So sehr er das Alleine wohnen genoss, saß Vinhold Radagar an Heilig Abend dann doch Trübsal blasend vor der Glotze und sah ins Leere. Neben seinem Fernsehsessel stand griffbereit eine Kiste Bier, was er bis dahin als Inbegriff eines gemütlichen und zwanglosen Lebens gehalten hatte. Nach dem Öffnen der zehnten Flasche bekam er einen Moralischen. Sturzbetrunken im Sessel sitzend, ging er mit sich ins Gericht, haderte mit seinem Bierkonsum, verwünschte seine Disziplinlosigkeit und schlief darüber ein. Im Laufe des nächsten Vormittags erwachte er mit einem Kater und sehr schlechten Gefühl, ohne sich an die nächtliche Selbstzerfleischung zu erinnern. Noch bevor er den dringend nötigen Toilettenbesuch absolvierte, stürzte er in der Küche ein Glas Leitungswasser hinunter, um den fürchterlichen Brand in seiner Kehle zu bekämpfen. Im Bad erblickte er sich im Spiegel und war mit sich und seiner Situation noch unzufriedener.
„Ich seh mit einem Kater,
so alt aus wie mein Vater“,
sagte er seinem wenig schmeichelhaften Spiegelbild.
Es musste etwas passieren, bei diesem Lebensstil ging er sonst vor die Hunde, sich hängen lassen hatte keine Zukunft und war keine Lösung. In seinem desolaten Zustand sah er schon, wie er eines Tages an einem Herzinfarkt starb und total verfettet und halb verwest in seiner vermüllten Wohnung gefunden wurde. Er musste die Zeit die ihm zur Verfügung stand anders nutzen und war fest entschlossen seinen Körper in Form zu bringen. Er nahm sich seinen Vater zum Vorbild, wusste aber, dass er nie so sportlich aussehen würde wie er, weil Amon zehn Zentimeter größer gewesen war und deshalb schlanker gewirkt hatte. Was musste er auch eine kleine Frau ehelichen. Die Größe einer Mutter wirkt sich entscheidend auf die Größe der Kinder aus.
Am Abend des ersten Weihnachtsfeiertags begab sich Vinn in seinem Trainingsanzug auf die Straße und begann zu trippeln. Schon nach einer Minute brach ihm der Schweiß aus. Er fing neu an und setzte, einen Laufschritt nachahmend, einen Fuß vor den anderen. Nach zwei Minuten bekam er Seitenstechen, drückte auf die entsprechende Stelle, machte die nächste Pause. Der Möchtegernsportler spazierte so lange die Straße entlang, bis das Stechen aufhörte und startete einen neuen Versuch. Wieder bekam er Seitenstechen, der Schweiß floss ihm in die Augen, die nächste Pause war fällig. „Ich Idiot“, sagte er auf einmal laut zu sich, „man muss sich doch zuerst warmmachen. In meinem Alter sowieso.“ Er kreiste seine Arme, zog die Knie abwechselnd Richtung Brust, versuchte bei gestreckten Beinen mit den Fingerspitzen seine Schuhe zu erreichen, was alles ziemlich erbärmlich aussah. Und es floss der Schweiß. So, jetzt muss es besser gehen, dachte er, und lief forsch drauflos. Nach etwa fünfzig Metern wurde ihm so schwindlig, dass er sich an eine Wand lehnen und dann auch noch auf den Boden setzen musste. Er fühlte sich so sterbend elend, dass er jeden Moment mit einem Herzstillstand rechnete. Nach einer Viertelstunde der Erholung schlich er vorsichtig in seine nach Bier riechende Höhle zurück.
Eisern versuchte Vinn sich das Joggen anzugewöhnen, für seine ersten Gehversuche, nutzte er den Winter über die frühe Dunkelheit. Fast täglich trippelte er abends vorsichtig die Südstraße entlang, versuchte jedes Mal ein Stück weiter zu kommen, und packte sich gut ein um viel zu schwitzen, denn allererstes Ziel war, seinen Speck abzubauen. Der Anfang war mühsam, neun Abende dauerte es, bis er ohne Verschnaufpause das Ende der Straße erreichte. Aber dann platze der Knoten und der Körper akzeptierte die neue, unbekannte Fortbewegungsart. Die Joggingstrecke wurde länger und länger und im Frühjahr konnte er, ohne anhalten zu müssen, das komplette Industriegebiet umrunden. Zudem stand nun ein Hometrainer in seinem Wohnzimmer. Wenn draußen mieses Wetter war, suchte er sich einen Film aus und verfolgte in radelnder Weise das Geschehen auf dem Bildschirm. Was ihn beim Kommandounternehmen „Abspecken“ mindestens genauso forderte wie die körperliche Betätigung, war der Verzicht auf Bier und Süße Teile. Sein Körper schrie nach Zucker. Nur noch selten und auch nur in größter Not, gönnte er sich einen Schokoriegel.
Einmal die Woche besuchte er das Jungvolk in der Kartonagenfabrik um zu testen, ob einigen Damen seine Veränderung positiv auffiel. Doch die Damen grüßten ihn, ohne recht hinzusehen. Erst als er im Frühjahr mit einer sportlichen Stoppelfrisur, einem Dreitagebart und einer Adidas-Mütze auftauchte, erntete er anerkennende Blicke. Er sähe nun aus wie ein Extrembergsteiger, übertrieb Snowy, und Vinns heimlich Angebetete Laura meinte, er wäre ein Beispiel, dass sich auch Alte noch positiv verändern können. Wenn sie das Wort Alte nicht benutzt hätte, wäre ihm der Satz wie Zucker hinunter gegangen. „Scheiße“, dachte Vinn, „die wissen halt wie alt ich bin. Ich muss Frauen anbaggern die das nicht wissen.“ Aber trotzdem wollte er auch in Zukunft den jungen Leuten nahe sein. Um für seine häufige Anwesenheit einen Vorwand zu schaffen, beschloss er, seinen letzten Beruf zu reaktivieren. Wie er schon angeregt hätte, würde er gerne einen Roman über eine Internetfirma schreiben, indem es um die Arbeitswelt junger Leute ging, erklärte er dem Computer-Volk.
Von Berufs wegen war er eigentlich Lehrer für Englisch, Deutsch und Geschichte. Sein Vater, der nur Volksschule kannte, war erst einmal erstaunt, als Vinhold, und später auch Villmut, aufs Gymnasium wechselte. Die Mutter allerdings, auch eine Volksschulabsolventin, war hellauf begeistert. Während Amon das Geld verdiente, kümmerte sich die Mutter, die immer nur Schatz oder Mama gerufen wurde und deren Name Ulrike die Familie überhaupt nicht mit ihr in Verbindung brachte, aufopferungsvoll um die zukünftigen Abiturienten. Belegte die Pausenbrote, fuhr sie bei schlechtem Wetter zur Schule, holte sie ab, besorgte fehlendes Schulmaterial, ging zu Elternabenden, engagierte sich am Gymi. Nach dem Abi verweigerte Vinhold den Wehrdienst und leistete seinen Ersatzdienst an der Pforte des nächsten Krankenhauses. Als er ein Lehrerstudium begann, stand wieder die Mutter auf seiner Seite, während der Vater etwas die Nase rümpfte, weil sein Filius keinen körperfordernden Beruf ergreifen wollte. Danach war auch seine Schwester Lehrerin geworden.
Nur einmal hatte der Vater seinen Kindern vorgeworfen, den bequemeren Weg zu gehen. Sie würden nur deshalb Lehrer werden, weil sie Schule kannten und den Gang in die freie Wirtschaft scheuten. Auch bei der Brautschau war Vinn den bequemsten Weg gegangen, in dem er eine Kollegin, eben Ludmilla, ehelichte. Zu guter Letzt ergriff auch noch Tochter Birte den Lehrerberuf.
Während seiner Lehrerzeit beobachtete er immer neugierig wie seine Schüler miteinander umgingen und verglich das mit seiner Schulzeit. Die Schüler, die sich alle ein Handy wünschten und nur noch telefonierten, geizten nicht mit Sticheleien und Gemeinheiten. Darin hatte sich trotz moderner Technik nichts geändert. Auch Liebeleien und Streitereien waren der Schulwelt erhalten geblieben. Als sich einmal zwei Jungs wegen einem Mädchen prügelten, wusste Vinn, was sich seit seiner Schulzeit geändert hatte. Am Gymnasium gab es kaum noch körperliche Gewalt. Der Rektor übertrug ihm die Aufgabe, zwischen den Kontrahenten zu schlichten. Nach einer Reihe gegenseitiger Schuldzuweisungen begannen die Beiden aus dem Schulalltag zu plaudern, Vinn bekam interessante Geschichten zu hören, die ihm bislang entgangen waren. Er machte sich erste Notizen. Wann immer ihm ein Beziehungsstress bekannt wurde, hielt er ihn schriftlich fest, denn, um als junger Lehrer erfolgreich schlichten zu können, musste er Erfahrungen sammeln. Nach einigen Jahren konnte er auf ein ganzes Bündel gesammelter Notizen blicken und Vinn hatte die darin festgehaltenen Ereignisse, in seiner Fantasie noch weiter gesponnen. Und zack, war er da, der Gedankenblitz, die Idee, aus dem gesammelten Material einen Roman zu formen.
Читать дальше