Roland Enders
Der Schwarze Abt
Wathans Hammer I
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Inhaltsverzeichnis
Titel Roland Enders Der Schwarze Abt Wathans Hammer I Dieses ebook wurde erstellt bei
Karte Karte Im Anhang finden Sie ein Personenregister.
Echos
Ein Fest der Gaukler
Zweikampf
Lord Gadennyn
Harold
Lehrzeit
Ein Wiedersehen
Höllenhund
Pläne
Ein Mörder
Reisevorbereitungen
Aufbruch
Eis
Das grüne Meer
Geisterkatze
Gefangenschaft
Der Geist des Waldes
Zpixs
Amaran
Duelle
Die Grim
Konflikte
Am Ende der Reise
Die Entscheidung
Anhang
Impressum neobooks
Im Anhang finden Sie ein Personenregister.
Ereignisse in der Vergangenheit können bis in die Gegenwart nachhallen und diese gravierend verändern, falls das Echo noch stark genug ist. Von den Geschehnissen, die diese Geschichte in Gang setzten, schlug das am weitesten zurückliegende im wahrsten Sinne des Wortes wie der Hammer eines Gottes ein. Das Echo seines Donners ist heute noch zu vernehmen und hat eine neue Zeitrechnung eingeleitet. Das zweite Ereignis, der Tod eines Magiers, schien zunächst die Wellen des ersten zu dämpfen, und man konnte hoffen, das Echo würde verklingen. Das dritte und unscheinbarste, der Fund eines Buches, brachte die Resonanz aber erneut zum Schwingen. Die drei Wellen – jede für sich allein könnte die Gegenwart nur schwach kräuseln – überlagern sich nun, schaukeln sich dabei mehr und mehr auf und können ein Beben auslösen, das vielleicht alles zerstört.
Und dies waren die Ereignisse, die die Welt von heute bedrohen:
Wathans Hammer– Beginn der Zeitrechnung des neuen Kalenders
Es ist der Tag, an dem das Alte endet und das Neue beginnt, der Tag des millionenfachen Todes und der Geburt einer bisher unbekannten Macht, der Tag, an dem Wathan, der Schöpfer, seinen Hammer schwingt und die Welt zu seinem Amboss macht.
Die Raubkatze hat gerade ihre Fänge in den Hals der Antilope geschlagen und ihr Opfer niedergerissen, als ein Feuerstrahl am Himmel erscheint, so hell, dass die Tiere in der Mittagssonne einen zweiten Schatten werfen. Das Raubtier lässt seine Beute los. Die Antilope taumelt blutend und zitternd wieder auf die Beine. Beide Tiere haben einander vergessen, weil ihr Blick von dem Ereignis am Firmament angezogen wird. Der flammende Strahl zieht über den nahen Ozean zum westlichen Horizont, berührt ihn. Das Letzte, was Räuber und Opfer sehen, ist ein explodierender weißer Ball. Dann verbrennen ihre Netzhäute, ihr Fell fängt Feuer, und sie verkohlen zu Asche. Es dauert nur Augenblicke, bis die Druckwelle heranfegt. Sie knickt Bäume wie dürre Grashalme, schleudert riesige Felsbrocken durch die Luft und bläst die Asche von allem, was in diesem Teil der Welt gelebt hat, in einem Staubsturm fort.
Die Explosion türmt eine gigantische Flutwelle auf, aus der Ferne nur ein unscheinbares, glitzerndes Band, das vom Fuß der Meilen hohen pilzartigen Wolke ausgeht. Als die smaragdgrüne Wand sich der Küste nähert, verdunkelt sie den Himmel, türmt sich weiter und weiter auf. Ihre Kante bricht in einem tiefen Grollen und stürzt als weiße Gischt herab. Die Riesenwelle treibt einen heftigen Sturm vor sich her, der Bäume entlaubt und entwurzelt. Dann überrollt sie mit rasender Geschwindigkeit die Gestade, reißt Dörfer und Städte, hunderte von Meilen vom Ursprung der Katastrophe entfernt, mit sich fort, ebnet Wälder ein, zermahlt Hügel. Gelbbraune Schlammlawinen ergießen sich über die Ebenen. Ganze Inseln und breite Küstenstreifen versinken im Ozean.
Als das Wasser sich zurückzieht und in seinem Sog Erde, Bäume, die Trümmer geschleifter Häuser, Menschenleichen und Tierkadaver mit sich nimmt, widersetzt sich ihm ein schwarzer Kieselstein, der in einer Felsspalte eingeklemmt ist.
Einige tausend Meilen vom Explosionsort entfernt, kriechen Überlebende aus Erdlöchern und Höhlen und fragen sich verzweifelt, wofür ihr Gott sie so hart bestraft hat. Sie erfahren bald: Ihre Prüfung ist noch nicht beendet. Monatelang spielt das Wetter verrückt. Die Sonne ist hinter dunklen Sturmwolken verborgen. Es gießt in Strömen, und Stürme verwüsten das Land. Ernten werden durch die Fluten weggespült. Hungersnöte dezimieren die, die der Katastrophe entronnen sind, bis nur noch ein Zehntel von ihnen übrig ist.
Der Tag, an dem Wathans Hammer ihre Welt zertrümmert hat, hat den Überlebenden und Generationen ihrer Nachkommen ein Brandzeichen ins Bewusstsein gedrückt. Alles Vorherige ist jetzt ohne Bedeutung. Eine neue Zeitrechnung hat begonnen.
Ein kleines, schwarzes Bruchstück des zerstörerischen himmlischen Hammers – der Kiesel, der sich dem Sog des zurückziehenden Ozeans widersetzt hat – wird von einem Gebirgsbach, der sich ein neues Bett sucht, aus der Felsspalte gespült und gesellt sich zu den vielen anderen Kieseln, die Jahr für Jahr im von der Schneeschmelze angeschwollenen Wasserlauf ein paar Schritte weiter zu Tal rollen.
1234 n. WH– Tod eines Magiers
Dunst liegt wie eine fadenscheinige Decke über der Schlucht. Das Licht sickert mit Mühe hindurch, machtlos gegen die tiefen Schatten. Eiszapfen säumen die Felsüberhänge wie Zähne den Rachen einer Bestie. Das leise Echo eines Hufschlags verfängt sich zwischen den Felswänden und rollt hin und her. Das Reittier, das die Geräusche verursacht, gleicht keinem von Wathan erschaffenen Wesen. Es ist weit größer und schwerer als ein Ochse und besitzt eine schuppige Haut wie eine Echse. Seinen mächtigen drachenartigen Schädel bewehren lange Hörnern, gebogen wie die eines Widders. Die stämmigen Beine mit ihren breiten gespaltenen Hufen tragen seinen Reiter mühelos. Trotz ihrer Größe ist die Kreatur geschickt und trittsicher. Sie sucht sich vorsichtig ihren Weg auf dem schmalen Pfad an der steilen Bergwand hinauf. Dampfender Atem quillt bei jedem Ausatmen aus ihren Nüstern.
Der Reiter und Schöpfer des einzigartigen Tieres ist ein hoch gewachsener Mann mittleren Alters. Graue Strähnen durchziehen sein schwarzes, schulterlanges Haar. Unter der hohen Stirn, überschattet von buschigen Brauen, glänzen dunkle, tiefliegende Augen. Hohe Wangenknochen und eine gerade, lange Nase prägen das Gesicht, dessen unteren Teil ein schwarzer Vollbart verdeckt. Das Lächeln seiner schmalen Lippen ist nur eben zu erahnen.
Der Mann besitzt breite Schultern und eine athletische Figur. Sein Körper ist in einen langen, wollenen Mantel gehüllt, der seine übrige Kleidung verbirgt. Seine Füße stecken in klobigen, sporenlosen Lederstiefeln. Trotz der schneidenden Kälte trägt er weder Kopfbedeckung noch Handschuhe.
Sein Reittier hat kein Zaumzeug, und so ruhen seine Hände auf dem Sattelknauf. Er braucht es nicht zu lenken. Es weiß auch so, wohin er will.
Das Lächeln des Mannes wird breiter, als er an das denkt, was ihm bevorsteht – sein baldiger Tod. Er fürchtet sich nicht davor. Sein Geist ist voller Erwartung. Er weiß, er wird wiedergeboren und die Fesseln des menschlichen Leibes abstreifen, sich mit IHM vereinen und eine höhere Daseinsform erreichen.
An seine Verfolger verschwendet er kaum einen Gedanken. Sie können ihn nicht aufhalten. Selbst, wenn sie ihn einholen sollten, bevor er sein Ziel erreicht, könnte er sie mit einem Fingerschnippen vernichten. Doch es ist nicht mehr weit.
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