Jan nickte. »Na klar. So geht es mir, wenn ich Svenja sehe. Immerhin bin ich dafür verantwortlich, dass sie jetzt Witwe ist.«
»Das war ’n dämliches Unglück, Schnucki! Und er hatte es verdient, dieser erbärmliche Mistkäfer.«
Jan wollte das Thema nicht vertiefen. Er löste sich von Yvonne und sah auf seine Armbanduhr. »Engel, ich glaube, du musst dich beeilen. In einer halben Stunde beginnt der Step-Kurs.«
Sie folgte seinem Blick. »Verdammter Mist, du hast recht.«
Auf dem Weg ins Bad schimpfte sie: »Wieso haste mich nicht früher geweckt, verflucht?«
Er schmunzelte. »Ach, Engel?«
Sie hatte die Badezimmertür erreicht und drehte sich gereizt zu ihm um. »Was ist?«
»Spätestens, wenn der kleine Hosenmatz da ist, solltest du unbedingt an deiner nicht ganz jugendfreien Ausdrucksweise arbeiten.«
Lachend verschwand sie im Bad.
Luigi kam eilfertig und mit einem breiten Grinsen, das einen blinkenden Goldzahn enthüllte, auf seine Gäste zu, die Arme weit ausgebreitet.
»Aah, Yvonne, la mia bellezza, du sehen heute wieder fantastico aus!« Er ergriff ihre Hand, drückte einen zarten Kuss darauf und betrachtete ungeniert ihren kaum sichtbaren Babybauch. »Wie es gehen die Bambino?«
»Bene«, lächelte Yvonne huldvoll. »Grazie, Luigi.«
Jan grinste. In der Gesellschaft des charmanten Luigi ähnelte seine Verlobte mehr einer italienischen Prinzessin als einer Berliner Fitness-Trainerin.
Der Restaurantbesitzer mit dem gegelten, graumelierten Haar und dem dünnen Schnurrbart wandte sich nun an ihn. »Jan, il mio amico, wie du haste geschafft, dass diese Traumfrau ausgerechnet heiratet dich, he?«
Jan zuckte feixend mit den Schultern. »Das musst du sie schon selbst fragen, Kumpel.«
Luigi reagierte nicht, stattdessen warf er einen neugierigen Blick auf die beiden anderen Gäste.
»Meine Eltern«, erläuterte Jan ungefragt. »Signoria e Signore Schroeder.«
»Benvenuti alla ›Trattoria Roma‹!« Luigi deutete eine Verbeugung an. »Ihr mir folgen, bitte. Ich bringen euch an eure Tisch.«
Nachdem sie die Getränke bestellt hatten, sah sich Jans Mutter interessiert um. Ihr neuerdings kupferfarbenes kurzes Haar glänzte wie ein frisch geprägtes Fünf-Cent-Stück und ihre braungebrannte Haut harmonierte gut mit dem cremefarbenen Kostüm, das sie trug.
Ja , dachte Jan, Pamela Schroeder ist noch immer eine attraktive Frau.
Auch sein Vater Martin sah für sein Alter noch relativ gut aus, wenn die mallorquinische Sonne ihm auch einige Runzeln eingebracht hatte, seine Haut wirkte etwas ledern. Aber sein blondes, mit vereinzelten grauen Strähnen durchzogenes Haar war noch immer voll.
Das ließ Jan hoffen, dass es ihm später ähnlich gehen würde. Den Gedanken, womöglich irgendwann einen Kahlkopf zu haben, fand er furchtbar.
Jan folgte dem Blick seiner Mutter. Luigis Restaurant war urig und rustikal eingerichtet, viele Kerzen und kleine Nischen sorgten für eine gemütliche Atmosphäre. Wie an fast jedem Abend waren annähernd alle Tische belegt.
Seine Mutter beugte sich vor und sah abwechselnd von ihm zu Yvonne. »So, nun erzählt mal. Wie weit seid ihr mit den Vorbereitungen? Können wir euch noch bei irgendetwas helfen? Oder euch finanziell unterstützen?«
Jan winkte ab und Yvonne schüttelte den Kopf.
»Danke, dass ist lieb, aber echt nicht nötig. Wir kommen klar.«
»Seid ihr schon sehr aufgeregt?«, fragte Pamela weiter, ein neugieriges Blitzen in den Augen.
»Ja, schon.« Yvonne nahm Jans Hand und lächelte ihm zu. »Und du, Schnucki?«
»Klar. Ich kann es gar nicht mehr abwarten.« Dass meine lieben Eltern wieder abreisen, dachte er.
Pamela lächelte gerührt, doch Jans Vater wechselte das Thema.
»Mal etwas anderes, mein Sohn: Was hat es mit dieser Vorstrafe auf sich? Das, was du bisher erzählt hast, war nicht sehr aufschlussreich. Im Gegenteil, es waren nur ein paar vage Andeutungen. Jörg und Anita wussten auch nicht genau, was da los war.«
Jan seufzte vernehmlich und lehnte sich zurück.
Als seine Eltern von Bekannten, die sie auf Mallorca besucht hatten, erfahren musste, dass ihr Sohn verurteilt und vorbestraft war, hatten sie ihn vor ein paar Tagen völlig aufgelöst angerufen.
Er hatte ihnen nur mitteilen können, dass er Bewährung bekommen hatte, danach war die Verbindung abgebrochen, weil sein Telefon kaputt gegangen war. Er hatte diese Frage daher erwartet, dennoch nervte sie ihn.
»Jan hat nichts Falsches getan«, nahm Yvonne ihn in Schutz. »Oder, na ja, fast nichts.«
Sein Vater sah Jan mit vor der Brust verschränkten Armen abwartend an.
Er kannte diese Geste noch aus seiner Kindheit.
Immer, wenn er etwas angestellt hatte, war dieser Blick seines Vaters ihm durch und durch gegangen, und er hatte gewusst, dass eine Standpauke folgen würde, die sich gewaschen hatte.
Er holte tief Luft.
»Also gut, die Kurzform«, begann er. »Der Mann meiner Freundin Svenja hat Yvonne … belästigt. Massiv belästigt. Als ich ihn zur Rede stellte, saß er gerade in der Sauna im Haus meines Freundes Marius. Ich war wütend und betrunken und habe ihn darin eingesperrt. Bedauerlicherweise schlief ich ein, bevor ich ihn wieder herauslassen konnte, und am nächsten Morgen war er …«
Jan verstummte und sah verlegen vor sich auf den Tisch.
»Oh mein Gott«, hauchte seine Mutter und schlug sich eine perfekt manikürte Hand vor den Mund.
Ihre grünen Augen starrten ungläubig auf ihren Sohn.
»Du meinst, du hast ihn … umgebracht?«, vergewisserte sich sein Vater entsetzt, aber glücklicherweise so leise, dass es niemand von den anderen Gästen hören konnte. Jan spürte, dass Yvonne unter dem Tisch nach seiner Hand griff.
»Es war Körperverletzung mit Todesfolge«, berichtigte Jan trotzig. »Ich habe ihm doch nichts tun wollen. Er sollte nur einen gewaltigen Schrecken bekommen.«
Erschüttert ließ sein Vater sich im Stuhl zurücksinken. »Ich bin sicher, das ist dir gelungen«, sagte er spöttisch.
Dann wandte er sich an Yvonne. »Hast du dir die Sache mit der Hochzeit wirklich gut überlegt?«
Die Getränke kamen und Jan warf Yvonne einen ›Was-hab-ich-dir-gesagt?‹-Blick zu. Sie rollte kurz mit den Augen und lächelte ihm beruhigend zu, doch er wusste, dass seine Eltern ihr Pulver noch längst nicht verschossen hatten.
Kapitel 2 – Mord & Mordgelüste
Das Haus wirkte mit dem spitzen Dach, den verhältnismäßig winzigen Fenstern und den Mauern aus rotem Backstein, die mit Efeu überwuchert waren, wie ein kleines Hexenhäuschen.
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