.«
»Ah, gut. Vicky sei es dann.«
»Wie geht es ihnen?«
Ihr fiel auf, dass ein Teil der Matratze von diesem grünen Glibber bedeckt war, bei dem es sich um sein Blut handeln musste. Das konnte kein gutes Zeichen sein.
»Wir können uns im Intergal gerne Duzen. Auch im Terranischen, was ich nur schlecht beherrsche. Liebe Vicky, es geht mir nicht allzu gut. Ohne Proteine kann ich mich nicht regenerieren, eine sehr schmerzhafte Situation.«
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