Heraus kam ein dreihundert Seiten starkes Werk, dass manchmal schmachtend, manchmal lustig, die Schul- und Liebesprobleme der Schüler beschrieb. Bei den Örtlichkeiten und Personen des Romans achtete er gewissenhaft darauf, dass sie nicht mit Realen in Verbindung gebracht werden konnten. Trotzdem war Ludmilla dagegen, den Roman zu veröffentlichen. Die Kolleginnen und Kollegen würden bestimmt, aus Angst schlecht wegzukommen, einige Schwierigkeiten bereiten. Doch der Lehrerschaft, so stellte sich schließlich heraus, gefiel der Roman, ebenso dem Rektor, und auch die Schüler fanden ihn gelungen und sich gut dargestellt. Nach dem allgemeinen positiven Echo bemerkte Ludmilla nur noch, im Roman sei er witziger als im echten Leben.
Das Buch wurde gelesen, verkaufte sich gut, wurde zum Bestseller, brachte ihm Einnahmen und Anerkennung. Bald schon schrieb er in seiner Freizeit an einem Zweiten, es folgte ein dritter, ein vierter Roman. Wie gehabt, schrieb er über Liebe und Feindschaften zwischen Schülern, ab dem dritten Roman gesellten sich liebe und böse Eltern dazu, ab dem vierten, die Romane waren inzwischen fünf bis sechshundert Seiten stark, gab es Liebe und Hass zwischen Lehrern und Schülern. Es folgten Liebe und Hass zwischen Lehrern, zwischen Eltern und Lehrern, zwischen Rektor und verzweifelter Aushilfslehrerin, die sich eine Festanstellung erschlafen wollte.
Zuerst berichteten regionale Zeitungen über den Romane schreibenden Lehrer. Dann musste oder durfte Vinhold seine ersten Interviews geben, das Landesfernsehen klopfte bei ihm an und filmte ihn beim Schreiben, auflagenstarke Illustrierte zogen nach und seine Schule wurde berühmt. Zwischendurch hatte ein Großverlag die Rechte an sich gerissen, ohne dass Vinn gefragt wurde. Er wäre gerne bei dem örtlichen Verlag geblieben, der dem Vater eines Schülers gehörte, und der ihm gegenüber sehr kulant gewesen war.
Im fünften Roman geschah ein Mord. „Mord nach der Pause“ verkaufte sich allein in Deutschland über fünfhunderttausend Mal. Danach war es aus mit der Ruhe. Aber Vinns Einkünfte waren so enorm, dass er ein Haus bauen und den Beruf quittieren konnte. Sein Verleger schickte ihn zwecks Werbung in ganz Deutschland zum Vorlesen herum, von sämtlichen Talkrunden und Fernsehshows der Republik erhielt Vinn Einladungen. Bis zuletzt musste er fast wöchentlich Interviewwünsche erfüllen. Musste immer wieder nach Italien, Spanien, Frankreich, Polen und England reisen, damit auch das Ausland sehen konnte, wer diese lebensechten, komischen, schlüpfrigen und überflüssigen Romane geschrieben hat. Auf diesen Reisen wurde er untreu. Ludmilla wurde von der vielen Aufmerksamkeit die sie bekam, immer unruhiger, eitler und abgehobener, seine Tochter immer eingebildeter. Es war geradezu ein Wunder, dass Birte ihre Schulzeit beendete und nicht vorher alles hinschmiss, um Romane zu schreiben.
Seinen Wechsel vom Lehrer zum professionellen Schriftsteller hatte seine Mutter leider nicht mehr erlebt, sie war schon während des Studiums gestorben. Hundert pro wäre sie wesentlich stolzer auf ihn gewesen als der Vater, der den ganzen Aufregungen nicht viel Positives abgewinnen konnte. Vinn allerdings beschlich den Verdacht, dass Amon nicht damit umgehen konnte, dass sein Sohn Abitur hatte, viel Geld verdiente und auch noch berühmt wurde. Obwohl sein Sohn einen mickrigen Körperbau und ein blasses Temperament besaß, schien er doch seinen alten Herrn überflügelt zu haben. Der einstmals unendlich selbstbewusste Amon war nicht lange vor seinem fünfundachtzigsten Geburtstag vom Tausendsassa auf Handwerker zurückgestuft worden.
Wenn Vinn nun tatsächlich über die Tätigkeit der jungen Leute in der Kartonagenfabrik einen Roman schreiben würde, wäre das ein ganz anderer als die vorausgegangen und vermutlich ein Flop. Deshalb dachte er überhaupt nicht daran ein neues Buch zu veröffentlichen und wieder ins Rampenlicht zu treten. Der einzige Zweck seiner dortigen Anwesenheit war, unter jungen Menschen zu sein, weil es dort lebendiger zuging als unter Gleichaltrigen und er auch öfter Neues erfuhr. Vielleicht wurde der Stoff einmal populär und ließ sich verwenden. Auf jeden Fall interviewte er alle die gerade Zeit hatten. Am liebsten die Mädchen. Ohne sich recht konzentrieren zu können, bewunderte er, während sie ihm auf ein Gerät schnäbelten, hingerissen ihre flinken Lippen, die zarte Haut ihrer Hälse und Arme und ihre verdeckten Formen. Leider drängte sich oft der eitle Snowy dazwischen, denn der hoffte, einmal groß rauszukommen. Auch Gluck und Spax kamen sich furchtbar wichtig vor.
Der berühmte Schriftsteller lud die Gruppe oder Firma, eben die ganze Bande, zu einer Party ein, die Ostersonntag stattfinden sollte. Der Hintergedanke dabei war, Insiderwissen und etwas über ihre persönlichen Beziehungen zu erfahren. Damit er an die erhofften Informationen kam, wollte er ordentlich Alkohol spendieren. Um sich seinen Gästen anzugleichen, besorgte er sich solche modische Klamotten wie sie die Computer-Freaks trugen. Hemden und T-Shirts in aktuellen Mustern und Farben, neue Blue-Jeans und eine Jacke, die er als Lehrer niemals angezogen hätte. Nachdem man jahrelang aufgerissene Jeans kaufen konnte, waren nun Jeans modern, bei denen die Löcher gestopft waren. Je kunstvoller die Löcher gestopft waren, desto teurer die Jeans. Das galt auch für die dazu passenden Jacken. Die Welt war schon verrückt. Funkelnagelneues Gewebe wurde zerrissen, um es wieder aufwändig zusammenzunähen und teuer verkaufen zu können.
Es war nie ganz klar wer alles mit Snowy zusammenarbeitete, oft war es ein munteres kommen und gehen. Auf jeden Fall hatte Vinn mit circa fünfzehn Leuten gerechnet. Doch anscheinend brachte jede und jeder noch ein oder auch zwei durstige Partner zur Party mit. Vinn war total überfordert. Durch sein Haus summte ein unübersichtlicher Menschenschwarm, die Toiletten waren dauernd besetzt, die Sitzgelegenheiten zu wenig, die Musik zu heftig und zu laut. Um elf Uhr war das Bier zu Neige, um viertel nach elf auch der Wein. Vinn bekam einen Tipp, wo er auch am Ostersonntag Nachschub besorgen könne, machte seinen Kleinlaster bereit und nahm noch eine freche Göre mit schriller Stimme mit, die den Weg wusste. Um Mitternacht waren er und Svenja, so hieß seine Begleiterin, mit voller Pritsche zurück. Gleich griffen viele gierige Hände in die Kisten. Der Hof roch schon wie ein Pissoir. Vinn floh mit einer Flasche Rotwein und der Hoffnung auf einen Sitzplatz, in sein Wohnzimmer, denn während seiner Abwesenheit hatte sich die hämmernde Musik von dort in die Küche verlagert.
Seine gute Stube war gut besucht. Die meisten saßen an den Wänden lehnend, mit einer Flasche zwischen den Beinen, auf dem Fußboden, die Luft war für Asthmatiker ungeeignet. Raucher leben zwar kürzer, sterben aber nicht aus. Der Ton zwischen seinen Gästen war ruppig, einige waren schwer bemüht, sich gegenseitig herabzusetzen. Ungeniert wurden Antipathien gepflegt, einander Fehler und Vergehen vorgeworfen und die Zukunftsaussichten vermiest. Besonders Snowy, der an diesem Abend in einem Maserati und mit einer Wodkaflasche gekommen war, die er besitzanzeigend umklammert hielt, fetzte sich mit jedem, der die Zukunft anders einschätzte als er.
„Wenn wir es nicht machen, machen es andere, du Weichhirn“, schleuderte er in Richtung Fernseher, meinte aber einen übergewichtigen Typ mit dunklem, wildem Haar und Bart, der direkt neben ihm auf dem Sofa saß.
„Dir ist doch überhaupt nichts heilig, du kennst keine Moral und akzeptierst keine Privatsphäre“, schimpfte der Lockige.
„Hör mir auf mit Moral“, schnaubte Snowdens Doppelgänger. „Es wurde schon immer gemacht was technisch machbar war, weil man genau wusste, dass einem sonst andere zuvor kommen. Man muss es ja nicht an die große Glocke hängen“, und nahm einen Schluck aus der Wodkaflasche.
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