„Sie müssen schnellstens herausfinden, wer die junge Dame ist?“, richtete Doktor Dorer das Wort wieder an Kirsch.
„Ich habe Fotos von ihr gemacht und diese müssen sofort an die Pressestelle geschickt werden“, betonte Doktor Dorer.
Kirsch nickte nur zu den Worten von Doktor Dorer. Irgendwie ging ihm immer noch die Unterredung mit dem Bürgermeister nicht aus dem Kopf.
„Doktor Dorer, ich veranlasse alles und dann sehen wir weiter.“
Kirsch und Eugen verließen die Pathologie und gingen auf dem schnellsten Weg zurück ins Kommissariat. Auf keinen Fall wollten sie irgendeine Person treffen, denn sie befürchteten, dass es sich schon herumgesprochen hatte, dass es dank Kirsch wieder eine Leiche in Wiesenbach gab.
Und im Büro angekommen, machte Kirsch seinem Ärger wieder Luft, denn er lief wie ein Tiger in seinem Zimmer auf und ab, dass es sogar Eugen und Helen im Nebenzimmer hörten und sich dabei nur vielsagend anschauten.
„Geht ihm doch wohl sehr nahe, der Tod der jungen Frau“, meinte Helen zu Eugen, der nur nickte.
Eugen machte sie aber auch gleichzeitig darauf aufmerksam, dass der Bürgermeister nicht gerade erfreut war über die neue Leiche in Wiesenbach, und das wird Kirsch sicherlich auch noch beschäftigen.
Dann kam Kirsch aus seinem Zimmer gestürzt.
„Ich werde jetzt nochmals an den Tatort zurückfahren und schauen, ob ich irgendwas entdecken kann, was uns weiterbringen wird.“
„Eugen und Helen, ihr beide, fragt mal überall auf den anderen Polizeistationen nach, ob eine Person vermisst wird. Es muss doch jemand geben, der die junge Frau kennt und auch vermisst“, meinte er noch.
„Sobald ich zurück bin, reden wir weiter.“
Kirsch ging zu seinem eigenen Pkw und fuhr mit ziemlichem Tempo zum ‚Balzer Herrgott‘, als wäre dort schon die Lösung für seinen Fall zu finden.
Trostlos erschien ihm jetzt die Schwarzwaldlandschaft, die sich seinen Blicken bot. Überall nur dunkle Tannen und ein Nebel über den Höhen. Die Bäume und Blätter hatten sich schon goldgelb verfärbt, denn es war schon herbstlich, und dazwischen standen die dunkelgrünen und im Sonnenlicht glänzenden, violettgrauen Tannen, deren Äste und Wipfel sich nur geheimnisvoll hin und her bewegten.
Auf dem Parkplatz angekommen, stellte Kirsch das Auto auf dem Wanderparkplatz ab und ging raschen Schrittes dem ‚Balzer Herrgott‘ entgegen.
Kirsch machte sich bereits schon auf seiner Hinfahrt Gedanken über dieses Kulturdenkmal ‚Balzer Herrgott‘, das wirklich existiert, und eine in eine Weidbuche eingewachsene steinerne Christusfigur darstellt.
Kirsch war schon oft mit seiner Frau Moni hier am ‚Balzer Herrgott‘ wandern und es ist nie vorgekommen, dass er jemals eine Leiche erblickt hatte, überlegte Kirsch. Wanderer gab es immer wieder, aber nicht zuhauf. Kirsch kannte daher auch die Legende um den ‚Balzer Herrgott‘, der die Spaziergänger zu einem kurzen Aufenthalt zum Innehalten und Nachdenken einlädt.
Es gibt viele Legenden, nicht nur eine und auch manche Erklärungen sind oft widersprüchlich, wie auch Kirschs Mordfälle, überlegte er.
„ So besagt eine Legende, dass Hugenotten das Kreuz auf ihrer Flucht aus Frankreich an dem steilen Hang verloren hatten. Laut einer anderen These hatte es sich bei den Franzosen um Royalisten gehandelt, die während der Französischen Revolution aus Frankreich geflohen waren. Eine Bäuerin aus der Umgebung erzählte, dass das Kreuz aus einem Kloster stammen sollte und dieses in Kriegszeiten an einer Stelle im Wald versteckt worden war. Aus nicht zu klärender Quelle gibt es auch eine andere Version, nach der die Figur um 1800 aufgrund eines Gelübdes von einem Bauern namens Balzer aus Glashütten im Hexenlochtal erstellt worden sei, und dieser Bauer sei später nach Amerika ausgewandert. Auch der Zustand der Figur ist sehr widersprüchlich. Dass ihr Arme und Beine fehlen, soll daran liegen, dass ein Jäger die Extremitäten aus Wut über die entgangene Beute abgeschossen hatte. Laut einer anderen Variante habe Weidevieh, dem auf dem Boden liegenden Korpus, Arme und Beine abgetreten. Aber es könnte sich auch um ein Hofkreuz handeln, wobei der Hof durch eine Lawine zerstört wurde und Arme und Beine der Christusfigur abgebrochen sein könnten. Junge Burschen trugen den Torso heimlich in den Wald zum heutigen Ort, wo er zunächst eine Zeit lang in der Nähe der noch jungen Buche auf dem Waldboden lag. Um die Jahrhundertwende befestigten ihn dann zwei Gütenbacher Uhrmachergesellen an den Baum. Das Alter der Buche kann nur geschätzt werden, die Angaben schwanken zwischen 200 und 300 Jahren.“
Gerade so, wie bei meinen Mordfällen die verschiedensten Aussagen von Tätern und Zeugen kommen, können die vorliegenden Legenden, die sich um den Torso ranken, wie in einem Puzzle zusammengefügt werden, überlegte Kirsch, der diese Christusfigur, die vermutlich aus spätgotischer Zeit stammt, sehr in sein Herz geschlossen hatte.
Nur kurz haben sich der Reporter Schwarz und der Kommissar Kirsch beim ‚Balzer Herrgott‘ getroffen, doch sie waren sich gleich sympathisch. Kirsch wollte auf jeden Fall, sobald er wieder in Freiburg war, sich bei Jan Schwarz melden, denn im Augenblick hatte Kirsch keine Zeit, wie er mitteilte, als er am Tatort auf- und ablief, um noch nach Spuren zu suchen. Dem Reporter Jan Schwarz war dies recht, denn auch er musste wieder in die Redaktion zurück. Doch Kirsch zeigte ihm auch noch die Stelle, an der er die ermordete junge Frau, zusammen mit seiner Frau Moni, erblickt hatte. Dann hatte er auch noch den wirklich verrückten Einfall, die Leiche nach Wiesenbach mitzunehmen und von hieraus die Ermittlungen zu führen.
Als Jan Schwarz wieder in der Redaktion war, kam auch schon das Foto der jungen Frau, die beim ‚Balzer Herrgott‘ ermordet aufgefunden wurde, an, und der Redaktionsleiter, Simon Schneider, wollte das Bild der jungen Frau gleich auf der ersten Seite platzieren.
„Wie war die Fahrt zum ‚Balzer Herrgott‘ und haben Sie ihn gesehen, den Christuskopf, der aus der Buche schaut?“, fragte Simon Schneider gleich nach.
„Ja, ich habe ihn gesehen und auch den Kommissar aus Wiesenbach, einen Herrn Kirsch getroffen, der die Ermittlungen zu diesem Fall nun führt, natürlich auch mit unserer Freiburger Polizei.“
„Und was sagte er zu der toten Frau, konnte sie schon identifiziert werden?“, war die nächste Frage von Schneider.
„Nein, sie wissen auch nicht, wer die Tote ist. Deshalb ist die Veröffentlichung des Fotos auch so wichtig. Sonst hat die Polizei keine weiteren Angaben.“
„Dann bringen wir das Foto auf der ersten Seite als Aufmacherfoto, schreiben Sie bitte den Text dazu und vielleicht könnte man ja auch mal überlegen, eine Reportage über den ‚Balzer Herrgott‘ zu machen, was meinen Sie dazu? Es gibt ja einige Volontäre bei uns, die könnten Sie doch daran setzen, aber das besprechen wir dann in der Redaktionssitzung.“
Jan Schwarz schaute sich das Foto von allen Seiten an. Das Bild zeigte eine junge Frau, zwischen 20 und 30 Jahren mit schwarzen Haaren. Die Augen waren geschlossen, die Nase reckte sich ein bisschen in die Höhe und der Mund hatte sehr feine Linien. Das Kinn war straff, und die Backenknochen waren sehr hoch gestellt.
Irgendwie kommt mir das Gesicht bekannt vor, dachte Jan Schwarz. Er konnte sich jedoch nicht mehr erinnern, wo er es schon mal gesehen hatte, zumal ja auch die Augen geschlossen waren.
Dann setzte er sich an den Computer und fertigte einen Text an, der nicht allzu reißerisch klang, sondern auch das Mitgefühl der Leser wecken sollte.
Als er gerade so mitten am Formulieren war, klingelte das Telefon und am Apparat war Eva Zorn, eine Kollegin aus früheren Zeiten.
„Ich habe gehört, bei euch soll es eine Leiche geben, eine junge Frau wurde ermordet aufgefunden!“, brachte Eva Zorn ziemlich aufgeregt hervor.
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