Sogar das Reisen selbst lief viel bequemer ab. Für die Untersuchungen wurde ihm ein Expeditionsgleiter zur Verfügung gestellt, der nach seinen Wünschen ausgerüstet war. Damit flog er von zu Hause aus los und erreichte jeden Ort im Staatsgebiet Gäas, den er untersuchen wollte. Weder Meere noch Gebirge behinderten die Reise. Notfalls stieg der Gleiter bis zur Stratosphäre auf, um von dort aus sein Ziel anzufliegen. Bequemer kann man es als Wissenschaftler im Außendienst nicht haben.
Nur diesmal kam er etwas bedrückt nach Hause. Fünfzehn Krater hatte er abgesucht, aber kein einziges Teil der dazugehörenden Meteoriten gefunden. Das Erstaunlichste war, dass alle Einschlagstellen ein nahezu ähnliches Alter aufwiesen. Alle entstanden vor etwa acht- bis zehntausend Jahren. „War das Zufall? Oder handelte es sich um einen ganzen Schwarm aus einer exotischen, sich total auflösenden Materie, der damals auf die Südhalbkugel niederging? Aber wenn die Meteoriten auch restlos verdampft wären, hätte ich Spuren davon in den Gesteinsschichten finden müssen. Ist mir womöglich ein Fehler unterlaufen?“ Er würde sich diesmal besonders intensiv mit den mitgebrachten Untersuchungsergebnissen befassen müssen.
Einen Monat arbeitete Flores ausschließlich an der Auswertung aller Daten dieser fünfzehn Krater. Aber er kam zu keinem befriedigenden Ergebnis. Auch seine Kollegen wussten nicht weiter. Schließlich veröffentlichte er die Daten sogar weltweit, in der Hoffnung, dass anderswo etwas entdeckt würde, das er übersah. Jedoch brachte auch das keine Ergebnisse. Nur den Spott einzelner Konkurrenten zog er sich mit dieser Aktion zu, aber da stand er drüber. Ihm ging es um die Sache, um die Aufklärung eines Phänomens und nicht um seine Profilierung. Das hatte er nicht nötig.
Dann erhielt er einen Anruf von einer außergewöhnlichen wissenschaftlichen Kapazität. Nie hätte er damit gerechnet, dass sich Nathan persönlich bei ihm melden würde. „Du hast wohl ein größeres Problem mit den Ergebnissen der letzten Expedition? “, begann Nathan das Gespräch. „Ich habe deine Aufsätze und Daten noch mal geprüft und ich kann dir versichern, dass auch ich keine Fehler entdecken konnte. Das gesuchte Material scheint sich einfach aufgelöst zu haben.“ „Das Seltsame daran ist aber, dass die entsprechenden Energie-Signaturen im Gestein vorhanden sind.“ Flores freute sich darüber, mit jemanden über das Problem zu sprechen, der mehr als seine eigene Fachkompetenz besaß und doch das Gespräch auf Augenhöhe mit ihm führte. Allen, die mit Nathan direkt zu tun hatten, war die fehlende Überheblichkeit aufgefallen, die ein Individuum mit so viel Macht und Wissen aus menschlicher Sicht eigentlich entwickeln müsste. Diese Eigenschaft trug zu seiner Beliebtheit in Gäa bei.
„ Du wirst dich wohl damit abfinden müssen, dass wir trotz der großen Fortschritte in den Wissenschaften nicht alle Rätsel lösen können. Vielleicht solltest du deine Suche auf den Ursprung der Ursachen verlegen.“ „Wie darf ich das verstehen?“ „Nun, überleg mal, wo kommt denn die Materie her, die du vermisst?“ „Du meinst, ich soll ins Weltall reisen? Glaubst du, dass ich im Asteroidengürtel auf eine Lösung stoße?“ „Weltraum ist schon ganz gut. Aber es ist nicht unbedingt dieser Bereich, an den ich denke.“ „Das verstehe ich jetzt nicht“ „ Natürlich, wie könntest du auch. Ich erklär’s dir.
Wir sind dabei, ein Raumschiff zu bauen, mit dem man in kürzester Zeit ferne Sonnensysteme erreichen kann. Dafür suche ich geeignete Kandidaten, die damit auf Forschungsreisen gehen werden. Die Wahl ist unter anderem auf dich gefallen. Schließlich bist du jetzt schon ein Weltenbummler und eine Kapazität auf deinem Gebiet sowieso. “
„Wahnsinn, das verschlägt mir beinahe die Sprache! Fremde Welten besuchen, womöglich andere Planeten untersuchen, Proben mitbringen. Dafür lasse ich sogar meine geliebte Universität hier zurück!“ „ Nun, sei mit deiner Abschiedsfeier nicht zu voreilig. Wie gesagt, befindet sich das Schiff noch im Bau. Arbeite vorerst wie gewohnt weiter, und behalte diese Information bitte für dich. Überlege dir in der Zwischenzeit, welche Ausrüstung du benötigst. Ich denke, ich werde dir schon mal fünf Tonnen Nutzlast zugestehen .“
„Fünf Tonnen? So viel? Dann muss ich mir echt den Kopf zerbrechen, wie ich das optimal nutze.“ „Ich melde mich wieder, wenn wir so weit sind, um das Schiff mit deinem Equipment auszurüsten. Dann wird es auch Zeit werden, dich und die andern Mannschaftsmitglieder der Bevölkerung offiziell vorzustellen.“
Flores' Frust war auf der Stelle verflogen. „Ich im Weltraum, nein in fernen Sonnensystemen, was für eine Wahnsinnsvorstellung!“ Jetzt war die Welt für ihn wieder in Ordnung. Die Rätsel der mysteriösen Krater waren nicht vergessen, aber sie standen nicht mehr an erster Stelle. Nathan hatte ihm unmittelbar nach dem Gespräch eine vertrauliche Datei mit einigen Informationen geschickt. Jetzt konnte er in Ruhe seine Ausrüstungswünsche zusammenstellen.
Am Rande von Kalkutta, in einem der großen Slums, stand ein Gebäude, das aus den angrenzenden Hütten herausragte wie der Eiffelturm aus Paris. Der zwanzig Stockwerke hohe Komplex war das Krankenhaus der „Ärzte ohne Grenzen“. Nach über hundert Jahren bestand diese Vereinigung bis heute. Und traurigerweise wurde sie auch noch benötigt. Nur ihre Aufgabe hatte sich verändert. Jetzt waren es nicht mehr die Kriegsflüchtlinge, die aus den Meeren gefischt wurden. Dafür sorgte Gäas Regierung in Person von Nathan. Mit seinen überlegenen technischen Errungenschaften war er in der Lage, jeden militärischen Konflikt schon im Keim zu ersticken. Unmittelbar nach der USA-Krise rief er das sogenannte Militär-Gebot aus. Das besagte, dass kein fremder Soldat sich außerhalb des eigenen Landes bewegen durfte.
Ein paarmal wurde versucht, gegen die Regel zu verstoßen. Aber immer mit demselben Ergebnis. Nathan vernichtete die gesamte Militärausrüstung der Aggressoren. Mit der Zeit kapierten auch die dümmsten Diktatoren, dass sie gegen die technische Übermacht Gäas nichts ausrichten konnten. So schaffte es Nathan, obwohl er „nur“ über die Hälfte der Erde herrschte, dafür zu sorgen, dass seit über hundert Jahren kein einziger Krieg mehr geführt wurde.
Das war aber nur ein Problem. Armut, mangelhafte Krankenversorgung und die damit verbundene Seuchengefahr waren nicht so leicht zu bekämpfen. Natürlich lebte die Bevölkerung in Gäa in einem Paradies. Hier gab es so etwas nicht mehr. Aber in den sogenannten Schwellenländern kam der Wohlstand nicht bei der breiten Bevölkerung an. Noch immer hatten hier korrupte Politiker, religiöse Fanatiker und vor allem der Geldadel das Sagen. Dies wurde sogar immer schlimmer, nachdem die All-Invest, Bergers Firmenimperium, das er bei der Gründung Gäas verlor, in der dritten Generation der Führungskräfte in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht war.
Niemand war mehr da, um hier einen Gegenpol zu errichten. Auch Nathan schaffte es nicht daran viel zu ändern, ohne sich in die inneren Staatsangelegenheiten der Länder einzumischen, was er aber unbedingt vermeiden wollte. Man hätte ihm das sofort als Aggression ausgelegt. Gäa blieb nur noch die Möglichkeit, die riesigen Flüchtlingsströme aus den Armenhäusern der Welt aufzunehmen. Leider reichte das nicht aus.
Um nicht ganz untätig dem Elend zuzuschauen, hatte Gäa eine große Entwicklungshilfe-Aktion gestartet. Dazu gehörte auch die großzügige Unterstützung der Organisation der „Ärzte ohne Grenzen“. Das Hochhaus in Kalkutta wurde von Gäa finanziert und unterhalten. Die meisten Ärzte, die hier arbeiteten, kamen aus Gäa. Einer davon war Arif Ben Najjar. Er stammte aus dem ehemaligen Saudi Arabien.
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