„Ja, hier besonders. Aber längst nicht nur bei uns. Hast du schon mal von den ‚Dethlinger Teichen‘ gehört?“
„Mir ist der Name begegnet, ja. Haben sie nicht im letzten Jahr die Straße gesperrt, um irgendwelche Teiche zu entgiften?“
„Genau. Die Teiche liegen nur drei Kilometer von Munster entfernt direkt an der Bundesstraße.“ Sie scheint es abzulesen. „Früher wurde dort Kieselgur abgebaut, ein Gesteinsmehl mit vielerlei Verwendung, vor allem in der Baubranche. Bis zu 21 Meter tief waren die Gruben. Ich fasse mal zusammen, was passiert ist: Die Wehrmacht betrieb in der Gegend ein riesiges Waffen- und Kampfstofflager, Muna genannt. Es bestand aus über 150 Gebäuden und Bunkeranlagen. Viele der Bunker, manche zwanzig mal vierzig Meter groß, lagen getarnt unter Büschen und Bäumen im Wald. Nachdem die Muna 1945 kampflos von den Briten eingenommen war, brachten diese die meisten Granaten und Kampfstoffe zur Ostsee und versenkten sie dort.“
„Na dann wünsche ich einen schönen Sommerurlaub am Timmendorfer Strand!“ Ich kann mir diese Zwischenbemerkung nicht verkneifen. Elske lässt sich nicht irritieren.
„Allerdings. Doch ein Urlaub in der Heide birgt vermutlich größere Gefahren! In den Dethlinger Teichen wurden immerhin noch etwa 10.000 weitere Granaten versenkt, dazu Tankwagenweise Kampfstoffe, darunter auch 100 Fässer mit dem Kampfstoff ‚Lost‘. Du weißt, was das ist?“
Nein, ich weiß es nicht.
„Das ist Senfgas, eine der schrecklichsten Chemiewaffen überhaupt. Auch Sarin, noch tödlicher, haben sie dort versenkt. Aber während sich Sarin abbaut, bleibt Senfgas über Jahrzehnte äußerst gefährlich.“
„Das ist ja grässlich. Und jetzt hat man alles herausgeholt?“
„Noch längst nicht. Als Anwohner und Bauern Anfang der fünfziger Jahre Granaten aus den Gruben holten, um diese an Schrotthändler zu verkaufen, wurden einige von ihnen krank. Daraufhin hat man die Teiche mit dem Bauschutt gesprengter Bunker zugeschüttet. 1957 wurden endlich Messstellen errichtet, um das Grundwasser zu überprüfen. Der Rest ist logisch.“
„Sie haben Chemikalien und Giftstoffe im Grundwasser gefunden und alles muss raus.“
„Genau. Aber nach diversen Messungen hat man erst 2019 mit der Entnahme von Gefahrgut begonnen und ist noch längst nicht fertig. Bis Ende März 2020 wurden 33 Tonnen Munition, 2,8 Tonnen chemische Kampfstoffe und 780 Kilo Sprengstoff geborgen und durch die GEKA vernichtet.“
„Die GEKA?“
Ich denke an die blauen Transporter am Krater.
„Die ‚Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten mbH‘ mit Sitz in Munster, dessen einziger Gesellschafter das Verteidigungsministerium ist. Sie besitzt die einzige Lizenz zur Vernichtung von Kampfstoffen in Deutschland.“
„Oh weh. Da werden die wohl im Himmelstaler Krater auch noch eine Menge Arbeit kriegen.“
„Das kann gut sein. Ich sagte ja, Gefahren durch alte Munition lauern überall. Wie oft hören wir in den Nachrichten, dass bei Bauarbeiten Blindgänger gefunden wurden. Es müssen manchmal ganze Stadtteile evakuiert werden. Auch die GEKA-Experten kommen dann zur Entschärfung. Besonders auf den Truppenübungsplätzen unserer Republik liegt noch massenhaft scharfe Munition, Giftgas und was weiß ich … Ich habe dir einen Link von den Funden in der Dippoldiswalder Heide in Sachsen geschickt. Dort haben sie im Dezember 2020 rund neunzig Tonnen Munition geborgen, darunter etwa dreiviertel Artilleriegranaten aller Kaliber. Man geht davon aus, dass sowohl deutsche als auch russische Soldaten nach Kriegsende riesige Mengen Munition entweder gesprengt oder vergraben haben. Besonders krass ist dies, wie gesagt, auf Truppenübungsplätzen. Wenn dort mal ein Waldbrand entsteht, müssen Menschen im Nahbereich um ihr Leben fürchten.“
Elske macht eine Pause.
Ich bin ernüchtert, entsetzt und irritiert. Klar, ich wusste, dass hier und da noch Munition lagert. Aber so viel? Und der Krater? Der könnte nach diesen Informationen nicht einfach eine Senke mit ein paar zufälligen Granat-Funden sein, sondern gewissermaßen ein Tor zur Hölle.
Ich nehme mir vor, mit den Typen von der GEKA Kontakt aufzunehmen. Wenn hier solche Gefahren im Boden lauern, muss unbedingt auch die Öffentlichkeit darüber informiert sein.
„Danke, Elske. Ich lese mir deine Anlagen dann mal durch.“
„Dann schau dir auch die aktuellen Zahlen an.“
„Zahlen zu Munitionsfunden?“
„Nein. Zahlen zu Munition, Waffen und Kriegsgerät, das wir gegenwärtig herstellen, nutzen und exportieren.“
Ich spüre Wut in Elskes sonst eher sanften Stimmlage.
„Du glaubst es nicht! Deutschland ist nach den USA, Russland und Frankreich viertgrößter Waffenexporteur. 5,5% aller Waffenlieferungen weltweit kommen von uns. Im Jahr 2021 wurden Exportgenehmigungen für Rüstungsgüter in Höhe von 9,35 Milliarden Euro erteilt. Fast die Hälfte davon ging an Ägypten, das im Jemen Krieg führt. Ausgerechnet die Türkei ist unser bester Kunde im Waffengeschäft. Ist das nicht unglaublich?!“
„Aber das sind nicht alles Granaten.“
„Nein, natürlich nicht. Es waren Kleinwaffen, gepanzerte Fahrzeuge, Kampfpanzer, U-Boote, Geländewagen, Ortungs- und Steuerungstechnik und diverse Zubehör- und Ersatzteile für Waffensysteme im Einsatz. Aber allein an den überaus fragwürdigen Wüstenstaat Katar wurden 40.000 Stück Munition geliefert. Ist das nicht grässlich?!“
„Dabei hat Deutschland die Exporte doch angeblich sogar reduziert! Selbst die letzte Regierung soll strenge Regeln für das Waffengeschäft gesetzt haben und in die Ukraine schicken wir doch jetzt auch nichts – obwohl die Nato uns drängt.“
Sie lacht mit resignativem Unterton. „Stimmt. Die neue Regierung wird das dann hoffentlich umsetzen und weiter begrenzen. Schade, dass nicht doch die Linken mitregieren. Die sind als einzige Partei generell gegen Waffenexporte.“
Dass Elske sich politisch so klar äußert, ist mir neu. Was sie jetzt gelesen und recherchiert hat, muss ihr sehr nah gegangen sein. Und es stimmt: Ein Land, das mit zwei Kriegen derart viel Leid über die Welt gebracht hat, sollte sich eigentlich schämen. Indirekt geht das Töten weiter und Deutschland ist daran unmittelbar durch seine Waffen beteiligt.
„Du hast recht, Elske. Die Rüstungsindustrie hat in diesem Land eine starke Lobby …“
„… und macht vor allem unglaublich viel Geld! Fast zehn Milliarden Euro im letzten Jahr – mit diesem Geld könnte man den Welthunger beseitigen!“
Wieder entsteht eine Pause am Telefon.
Mir brummt nicht nur der Kopf vor Zahlen und Informationen, auch mein Ohr tut schon weh. Elske scheint ebenfalls genug telefoniert zu haben.
„Okay Jens“, schließt sie ihre Ausführungen, „ich glaube, es reicht. Lies dir meine Mail mit Angang durch, dann kennst auch du die Details. Ich brauche erst einmal etwas Abwechslung. Ich werde mal was über die Passions- und Fastenzeit zusammentragen.“
„Danke. Ich fürchte, die mit den Kriegswaffen verbundene Passion und das durch Granaten verursachte Leiden wird eine Recherche dazu auch nicht entspannter gestalten.“
„Das stimmt sicher. Es ist wie immer: Theologie und Religion finden nicht im luftleeren und schon gar nicht im leidensfreien Raum statt. Sie sind unmittelbar mit unserem wahren Leben verbunden.“
„Erzähl das mal unserem geliebten Chef! Ich denke, er versucht, die Religion und vor allem christliche Themen auszublenden und als weltfremde Ideologie abzutun. Damit tut er aber weder sich selbst, noch unseren Lesern einen Gefallen.“
„Und Leserinnen.“
„Sorry, vielleicht vor allem den Leserinnen. Frauen mögen religiösen Lebensdeutungen womöglich näher sein als Männer.“
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