Schlussendlich platzte dem alten Herrn der Kragen und er stellte Fayn vor die Tür.
Endlich erreichte Fayn die Stelle, die er suchte. Auf der anderen Seite des Zauns, jedoch zum Anfassen nah, stand ein Baum.
Fayn zögerte. Der Rauswurf hatte ihn mehr mitgenommen als er zuzugeben bereit war. Natürlich gab es oft Streit mit seinem Vater. Fayn wollte nie einsehen, wieso sein Vater so zornig war. Erst als er in der Lichtung über Vaters Beweggründe nachgedacht hatte, wurde ihm bewusst, dass es nicht wirklich Zorn war, sondern bittere Enttäuschung. Und er war zu dumm gewesen um es zu erkennen.
„Hey, Ata!“, flüsterte er über den Zaun.
„Hmmm?“, ertönte ein tiefes, verschlafenes Brummen von der anderen Seite.
„Ich bin es, Fayn. Hilfst du mir kurz herüber?“, bat Fayn.
„Ach du bist's, Junge.“, erkannte die alte Stimme langsam. „Hmmm, deine nächtlichen Streifzüge sind doch schon eine Weile her. Was treibt dich denn an diesem schönen Abend dazu, nicht den Haupteingang benutzen zu wollen?“
„Das ist eine lange Geschichte. Ich erzähle sie dir ein andermal.“, versuchte Fayn einer Erklärung aus dem Weg zu gehen.
Nun drehte sich der Baum, so gut er konnte. Seine Äste knarzten und sein Laub raschelte.
„Ist es... Ist es eine Frau?“, fragte der alte Baum neugierig.
Fayn seufzte. „Nein, es handelt sich dieses Mal nicht um eine Frau.“, erklärte er.
Knarzend drehte sich der Baum wieder zurück. „Schade.“, brummte er. „Erinnerst du dich an die Geschichten, die du mir oft vorgelesen hattest? Die mit der Liebe haben mir immer am besten gefallen.“, das Holz des Baumes stöhnte.
„Ihr Menschen habt immer so gute Geschichten. Schade nur, dass ihr sie auf Leichen schreiben müsst, um sie euch zu erhalten.“
Fayn konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Er hatte Ata einmal erklärt, woraus Bücher gemacht sind. Seitdem verabscheute der Baum jegliche Art von Papier und Fayn hatte ihm viele Geschichten auswendig erzählen müssen, oder er hatte einfach welche erfunden, um seinen Freund zu unterhalten.
„Ja, du bist eben ein alter Romantiker.“, stellte Fayn belustigt fest. „Nun hilf mir rüber, bitte.“
Endlich neigte der Baum sein Haupt, so dass ein Ast über den Zaun hing und Fayn ihn erreichen konnte. Mit festem Griff klammerte er sich daran und liess sich hinüber heben.
„Was hast du denn dann vor?“, fragte Ata, während er Fayn wie ein Kran über den Zaun hievte.
„Das willst du gar nicht wissen.“, wich Fayn aus als er vorsichtig abgesetzt wurde.
„Du gehst doch nicht etwa in die... in die Bibliothek ?“, fragte der Baum erschrocken.
„Genau das habe ich vor.“, verkündete Fayn.
Der alte Baum erschauderte. Sein Laub raschelte verdächtig in dem windstillen Abend.
„Nein! Ein wahrhaft grauenvoller Ort!“, brummte Ata. „Ein Hort des Schreckens. Nie würde ich freiwillig diesen Ort aufsuchen. Und wenn mir die Wahl gegeben würde zwischen weiterhin hier Wurzeln zu schlagen, oder herumlaufen zu können, mit der Bedingung die Bibliothek zu besuchen. Ich würde weiterhin mein langweiliges Leben an genau dieser Stelle fristen.
Viel Glück, kleiner, mutiger Fayn. Lass dich von den Geistern nicht fangen.“, zischte ihm der Baum hinterher, als Fayn sich schon von ihm entfernte. Ata schaffte es immer wieder Fayn ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
Ata war der erste Baum, der mit ihm zu sprechen angefangen hatte. Beide, der Baum und Fayn waren gleichermassen überrascht, als sie entdeckt hatten, dass sie miteinander kommunizieren konnten. Der Baum war hoch erfreut, da ihm seit etlichen Jahren langweilig war. Er bat Fayn immer wieder ihm Geschichten zu erzählen. Stunden hatte er damit verbracht vor dem Baum zu sitzen und ihn zu unterhalten. Er war damals noch jung, so dachten seine Eltern einfach, er würde mit einem imaginären Freund spielen.
Fayn erzählte ihm auch von vielen Dingen, die der Baum noch nie in seinem Leben gesehen hatte, und wahrscheinlich auch nie sehen wird. Der Baum fantasierte über diese Orte und machte sich seine eigene Vorstellungen davon, welche nicht immer der Wahrheit entsprachen.
So war die Bibliothek zum Beispiel kein Hort des Schreckens. Doch wenn Fayn sich in die Haut, oder besser gesagt in die Rinde seines Freundes versetzte und darüber nachdachte, konnte er ihm die Schreckensvorstellung nicht verübeln.
In Wirklichkeit war die Bibliothek der Biatali eine grosse Halle, die gleichzeitig den Eingang zu den Gärten bildete. Ihre Regalwände waren vollgestopft mit Büchern über Pflanzen und Gärtnerei, aber auch andere Bücher über die verschiedensten Themen waren dort zu finden.
War man erst einmal über dem Zaun, war es ein Einfaches in die Bibliothek zu gelangen, da das Tor zu den Gärten immer geöffnet war. Fayn musste lediglich ein paar bunte Blumenbeete und Kräutergärten, einen kleinen Sitzplatz mit plätschernden Brunnen und einen der beiden Rosengärten, Fayns früherer Lieblingsplatz, durchqueren und schon befand er sich in der Halle, inmitten all der Bücher.
Darauf bedacht möglichst keinen Laut von sich zu geben, schritt Fayn die Regale ab und hielt Ausschau nach einem bestimmten Buch. Seit er Lilith das erste Mal gesehen hatte, musste er daran denken. Er hatte es früher oft gelesen, weil ihn die Geschichten darin faszinierten. Doch das war lange her, und er konnte sich nicht mehr richtig daran erinnern.
Die magischen Lampen, die die Halle nachts mit spärlichem Licht erleuchteten, reichten gerade so, dass er noch knapp die Aufschrift auf den Buchrücken entziffern konnte.
Mist, wo konnte dieses verdammte Buch nur sein? Er wusste, es war hier irgendwo. Wo sollte es sonst sein? Allerdings konnte er nicht ewig hier herumlungern. Vielleicht sollte er zuerst nach dem anderen Buch suchen.
„Gesetze und Traditionen des Kontinents.“
Fayn bückte sich um die Einbände in der Abteilung „Rechtliche Fragen“ unter die Lupe zu nehmen. Mit dem Zeigefinger fuhr er über die teilweise verstaubten Buchrücken. Da war es!
Fayn war sich sicher, dass er in diesem dicken Schmöker alles finden würde, wonach er suchte. Aber er würde es später lesen, wenn er wieder in Sicherheit war, und nicht in Gefahr lief ertappt zu werden. Er steckte das schwere Buch in seinen Beutel.
Nun brauchte er nur noch das andere Buch. Wie sah es denn nochmal aus? Es hatte einen blauen Einband. Oder einen grünen? Mist. In welcher Abteilung konnte ein solches Buch denn eingereiht sein? „Geschichte“, würde er tippen. Mal sehen.
Er hatte einen fürchterlichen Verdacht, was Lilith anging. Doch wollte er niemanden einfach so beschuldigen, er brauchte schon irgendwelche Beweise, Gewissheit.
Da war „Der Aufstieg Ga'ards“, „Ga'ards Bestien“, „Die Gründung des Ordens und der Untergang Ga'ards“, das war alles viel zu neu, das Buch, welches er suchte, spielte viel früher in der Geschichte. „Das Kaiserreich und sein Zerfall“, „Die dreizehn Kaiser und Kaiserinnen“, „Die Klans und ihr Einfluss“, Nein, es musste noch älter sein. Hier! Endlich hatte er es gefunden. „Die Chroniken des Krieges. Die Legende der Nahi und die Entstehungsgeschichte der Menschen.“
Mist, das Buch war viel zu gross für seinen Beutel. Er musste es wohl einfach so transportieren. Doch er musste vorsichtig sein, er wollte es nicht beschädigen. Vielleicht kann er den Abschnitt, der ihm vorschwebte, hier lesen.
„Fayn?“
Ertappt wirbelte Fayn herum.
Hinter ihm stand plötzlich eine junge Frau in ihrem Schlafrock. Aus schläfrigen Augen blickte sie ihn an. Fayn war so sehr in die Suche nach diesem Buch vertieft gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie sich seine Schwester angeschlichen hatte.
„Lysa! Hallo, Schwesterchen. Was suchst du denn hier?“, versuchte Fayn seine Überraschung zu überspielen.
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