Vilo schaute Mavis und Cosco noch einen Moment mit verzogenen Mundwinkeln an, dann schüttelte er wieder lächelnd den Kopf. „Ihr seid echt verrückt!“
Sofort löste sich die Anspannung im Raum.
Doch Vilo war offensichtlich noch nicht fertig, denn er wurde sogleich wieder ernst und meinte. „Trotzdem ist das viel zu gefährlich!“ Er sah in den Gesichtern der Anderen sogleich Unfrieden, doch er blieb standhaft. „Wir bringen uns und das Schiff in eine nicht kalkulierbare Gefahr. Wir schwächen unsere Ressourcen und können eigentlich nur verlieren. Am Ende haben wir vielleicht einige Menschenleben retten können, uns selber aber geschwächt: Einen Verlust zu beklagen oder das Schiff beschädigt. Und dann können wir unsere eigene Mission nicht mehr so ausführen, wie wir es wollen und müssen. Und dann wird es uns nicht gelingen, den gesamten Planeten zu retten. Dann haben wir das Überleben aller gegen das Leben dieser Menschen eingetauscht!“ Er wartete, bis er alle angeschaut hatte. „Und das ist ein zu großes Risiko! Tut mir leid!“
Mavis schaute Vilo einen Moment ausdruckslos an, dann nickte er bedächtig, während er einmal tief durchatmete. „Eine Mission, die nur auf Vermutungen und vagen Schlussfolgerungen basiert!“ Er blickte zu Matu und sah, dass der Priester nicht ganz einverstanden mit seinen Äußerungen war, sich aber zurückhielt. „Nichts von alledem, was wir erhoffen, könnten wir am Ende finden. Wir fliegen nach Tibun, um uns alle und dieses Schiff dort für nichts als den Hauch einer Hoffnung in Gefahr zu bringen. Tut mir leid...!“ Er schüttelte den Kopf. „...aber das ist mir zu wenig. Diese Gefahr hier ist real und ich kann und werde diese Menschen nicht hilflos ihrem Schicksal überlassen. Du magst das können...!“ Er starrte Vilo direkt in die Augen. „... ich nicht!“
Vilo Gesichtszüge weichten augenblicklich auf und wurden sichtlich gequält. „Verdammt, Mavis. Das ist nicht fair. Wir waren uns doch alle einig, dass wir Shamos und Matus Worten folgen wollten!“
„Das werden wir auch!“ Mavis nickte. „ Nachdem wir uns um diese Menschen gekümmert haben! In Tibun werden wir auch nichts Anderes finden, als Kampf und Irrsinn. Und bevor ich für einen Mythos mein Leben lasse, der vielleicht gar nicht existiert, sterbe ich lieber hier bei dem Versuch, realen Menschen zu helfen!“
Vilo blieb einen Moment stumm. Er konnte in den Augen von Cosco und Matu sehen, dass sie auf Mavis Seite waren und Captain Tibak und seine Leute brauchte er ohnehin nicht zu fragen. Und so nickte er widerstrebend. „Also gut! Aber versprich mir, dass wir dann unsere Mission weiter fortführen!?“
„Klar!“ Mavis grinste zufrieden. „Es sei denn...!“
„Ja, ja!“ wehrte Vilo genervt ab. „Ich weiß schon! Flüchtlinge gibt es überall!“
„Barie!“ Kalipos Stimme klang aufgeregt, besorgt, fast schon verzweifelt. „Um Himmels Willen, Barie!“
Hektisch war er dabei, ein Seil vorzubereiten, um zu ihr in den Bergsee zu gelangen, als er plötzlich stutzte, weil er eine Bewegung ihres rechten Arms zu erkennen glaubte.
Die Welt um sie herum, die beim Aufprall schlagartig schwarz geworden war, erhellte sich allmählich wieder.
Doch Melia war sich nicht wirklich sicher, ob sie sich darüber freuen sollte, denn ihr gesamter Körper war ein einziger, aufschreiender Schmerz.
Natürlich war ihr ihr Absturz von der Felsenkante noch voll bewusst – und auch die Sicherheit, dass sie ihn nicht überleben würde. Das letzte, an das sie sich noch erinnern konnte, war allerdings, dass ein seltsames Leuchten ihren Körper umgeben und sie eine unerklärliche Wärme in sich gespürt hatte.
Dann war der Aufprall erfolgt und schlagartig alles dunkel geworden.
Jetzt aber konnte sie nicht nur Licht über sich erkennen, sondern auch aufgeregte Stimmen hören, die ihren Namen riefen.
Instinktiv bewegte sie sich, wobei ihr wieder derbe Schmerzen in alle Glieder fuhren, doch Melia zwang sich, nicht darauf zu achten. Mit einem furchtbar erbärmlichen Stöhnen, drehte sie sich auf die rechte Seite und drückte ihren Oberkörper dann in die Höhe, bis sie aufrecht sitzen konnte. Der merkwürdig glitschige, teilweise aber sehr harte Untergrund war dabei nicht gerade hilfreich. Mit schweren, tiefen Atemzügen versuchte sie ihren Organismus in den Griff bekommen, doch gelang ihr das nicht. Sie konnte gerade noch ihren Kopf anheben, um zu erkennen, dass Kalipos, Chalek und auch die anderen mit ernstlich besorgten Mienen auf sie herabschauten, dann erfasste sie eine derart wuchtige Welle an Übelkeit, dass ihr Oberkörper kraftlos wieder nach hinten kippte und sie erneut der Länge nach zu Boden schlug. Dort drehte sie sich sofort zur Seite weg, um sich übergeben zu können. Der Schleim, den sie hervorwürgte, schmeckte widerlich und ließ ihren Magen krampfhaft zusammenzucken. Nach einigen Momenten aber konnte Melia wieder genug Atem schöpfen, um den Brechreiz zu unterbinden. Dabei wurde sie ihrer unmittelbaren Umgebung gewahr und sofort schoss ihr in den Kopf, was sie letztlich in die Tiefe gerissen hatte und wie der Sturz abgelaufen war. Die tote Bestie voraus und sie dicht hinterher. Und deshalb wusste sie jetzt auch, worauf sie hier lag. Der Anblick des zerfetzten Insektenkörpers um sie herum und des Blutes und der Gedärme, in denen sie beinahe schwamm, verursachten weitere Übelkeit und Ekel in ihr.
Der Ekel aber war stärker und so gelang es ihr, sich mit einem wilden Aufschrei komplett auf die Beine zu drücken, einige Stolperschritte weg von dem Kadaver des Monsters zu machen, bevor sie wieder die Kraft verließ und sie hart auf ihrem Hosenboden landete, wo sie erst einmal wieder verschnaufen musste.
„Barie!“ Wieder hörte sie eine aufgeregte Stimme von oben und sie war sicher, dass sie Kalipos gehörte.
Sofort hob sie ihren rechten Arm. „Okay!“ stieß sie noch immer ziemlich atemlos hervor. „Es ist alles okay!“
Kalipos fünfzehn Meter über ihr atmete wie alle anderen auch erleichtert auf und entspannte sich wieder. „Bist du verletzt?“
Bevor Melia darauf antwortete, verlangsamte sie zunächst ihre Atmung, um ruhiger zu werden. Dann horchte sie gewissenhaft in sich hinein. Zwar war da scheinbar überall tauber Schmerz, doch sie glaubte nicht, dass etwas gebrochen war, da sie bei ihren Bewegungen, die sie bisher gemacht hatte, nichts dergleichen gespürt hatte. Ob sie äußerliche Schnittwunden oder ähnliches hatte, konnte sie kaum sagen, da sie ohnehin über und über mit Blut und anderen Flüssigkeiten beschmiert war. Allerdings verspürte sie keinen solchen Schmerz. Was letztlich innere Verletzungen betraf, konnte sie jedoch nur hoffen.
„Nein!“ erwiderte sie deshalb. „Ich glaube nicht. Außer, stinken wie ein Muri gilt als Verletzung!“ fügte sie hinzu. Der Vergleich mit dem Wiesel—ähnlichen, kleinen Nager, dessen Fell absolut erbärmlich stank und so viele Feinde fernhielt, gefiel ihr und sie musste leise auflachen. „Dann allerdings schwebe ich in akuter Lebensgefahr!“ sagte sie mehr zu sich selbst und musste breit, aber säuerlich grinsen.
Kalipos über ihr lächelte zufrieden. „Ich denke, das ist nochmal schiefgegangen!“ Er schaute den Jungen direkt an und nickte ihm anerkennend zu. „Gut gemacht, Chalek! Keine Ahnung wie...!“ Er klopfte ihm auf die Schulter. „...aber gut gemacht!“
Der Junge grinste breit und fröhlich.
„Ich komme zu dir runter!“ rief Kalipos dann hinab.
„Was?“ Melias Blick verdunkelte sich. „Nein!“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich komme rauf zu euch. Werft mir einfach ein Seil runter!“
Kalipos nickte zwar, aber sein Blick blieb skeptisch. „Glaubst du, du schaffst das?“
„Klar!“ Melia nickte, musste dann aber nochmals übel husten, wobei ihr weiterer Schleim aus dem Mund floss. „Ich fühle mich wie das blühende Leben!“ Sie spuckte angeekelt aus. „Und jetzt mach schon!“
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