Vinn verkaufte seinen weißen Opel Astra und legte sich einen Fiat-Kleinlaster zu. Während Ludmilla immer für Mercedes, Audi, BMW und Porsche schwärmte, konnte sich ihr Mann komischer Weise nur für praktische Kleinwagen oder Transportfahrzeuge erwärmen. Ein Fahrzeug mit Ladefläche, in dem man hoch und mit viel Übersicht saß, vermittelte ihm das höchste Mobilitätsgefühl. Mit dem Laster konnte er nun seinen Sperrmüll zur Deponie bringen und ruckzuck fehlende Möbel besorgen. In einem Second-Hand-Möbelhaus kaufte er sich einen protzigen alten Mahagonischreibtisch, den er sich auf die Pritsche stellen ließ. Auf der Heimfahrt fuhr er an der Kartonagenfabrik vorbei und nahm zwei Jugendliche mit, mit deren Hilfe er das sperrige Möbel in das Arbeitszimmer hinauf bugsierte. Die zwei Jungs die Gluck und Spax hießen und die er gut mit Bier versorgte, wurden seine ersten Freunde am neuen Wohnort.
Als sein Arbeitszimmer, auf das er sich so lange gefreut hatte, endlich fertig war, setzte er sich genüsslich in seinen weichen, weinroten Ledersessel hinter den rötlichen Mahagonischreibtisch. Und war enttäuscht. Diese Sitzposition war bestenfalls für nächtliche Stunden geeignet, denn er saß zu tief und konnte nicht durch die Sicht auf Gärten und Fluss inspiriert werden. Sollte er, um die erwünschte Aussicht zu erlangen, den Schreibtisch auf ein Podest stellen? Andererseits war zu vieles Sitzen nicht gesund. Seiner Tätigkeit konnte er durchaus auch stehend nachgehen.
Wie er so eine unbestimmte Zeit am Fenster stand und hinausträumte, registrierte Vinn irgendwann eine sich steil aufwärts kräuselnde Rauchsäule, die ihren Ursprung bei drei bunten Hütten hatte. Dass ausgerechnet dort jetzt wieder gegärtnert wurde. Oder hatten sich nur ein paar Grillfreunde, unerlaubterweise, auf einem fremden Grundstück breitgemacht? Menschen konnte er keine erkennen, von den Hütten, deren farbige Wände nur hie und da durch das Buschwerk blitzten, eigentlich auch nicht viel. Aber er wusste genau wo sie standen und wie es dort aussah. In ihm machte sich ein unangenehmes Gefühl breit.
Die eine der Hütten, die rot, grün, gelb und schwarz angemalt war, hatte einst einer stadtbekannten Person gehört, die darin auch oft wohnte. Diese, im Hippie-Stil gewandete Frau, war eine der engagiertesten Personen der Stadt gewesen. Unermüdlich hatte sie sich für Natur, Haustiere, Kinder und Minderheiten eingesetzt. Wegen ihrer blumigen und fransigen Kleider und ihrem Interesse für Parapsychologie, war sie Hexe Alma genannt worden. Gleichzeitig hatte sie sich auch brennend für die negativen Einflüsse auf Körper und Geist interessiert und ihre Mitmenschen in punkto krankmachende Speisen, heilende Kräuter und Mondkalender beraten. Angeblich hatte sie sogar mit Handlesen und Wahrsagen ihre Einkünfte verbessert. Diese Alma war so alt wie sein Vater Amon gewesen und mit ihm zur Schule gegangen.
An den Wochenenden hatte in ihrem Kräutergarten bei der Hütte oft reger Publikumsverkehr geherrscht. Auch Vinns Eltern sind manchmal zu ihr hinüber spaziert, um Kräuter zu kaufen und Almas Märchen und Ausführungen zu lauschen, die recht unterhaltsam waren. Nicht wenige Menschen, die zu ihrem eintönigen Leben Alternativen suchten, glaubten an das, was die Hexe von sich gab. Eines Tages war sie vor ihrer bunten Hütte mit eingeschlagenem Schädel aufgefunden worden. Amon schien danach ziemlich durcheinander, war sie doch seine Klassenkameradin gewesen und dann auch noch ein Mord in solcher Nähe zu seinem Haus. Alma war als ledige alte Jungfer gestorben, der Mörder oder die Mörderin wurde nie gefunden.
So ziemlich die letzte Werkstatt der Straße in der noch Leben herrschte, außer in der Gärtnerei, war eine Schreinerei, die von zwei pummeligen Damen betrieben wurde. Ansonsten war in der Gegend tote Hose, Vinn alleine auf weiter Flur, was er ja auch wollte. Die eine, war die Enkelin des letzten Besitzers, die andere, ihre Lebensgefährtin, was er zufällig von Spax erfahren hatte. Zusammen mit den Schreinerinnen, die Helga und Muriel hießen, entwarf er einen stabilen Stehpult, den die Beiden für ihn schreinerten. Somit hatte er zwei weitere Freunde gefunden.
An einem schönen Herbsttag wurde das Stehpult aus Kirschholz geliefert. Seine rötlichen Möbel harmonierten mit den gelblichen Wänden aufs Vortrefflichste, fand er. Die Atmosphäre seines Arbeitszimmers strahlte so viel Wärme aus, dass er im Winter bestimmt Heizkosten sparen würde. Vinn bedankte sich bei Helga und Muriel, beglückwünschte sie zu ihren geschickten Händen und lud sie auf ein Bier ein. Weil es ein heißer Tag war, geleitete er sie durch die Landhausküche, die die Schreinerinnen neugierig musterten, hinten hinaus auf die schattige Terrasse. Die Damen ließen sich in die bequemen Gartenstühle fallen, die noch von Vinns Eltern stammten, streckten ihre dicken kurzhosigen Beine weit von sich, ließen sich von ihm Bier bringen und betrachteten die Rückseite der gegenüberliegenden Fabrik. Die Blechfassade des ehemaligen Pharmabetriebs, doppelt so hoch wie das Haus, hatte auch einiges zu bieten. Gleich neben der Terrasse befand sich die Grundstücksgrenze, die durch einen Zaun markiert wurde, der von Waldreben, Hopfen und Hartriegel überwuchert, als Zaun nicht mehr zu erkennen war. Einige Meter dahinter erhob sich ein gigantisches Gemälde, das Amon ohne Erlaubnis des Fabrikbesitzers geschaffen hatte, um seiner Terrasse ein wohnliches Ambiente zu verpassen.
Im Bereich seiner Terrasse hatte Amon die gerippte Blechfassade mit seiner Spritzpistole himmelblau lackiert. Darauf dann, ebenfalls mit der Spritzpistole, einige eindrucksvolle Bäume gesprüht. Linksaußen ragte hinter dem überwucherten Zaun eine Palme hervor, in der Mitte, mit weit ausladenden Ästen, eine Schirmakazie die an Afrika erinnerte und rechts, eine wuchtige fremdländische Weide, mit dickem gelbem Stamm. Wer genau hinsah, konnte am Stamm der Palme ein Kapuzineräffchen in Lebensgröße erkennen, in der Schirmakazie einen heiligen Ibis und in der Weide einen Nashornvogel. Je nachdem wie der Vater Zeit gehabt hatte, hatte er auch noch ein paar einheimische Finken und Meisen hineingemalt, alle in Lebensgröße und kaum zu erkennen.
Helga und Muriel suchten angestrengt nach Vögeln, um noch zu einem zweiten Bier zu kommen, der Gastgeber öffnete schon sein Drittes. Sie sprachen über die Einsamkeit der Straße, wie schön das sei, wie wenig man von der Welt belästigt wurde. Und hier sei dieser schlimme beginnende Krieg ganz weit weg, meinte Muriel. Das sei in Georgien, beruhigte Vinn, das sei sowieso weit weg. Aber die Nato würde doch jetzt hineingezogen, ereiferte sich Helga, und Deutschland sei doch in der Nato. „Vielleicht findet sich eine Drohne, die diesen Dimitrie Russov ins Jenseits befördert“, hoffte Muriel, „dann wäre wieder Ruhe.“ Nach dem zweiten Bier waren die Schreinerinnen so anständig und räumten die Terrasse, er verabschiedete sie mit einem „kommt mal wieder vorbei“ und machte die vierte Flasche des Nachmittags auf.
Tage später, sein Arbeitszimmer war nun zu seiner vollsten Zufriedenheit eingerichtet, stand Vinn im Büro seines Vaters, besah sich die Regale mit den Ordnern und überlegte, ob er mit deren Beseitigung vielleicht einen Fehler mache. Der kleine Raum beanspruchte die Ecke zum Hof, das Wohnzimmer den Rest der Straßenfront. Amons Büro war mit zwei Fenstern ausgestattet, eines zur Straße und eines zur Werkstatt. So hatte sein Vater immer beobachten können, wer das Grundstück betrat und verließ. Im Büro war er allerdings meistens erst nach dem Abendessen verschwunden. Wann der Vater ins Bett ging, hatte er als Kind und Teenager nie mitbekommen. Sein alter Herr war immer so energiegeladen gewesen, dass Vinn manchmal bezweifelte, ob er überhaupt schlief. Am nächsten Morgen um sechs war er schon wieder über der Zeitung gesessen, und seinen Sport musste er auch irgendwann getrieben haben, denn Zeit seines Lebens sah er gut trainiert aus.
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