»Zuerst einmal gaben wir ihnen Spitznamen. Den Sohn unseres Gärtners nannten wir Lord Helmchen . Chantal taufte ihr Opfer auf den Namen Bugs Bunny .«
»Warum diese Namen?«
»Zum Familiennamen Lord kam hinzu, dass Friedhelms Haare eng am Kopf lagen. Das sah aus wie ein Helm. Der Name hat sich uns regelrecht aufgedrängt«, erklärte Trixi schmunzelnd. »Frank, der Sohn der Haushälterin, hatte vorstehende Zähne, die über die Unterlippe reichten, sodass wir nicht umhinkonnten, ihm den Namen Bugs Bunny zu geben. Zusammen haben Chantal und ich die Buben damit immer geärgert, haben sie gejagt und verprügelt. Das fiel uns leicht, weil beide kleiner waren als wir.«
»Ihr wart aber ganz schön biestig.« Käthe schüttelte den Kopf.
»Sie waren so leicht zum Weinen zu bringen. Wir brauchten sie nur bei ihren Kosenamen zu nennen, schon flennten sie los. Das konnten wir uns nicht entgehen lassen.«
»Was ist aus den beiden geworden?«
»Keine Ahnung. Als Chantals Familie das Haus verlassen musste, nahmen sie Bugs Bunny und seine Mutter mit. Unser Gärtner wurde fast gleichzeitig entlassen, weil wir einen guten Preis für unseren Garten bekamen. Die Familie ist ebenfalls fortgezogen. Ich habe sie seitdem nicht mehr gesehen.«
»Wie lange ist das her?«
»Bestimmt schon fünfzehn Jahre.«
Sie holten den Weihnachtsschmuck von der oberen Etage und dekorierten das Erdgeschoss. Käthe übernahm das Wohnzimmerfenster, wollte dort elektrische Sterne befestigen, als ihr Blick auf ein Buch fiel. Der Titel lenkte sie von ihrem Vorhaben ab. Er lautete einfach nur Stalking und bezeichnete diesen Fachbegriff als gleichbedeutend für obsessive Verfolgung oder obsessive Belästigung. Methoden wie Briefe, Telefonate, E-Mails, Auflauern und Verfolgen, Drohungen und Liebesbekundungen wurden aufgezählt. 18% aller Frauen und 5% aller Männer in Deutschland werden nach diesem Bericht mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von Stalkern. Das heißt, sie werden längerfristig von einer Person – meist im Liebeswahn – verfolgt, belästigt und teilweise auch bedroht.
»Was willst du damit?«, fragte sie erstaunt. »Hältst du Roland Berkes für einen Stalker?«
Trixi nahm ihr das Buch wortlos ab und legte es in den Schrank.
»Ich habe den ganzen Tag über kein Geräusch gehört, weder am Fenster noch an der Tür. Das Telefon steht still, es gibt keine unerwünschten Geschenke oder Kästen vor deiner Haustür. Heißt das, dass auch ein Stalker mal Urlaub macht?« Käthe ließ sich nicht so einfach abschütteln.
»Glaubst du, ich habe das noch nicht bemerkt. Ich hoffe die ganze Zeit, dass er endlich irgendetwas tut. Denn nur dann könnte ich dich davon überzeugen, welchem Terror ich ausgesetzt bin. Aber wie es aussieht, weiß er das auch. Ich vermute, dass er abwartet, bis ich wieder allein bin. Dabei hatte ich gehofft, ich könnte dich endlich davon überzeugen, mit mir gemeinsam den Kampf gegen ihn aufzunehmen.«
»Tut mir leid«, bedauerte Käthe. »Aber manchmal glaube ich wirklich, mit dir geht die Fantasie durch. Kein Mensch kann sich über einen anderen so genau informieren, dass er über jedes Detail in dessen Leben Bescheid weiß.«
*
Am Montagmorgen wachte Trixi wieder zuerst auf. Sie bereitete das Frühstück. Dabei fiel ihr Blick aus dem Fenster. Was sie dort sah, überraschte sie so sehr, dass sie mit einem lauten Jubelruf ihre Freundin weckte: »Käthe, es schneit!«
Sofort war die Freundin wach und sprang aus dem Bett.
In ihren Schlafanzügen, nur mit Pantoffeln an den Füßen rannten sie hinaus und jubelten »Schnee! Schnee!« Dabei streckten sie ihre Zungen heraus und versuchten einzelne Schneeflocken einzufangen.
»Schmeckt nach nichts«, stellte Käthe fest.
»Ich finde, es schmeckt köstlich.«
Die Schneeflocken fielen ganz dicht; die Luft war erfüllt von kaltem Weiß.
»Was tun wir, wenn wir eingeschneit werden?«, fragte Käthe, immer noch wie ein verrücktes Kind herumspringend.
»Meine Güte, wir werden uns gegenseitig aufessen müssen.«
»Der Kampf ums nackte Überleben«, fantasierte Käthe weiter.
»Von der Welt abgeschnitten!«
»Völlig auf uns allein gestellt!«
»Kein Strom!«
»Kein Radio!«
»Kein Fernsehen!«
»Wir werden wieder die alten Kartenspiele heraussuchen müssen, um uns die Zeit zu vertreiben«, hielt Trixi begeistert die Hände hoch.
»Wir werden unseren Vorrat an Kerzen aufbrauchen«, spann Käthe den Faden weiter.
»Kartenspiele im Kerzenschein. Das klingt traumhaft schön.«
»Weiße Weihnacht im Saarland«, rief Käthe. »Ich glaube, das habe ich noch nie erlebt.«
»Du musst eben Weihnachten bei mir verbringen.«
»Geht nicht«, hielt Käthe dagegen. »Ich muss zu meiner Familie, sonst werde ich enterbt.«
»Wenn du eingeschneit bist, kommst du gar nicht hin.«
»Stimmt. Leider bekomme ich kalte Füße.«
»Wenn der Schnee die Scheiben zudeckt, müssen wir ins Obergeschoss ausweichen, um das Treiben weiter zu beobachten.«
»Aber was tun wir, wenn er bis dorthin reicht?«
»Dann klettern wir aufs Dach.«, schlug Trixi weise vor.
Schnatternd vor Kälte aber glücklich gingen beide wieder ins Haus zurück. In der Küche wärmten sie sich bei einem heißen Kaffee auf.
Auch der Montag verlief ohne Zwischenfälle.
Am Nachmittag fielen nur noch vereinzelte Flocken. Trixi stand am Fenster und meinte: »Keine Schneekatastrophe in Sicht.«
»Also müssen wir nicht ins Obergeschoss flüchten?« Käthe stellte sich neben ihre Freundin und schaute auf den verschneiten Autofriedhof.
»Nein. Und wie es jetzt aussieht, wirst du Weihnachten bei deiner Familie verbringen können.«
»Wenn du willst, kann ich bis dahin bei dir bleiben.«
Gedanke war verlockend. Aber war das Angebot auch ernst gemeint?
»Nur, wenn du das wirklich willst«, antwortete sie und blickte ihre Freundin fragend an.
»Sicher! Bis Weihnachten sind es immerhin noch zwei Wochen. Bis dahin könnte ich bei dir einziehen. Hier zu wohnen ist nicht schlecht, weil es nicht weit bis zur Arbeit ist.«
Die Vorstellung, noch zwei Wochen Käthes Gesellschaft zu haben, gefiel Trixi. Wenn sie richtig vermutete, würde sie in dieser Zeit nicht nur die Zweisamkeit mit ihrer Freundin genießen, sondern auch Ruhe vor ihrem Verfolger haben. Diese Aussichten stimmten sie zuversichtlich.
Am Dienstagmorgen machten sie sich zusammen auf den Weg zur Arbeit. Sie hatten ihren letzten freien Montag in diesem Jahr verbracht. Von nun an mussten sie bis zum Jahresende sechs Tage in der Woche arbeiten, weil ein großer Kundenandrang erwartet wurde. Aber das konnte Trixi nicht erschüttern. Sie war einfach nur glücklich.
*
Weihnachten stand vor der Tür.
Einen Tag vor Heiligabend packte Käthe ihren Koffer.
»Du weißt, dass ich nicht länger bleiben kann.« Käthe schaute ihre Freundin mit traurigem Gesicht an. »Meine Eltern sind schon alt. Ich weiß nicht, wie oft ich Weihnachten noch mit ihnen verbringen kann.«
»Das verstehe ich. Wie schnell man seine Eltern verlieren kann, habe ich erfahren müssen«, stimmte Trixi zu. Ihre Mutter war überraschend an einem Herzinfarkt gestorben. Ihr Vater war seiner Frau kurze Zeit später gefolgt – er starb vor Gram und Trauer, war niemals über den Tod seiner Frau hinweggekommen.
»Es war eine schöne Zeit mit dir zusammen. Vielleicht kommst du mich ja mal wieder besuchen.«
»Bestimmt!«
Mit ihrem Koffer verließ Käthe das Haus. Auf dem Gehweg lag eine dünne Schneeschicht. Darunter befand sich Eis, sodass es spiegelglatt war.
»Melde dich bitte bei mir, wenn du angekommen bist«, rief Trixi ihrer Freundin hinterher. »Bei den Straßenverhältnissen mache ich mir Sorgen um dich.«
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