Jetzt fiel es ihm wieder ein. Das Phänomen kannte er doch! Es lag nicht am Schiff. Wie konnt er so dumm sein! Der Gravitationsantrieb funktionierte auf Anziehung oder Abstoßung. Der Antrieb bildete einen Gegenpol zur herrschenden Gravitation. Aber hier draußen war die Anziehungskraft der Sonne extrem gering und Planeten gab es in der Nähe auch keine. Es fehlte der Gegenpol, an dem sich der Antrieb abstieß.
Die Ursache war erkannt, aber so kam er nicht nach Hause. Schlimmer noch, das Schiff flog mit der Geschwindigkeit, mit der er aus dem Tunnel kam, von der Sonne weg. Er trieb immer weiter in den Kuipergürtel hinein. Glücklicherweise befand er sich außerhalb der Planetenebene. Dort war auch die Dichte der KBO’s, der 'Kuiper Belt Objects', sehr gering, jedoch nicht vernachlässigbar. Die nächste Annäherung war nur eine Frage der Zeit. Noch einmal versuchte er, mit dem Hauptantrieb abzubremsen. Aber selbst bei voller Leistung war die Wirkung nicht größer, als ob man sich gegen einen rollenden Zug stemmen würde. Auf diese Art dauerte das Bremsmanöver Jahre.
Im Grunde sorgte er sich nicht um seine Person. Er fühlte sich im Schiff relativ sicher. Die Lebenserhaltungssysteme und Nahrungsversorgung reichten, dank der Kreislaufsysteme, nahezu unbegrenzt lange. Viel mehr befürchtete er das Scheitern des Projektes. Da hatte man einen perfekten Überlichtantrieb gebaut, der schon beim ersten Mal optimal funktionierte, und dann scheitert alles an einem dummen Denkfehler! Bei den herkömmlichen Schiffen waren die beiden Antriebe miteinander gekoppelt. Wurde der eine schwächer, setzte automatisch der andere ein. Eine folgenschwere Automation. Weil sich der Pilot nicht darum kümmern musste, machte er sich darüber auch keine Gedanken.
Nach den Ergebnissen seiner Ortungssysteme war er im Moment außer Gefahr. Es war kein Objekt in bedrohlicher Nähe. Er konnte sich also Tage Zeit lassen, um nach einer Lösung zu suchen. Zuerst verfasste er einen Bericht mit allen Daten, den er zur Erde schickte. Vielleicht fand er eine Möglichkeit, bevor von Nathan eine Antwort kam. Das würde sowieso über zwölf Stunden dauern.
Mandela unterbrach erst mal seine Arbeit um zu essen und etwas Körperpflege zu betreiben. Die leichte Kombination, die er trug, war vollkommen durchgeschwitzt. Er ließ sich sogar Zeit für eine Dusche. Schließlich wusste er nicht, wann er noch mal Gelegenheit dazu bekam. Frisch gestärkt machte er sich wieder ans Werk. Er sammelte alle Informationen, die ihm über die Ressourcen des Schiffes zur Verfügung standen. Nein, einen provisorischen Antrieb zu bauen war nicht möglich. Dummerweise waren sämtliche Geräte, die vielleicht weiter halfen, aus Platzgründen ausgebaut worden. Er musste nach einer anderen Lösung suchen.
„Also gut! Was kann ich mit dem Vorhandenen vollbringen? Besser gesagt, was ist brauchbar und hilft mir weiter?“ Er prüfte alle Antriebseinrichtungen durch. Der Hauptantrieb war vernachlässigbar, die Steuertriebwerke auch zu schwach. Dafür funktionierte der Überlichtantrieb einwandfrei, nur konnte er nicht durch den Tunnel fliegen. Er brauchte eine Energie, die ihn zu dem seitlich vom Schiff aufgebauten Tor brachte. Die Antriebskräfte, die ihm jetzt zur Verfügung standen, reichten nicht aus. Außerdem flog er ja noch in entgegengesetzter Richtung.
„Ich könnte versuchen, die Sicherheitseinrichtung zu manipulieren. Wenn mir das gelänge, wäre es ein Leichtes, den Tunnel direkt vor dem Schiff aufzubauen. Mit der Flugrichtung befasse ich mich später. Vielleicht schaffe ich ein Swing-By-Manöver, wenn ich einem richtig großen Brocken begegne. Das kann dauern, ungeduldig darf ich jetzt nicht werden. Also los, her mit den Handbüchern!“
Erstaunlich schnell fand er, was er suchte. Alles war gut beschrieben, nur die Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen, war sehr knifflig. Aber nach sechs Stunden Lesen und Programmieren hatte er es geschafft. Probeweise ließ er einen Tunnel aufbauen. Jetzt war es ihm möglich, das Tor zu bewegen. Aus einer Entfernung von zehn Kilometern, der normalen Sicherheitsentfernung, zog er es mit der manuellen Steuerung zu sich her und setzte es vor das Schiff. Das klappte also. „Nun noch die Funktion der Sonden blockieren, die funktionieren ja auch nicht richtig hier draußen. Das ist jetzt eine Kleinigkeit. Wenn ich je nach Hause komme, werde ich mit Nathan reden. Was ich hier improvisiere, muss man unbedingt als Funktion in die Steuerung integrieren.“
Der Überlichtantrieb funktionierte also. Zwar ohne die Sicherheit der Sonden, aber immerhin. Nur die Richtung konnte er nicht bestimmen. Jetzt galt es, etwas zu finden, das ihn zumindest abbremste. Irgendwann würde er dann wieder zurück ins Sonnensystem fallen. Ein klein wenig Schwerkraft war ja noch vorhanden. Er suchte den Raum vor sich nach großen Objekten ab. „Typisch, wenn man so einen Brocken braucht, ist keiner da!“
Jetzt war er zur Untätigkeit verdammt. Mehr konnte er nicht tun. Ihm blieb nur noch das Abwarten. Aber das war nicht so einfach. Schon nach einer Stunde wurde er unruhig und fing an, die Handbücher von Neuem zu durchsuchen. Seine ganze sprichwörtliche Gelassenheit war dahin.
Wie ein eingesperrter Tiger steifte er zwischen den Aggregaten hin und her. Immer in der Hoffnung, beim Anblick der Geräte auf eine Idee zu stoßen. Nach ein paar Stunden stand er kurz vor einer Panikattacke. „Unmöglich, jetzt sitze ich noch nicht mal einen halben Tag hier fest und fühle mich schon so beschissen! Dabei muss ich damit rechnen, Monate oder sogar Jahre hier zu verbringen. Ich glaube, das halte ich nicht aus!“ Noch nie hatte er eine solche Erfahrung über seine Psyche gemacht. Immer war er der Aktive, immer hatte er alles unter Kontrolle. Diese Hilflosigkeit war ein ganz neues Gefühl für ihn. Er wusste schon nicht mehr, wie lange er hier in Selbstmitleid schwelgte, als ihn ein Signal aus der Lethargie riss. Ein Funkspruch von Nathan. Sofort machte er einen Teil seines Bildschirms frei und begann zu lesen.
„Oh nein! Das darf doch nicht wahr sein! Was bin ich für ein Vollidiot! Das hätte mir nicht passieren dürfen. Kann man sich denn noch dummer dran stellen? Ich habe wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen.“
Er meldete sich über Funk bei Nathan. „Hier spricht Mandela, nach einem letzten Kurzsprung stehe ich jetzt fünf Lichtsekunden vor der Erde. Alle Systeme funktionieren einwandfrei. Auch der Gravitationsantrieb zeigt keinerlei Mängel. Ich fliege direkt zum Heimathafen der Explorer auf Madagaskar. Die Erprobung des Überlichtantriebes war ein voller Erfolg. Ein ausführlicher Bericht und meine Verbesserungsvorschläge schicke ich dir, wenn ich angekommen bin.“
Nathan erkannte die etwas kleinlauten Nuancen in Mandelas Ausdrucksweise. Wäre er ein Mensch, hätte er jetzt gegrinst. Mandela war das Erlebnis im Kuipergürtel echt peinlich. Aber es zeigte mal wieder, dass das menschliche Gehirn große Probleme damit hat, fünfdimensionale Zusammenhänge zu erkennen. Für die Zukunft müssen hier Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Auch sprach er sich einen kleinen Teil der Schuld an der Krise selbst zu. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Mandela so weit hinausspringen würde. Er hätte ihn warnen sollen. Aber glücklicherweise ist noch einmal alles gut gegangen.
Mandela programmierte den Landeanflug, dann hatte er mal wieder eine große Pause. Das Schiff würde den Rest des Weges entlang des Leitstrahls selbstständig zurücklegen. Auf Kontrollen konnte er verzichten. Es funktionierte wieder alles einwandfrei hier in der Nähe der Erde und der Sonne. Er lehnte sich zurück und ließ die Ereignisse noch mal Revue passieren. Die Nachricht Nathans hatte ihm wahrscheinlich das Leben gerettet, zumindest Jahre davon. Auf diese einfache Lösung wäre er wohl kaum selbst gekommen. Der Inhalt der Nachricht war eigentlich ganz kurz. Zuerst schlug Nathan das vor, was Mandela schon selbst herausgefunden hatte. Die Sicherheitseinrichtung abschalten und den Tunnel direkt vor das Schiff setzen. Als er damals weiter las, traute er seinen Augen nicht. Er dachte, Nathan hätte den Verstand verloren, oder ein Stück der Nachricht fehlte. Er sollte einfach die Koordinaten eingeben, wohin er springen wolle. Eine Zeit lang grübelte er über diesen Vorschlag, bis ihm die Einsicht kam.
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