Das alles hatte sich aber schon vor langer Zeit zugetragen. Das Gros der Handwerksbetriebe stand nun leer und verfiel, weil es an Nachfolgern fehlte und sich keine Käufer fanden. In den Vorgärten, Einfahrten und Höfen übernahmen Kräuter, Ranken, Büsche und Bäume den ungenutzten Raum, die Grundstücke wurden den gegenüberliegenden Schrebergärten immer ähnlicher. Auch diese fanden kaum noch Nutzer, die Hütten vergammelten und die Beete wuchsen mit allem Möglichen zu, nur nicht mit Gemüse. Selbst die riesigen Fabriken, einige aus Backstein und bis zu hundert Jahre alt, andere aus modernen Blechfassaden, standen fast alle leer. Die Wirtschaft und das Leben hatten sich aus dem Südende weitgehend zurückgezogen und in neuen Industrie-und Gewerbegebieten angesiedelt. Für Vinhold schien es das perfekte Rückzugsgebiet, in seinem Elternhaus war er weg von der Welt.
Tage nach der Beerdigung begann er heimlich den achtzigjährigen Backsteinbau zu renovieren. Da sein Vater ein Malergeschäft betrieben und bis zuletzt gelegentlich zu Pinsel und Farbe gegriffen hatte, hielt sich der Renovierungsaufwand in angenehmen Grenzen. Das Malern hatte er vom Alten gelernt. Als Schüler hatte er ihm in den Ferien geholfen, um sein Taschengeld aufzubessern.
Amon Radagar war ein gewissenhafter und flinker Handwerker gewesen, der immer nur die Besten Farben verwendete. Für Fassaden zum Beispiel immer nur Amphibolien. Selbst nach Jahrzehnten sahen seine Fassaden immer noch frisch aus. Beim Tapezieren war Amon ein richtiger Crack. Für die breite Maler-Tapeziermaschine, auf die extrabreite Raufaser-Rollen passten, musste Vinhold oft den Kleister anrühren. In der Zeit in der er das machte, hatte sich sein Vater schon zehn bis zwanzig Bahnen durchgezogen und das erste Zimmer tapeziert. Der Alte konnte in einer unbeschreiblichen Geschwindigkeit einen Neubau tapezieren. Diese Räume dann zu streichen, war das reinste Kommandounternehmen. Rationell und effektiv wurden Türen und Fenster abgeklebt, die Risse in Windeseile mit Acryl zu gespritzt und dann alles, ohne einen Pinsel benutzen zu müssen, mit einer großen und einer kleinen Rolle durchgewalzt, wobei nie an Farbe gespart wurde. Um eine abriebfeste und widerstandsfähige Fläche zu erhalten, musste Farbe unverdünnt und dick aufgetragen werden. Das galt auch für die Fenster, Amon Radagars Fensteranstriche waren die langlebigsten, weil er sie nur mit der besten Farbe, Amarol Triol, dreimal dick eingepinselt hatte.
Von seinem Schwarzgeld, das er nun nicht nach Sardinien schmuggeln musste, ließ sich Vinhold die Strom- und Wasserversorgung auf Vordermann bringen und ein neues Bad einbauen. Nachdem der letzte Handwerker aus dem Haus war, begann sein Part. Mit dem Schlimmsten fing er an. Bevor er die Küchenschränke- und Möbel lackieren konnte, musste er sie zuerst entfetten, beim Putzen hatte sein alter Herr gerne gespart. Um das Fett abzuwaschen, das sich seit der letzten Renovierung vor dreißig Jahren angesammelt hatte, waren zwei leidvolle Arbeitsgänge mit atemwegreizendem Salmiak notwendig. Nachdem Decke, Wände und Türen cremeweis gestrichen waren, verpasste er den Schränken und den Sitzmöbeln eine Nussbaumlasur. Bald war die Küche (Vollholz, Landhaustil) so hergerichtet, dass es sich in ihr aushalten ließ. Nebenbei schuf sich Vinhold einen provisorischen Schlafplatz, und nach einiger Zeit fuhr er einfach nicht mehr nach Hause. Das war der Beginn der Trennung. Seiner Frau erklärte er trocken, dass er sein altes Zuhause nur noch einmal in der Woche besuchen würde, um die Post zu holen. Dass er abends nach der Arbeit nicht nur müde, sondern auch voller Pils und fahruntauglich war, sagte er natürlich nicht. Sein Handy stellte er nur noch an wenn er telefonieren musste.
Beim Renovieren der Zimmer ließ er sich unendlich viel Zeit. Bei schönem Wetter machte er lange Spaziergänge durch die Schrebergärten und Industrieanlagen. Dabei stellte er fest, dass in der ehemaligen Kartonagenfabrik, die am Ende der Süd-Straße neben der Chemiefabrik stand, sich eine Horde Jugendliche einnistete. Vor dem Backsteingebäude standen immer ein paar alte Autos und diverse Zweiräder. Die Jugendlichen, die ihn immer freundlich zurückgrüßten, saßen abends oft draußen vor einem selbstgebauten Grill, tranken Bier und warteten auf die Verzehrbarkeit ihres Grillgutes.
Gelegentlich unternahm er kurze Radtouren durch die umliegenden Ortschaften, hielt an Dorfbäckereien, aß Butterbrezeln oder süße Teile und trank Kaffee dazu. Bei einer Rückkehr blieb sein Blick an dem Namensschild „Amon Radagar“ hängen. Versonnen betrachtete er die Buchstaben und kam zum Schluss, dass er mit seinem Familienname ganz gut leben könnte. Aber der Vorname. Tage später überklebte er Amon mit einem „Vinn“. Ab sofort war er nur noch Vinn, für alle und Jedermann.
Mit dem Wohnzimmer war Vinn ziemlich schnell fertig. Ausmisten, putzen und mit den schönsten Möbeln seiner Eltern wieder einrichten, war ein Arbeitsgang. Dieser Raum diente ihm allein dazu, möglichst komfortabel vor dem Fernsehschirm zu sitzen. Nächtigen tat er auf dem ausziehbaren Sofa. Dann begann eine lange Woche, während der er das Haus durchstöberte und das Unbrauchbare, welches neunzig Prozent des Hausinhalts ausmachte, abholbereit vor dem Haus auf der Straße stapelte. Wie paralysiert durchforschte er den Nachlass seiner Eltern, blätterte in Fotoalben und Ordnern, sammelte interessente Unterlagen, Dokumente und Verträge und schleppte das Uninteressante schwitzend auf die Straße hinaus. Von seiner Tätigkeit war er so eingenommen, dass er oft die Mahlzeiten ausfallen ließ. Es wurde ihm auch zu mühselig ständig eine Kiste Pils zu besorgen, immer öfter trank er Wasser aus der Leitung.
Nach einem anstrengenden Wochenende, das er dem Entleeren des Kellers gewidmet hatte, blickte er am Montagmorgen beim Zähneputzen erschrocken in den Spiegel. Seine Wangen waren eingefallen, eingefallen aber straff. So gut hatte er seit Jahren nicht mehr ausgesehen. Er betastete seinen hüftnahen Fettwulst, und fand ihn deutlich reduziert. Was ein Bisschen Schinderei und Bierverzicht doch alles bewirkt. Weil er sich gerade so zufrieden fühlte, beschloss Vinn, einen Blick auf die eingegangenen Telefonate zu werfen. Fünfmal sein Agent, vermutlich wegen Interviewwünschen, dreimal Ludmilla, vermutlich, weil sich bei ihr seine Post stapelte und einmal eine Bank. Die Zahl der Anrufe hatte in den letzten Wochen erfreulich abgenommen. Da er gerade so gut drauf war, putzte er gleich seinen Agenten herunter und schrie ihm entgegen, dass er in einer Schaffenskrise stecke und seelisch und moralisch völlig am Boden sei. Als der einen guten Psychologen empfehlen wollte, war für Vinn das Gespräch auch schon beendet.
Danach ging er eine Arbeit an, auf die er sich schon seit langem freute. Er begann, aus seinem ehemaligen Kinderzimmer im Obergeschoss, ein Arbeitszimmer zu machen. Der Giebel zur Straße war durch eine Wand in exakt zwei gleiche Räume geteilt. Das westliche Zimmer war für ihn, das andere für seine Schwester gewesen. Lange überlegte er, ob er die Trennwand herausreißen sollte, aber dann hätte er zwei riesige Schrägen gehabt. Er wollte aber eine große Fotowand in seinem Arbeitszimmer. Das Schönste an diesem Zimmer war die Aussicht. Man konnte die Straße rauf und runter den fehlenden Verkehr beobachten, tief in die Gärten blicken oder über die Gärten hinweg, wo hinter dem Fluss der Ausblick wahlweise an einer Reihe Pappeln, einer Hügelkette oder einem Kirchturm endete. Eine idyllische, schöne, kleine, in sich geschlossene Welt, so fand Vinn.
Das Negative des Zimmers war die unerträgliche Hitze im Sommer. Um die Sonneneinwirkung zu schwächen, ließ sich Vinn über dem Fenster eine schattenspendende Markise anbringen und an der Schräge, kurz unter der Decke, ein Dachfenster einbauen, durch das die heiße Luft entweichen konnte, ohne gleich eine Klimaanlage bemühen zu müssen.
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