Als sie sich ins Bett legte, hörte sie ein Geräusch am Schlafzimmerfenster. Der Rollladen war verschlossen, aber sie fühlte sich trotzdem nicht sicher. Nachts schreckte sie immer wieder hoch.
Unausgeschlafen verließ sie am nächsten Morgen das Haus. Vor der Tür wäre sie beinahe über einen bunten Blumenstrauß gestolpert. Sie konnte gerade noch rechtzeitig ausweichen und betrachtete widerwillig das wunderschöne Arrangement leuchtend bunter Blumen. Eine Karte hing daran, es war eine Standardkarte aus dem Blumenladen. Die Grüße lauteten einfach nur: »In Liebe.«
Das reicht, dachte Trixi.
Auch wenn es ihr um die schönen Blumen leidtat; es war der Hintergedanke, der damit verbunden war, weshalb sie den Strauß entnervt zwischen die verrosteten Autowracks schleuderte. Durch dieses Ereignis war sie so aufgewühlt, dass sie nicht auf direktem Weg zu ihrer Arbeit im Saarbasar am Fuße des Eschbergs fuhr, sondern einen Umweg über die Polizeiinspektion in der Saarbrücker Straße machte.
Sie betrat ein kleines Büro und sah einen Polizeibeamten hinter einem Monitor sitzen.
»Ich möchte eine Anzeige erstatten«, begann sie.
»Gegen wen?«, fragte der Polizist und schaute sie prüfend an.
Trixis blondes Haar war zerzaust, ihr Gesicht fleckig, die Augen umschattet. Normalerweise schminkte sie sich erst im Friseursalon. Dieser Polizist musste einen tollen Eindruck von ihr haben.
»Gegen Roland Berkes.«
»Was tut er denn?«
»Er belästigt mich.«
»Wie?«
»Er schenkt mir Blumen, versucht immer wieder, mich zu einem Rendezvous zu überreden, legt mir Geschenke vor die Haustür, traktiert mich mit Anrufen.«
»Und darüber beschweren Sie sich?«
Trixi starrte den Beamten mit offenem Mund an. Hatte sie richtig gehört? Sie konnte es nicht glauben.
»Ich möchte den Kerl anzeigen«, wiederholte sie ihre Bitte.
»Was soll ich notieren?«, fragte der Polizist. »Anzeige wegen unerlaubten Schenkens von Blumensträußen?«
Wütend verließ Trixi das Polizeigebäude. Diese Abfuhr musste sie erst einmal verdauen. Während sie durch die Straßen zum Friseursalon radelte, überlegte sie, was sie falsch gemacht haben könnte. Die Reaktion des Bullen war ihr suspekt. Aber genau genommen hatte sie ihm auch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Den Psychoterror, den Roland Berkes mit seinen Belästigungen anrichtete, hatte sie nicht erwähnt. Bestimmt hatte der Bulle sie falsch verstanden. Aber jetzt zurückkehren und alles nochmal versuchen, wollte sie auch nicht. Bei dem Mann war sie unten durch. Jetzt musste sie zuerst einmal abwarten, wie es weiterging, bevor sie einen neuen Versuch machte, sich Schutz bei der Polizei zu suchen.
Sie erreichten den Salon. Schon von weitem sah sie ich. Roland stand vor der Tür und erwartete sie. Das hatte gerade noch gefehlt. Am liebsten würde sie jetzt doch sofort umdrehen und zur Polizei zurückfahren. Aber damit könnte sie ihren Job riskieren, denn es warteten schon einige Kundinnen auf sie.
»Ich habe mich mit deiner Bestellung beeilt.« Roland begrüßte Trixi mit einem strahlenden Lächeln, als sei die Welt in Ordnung.
Im Tageslicht sah Trixi, dass er graue Augen hatte; die langweiligste Farbe, die sie kannte.
»Schön«, murrte sie. »Leg es auf den Tisch und verschwinde! Ich habe viel Arbeit.«
»Warum so unfreundlich? Ich möchte dich zum Essen einladen. Morgen kommt der Nikolaus und da wollte ich dir eine Freude machen.«
»Ich will nicht mit dir essen gehen, egal wer gerade an der Reihe ist, der Weihnachtsmann oder der Osterhase.«
»Aber warum denn nicht? Wir könnten uns aussprechen.«
»Das wäre reine Zeitverschwendung.«
»Schade! Vielleicht überlegst du es dir noch mal.« Roland zuckte mit den Schultern. »Ich kenne ein Restaurant, da kann man wirklich gut essen. Es würde dir gefallen.«
Trixi stemmte energisch ihre Hände in die Hüften und wartete, bis er in seinen Kleinlaster eingestiegen und davongefahren war. Erst dann konnte sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren.
Käthe traf kurze Zeit später ein. Als sie Trixis Gesicht sah, zuckte sie zusammen.
»Wie siehst du denn aus?«
»Ich habe schlecht geschlafen, weil ich wieder einmal von dem geisteskranken Roland Berkes wachgehalten wurde.«
Käthe schüttelte den Kopf, zögerte eine Weile und erwiderte: »Lade ihn ein und rede mit ihm. Nur so kannst du Missverständnisse aus dem Weg räumen.«
»Ich dachte, du wärst meine Freundin.«
»Bin ich doch auch. Ich wollte dir nur einen Vorschlag machen, wie du diese unerträgliche Situation erträglich machen kannst.«
»Indem ich jemanden in mein Haus lasse, der mir gefährlich werden kann?«
»Roland Berkes ist gefährlich? Du verrennst dich in etwas.«
»Du glaubst mir nicht«, schlussfolgerte Trixi.
»Das stimmt nicht. Ich habe einfach nur das Gefühl, dass du die Situation nicht richtig beurteilst.«
Wieso sollte Käthe ihr glauben, dachte Trixi grimmig, wenn ihr sogar die Polizei nicht glaubte.
Aber Käthe war noch nicht fertig: »Trotzdem bin ich der Meinung, dass ihr miteinander reden müsst. Wie willst du ihm sonst klar machen, dass er sein Liebeswerben einstellen soll?«
»Das kann ich nicht, weil er das gar nicht hören will. Er hört nur das, was ihm in den Kram passt. Also würde ein Gespräch nichts bringen. Glaubst du, ich hätte das noch nicht versucht?«
»Erstaunlich, wie unbeholfen du dich anstellst. Ich erinnere mich, dass du schon geschickter warst.« Käthe schüttelte den Kopf.
»Sprichst du von Bruno Dold?«
Käthe nickte.
Mit Schrecken erinnerte sie sich an den aufdringlichen Mann. Er war als Kunde in den Salon gekommen und hatte damit geprahlt, dass er alle handwerklichen Arbeiten verrichten könne. Daraufhin hatte Trixi ihn gebeten, eine Wasserleitung in ihrem Haus zu reparieren, was sich schnell als Fehler herausgestellt hatte. Immerzu hatte er versucht, sie anzufassen, dabei einen Blick aufgesetzt, der Liebe ausdrücken sollte, der Trixi aber nur noch mehr abschreckte. Seine kräftige Gestalt hatte ihr Angst eingejagt. Neben ihm hatte Trixi sich wie die weiße Frau in den Fängen des Riesenaffen King-Kong gefühlt.
Immer wieder hatte er ihr aufgelauert, obwohl sie kratzbürstig ohne Ende gewesen war. Aber Bruno hatte sich davon nicht beeindrucken lassen.
»Wie kannst du behaupten, dass ich bei Bruno Dold erfolgreicher war?«
Käthe schaute ihre Freundin eine Weile an, bevor sie mit einem Schulterzucken antwortete: »Fiel mir nur so ein.«
Sie mussten ihr Gespräch beenden, weil die ersten Kunden den Salon betraten.
Es wurde ein langer Arbeitstag, der Betrieb wollte nicht abreißen. In der Vorweihnachtszeit setzten die Kunden alles daran, nicht nur das Haus schön zu gestalten, sondern auch selbst vorteilhaft auszusehen. Alle sprachen von ihren Dekorationen, viele konnten von neuen Errungenschaften berichten, die ihre Häuserfronten zierten. Das hätte Trixi ablenken können, wäre da nicht dieser Artikel der Saarbrücker Zeitung gewesen, der auf der Titelseite stand – mit so großen Lettern, dass sie immer wieder darauf schauen musste: » Frau wurde Opfer ihres Verehrers «
In der Mittagspause nahm sie das Blatt und las den ganzen Artikel durch.
»Am Mittwoch wurde eine fünfundzwanzigjährige Tote in ihrer Wohnung in Saarbrücken, Preußenstraße, gefunden. Die Nachbarn wurden durch den bestialischen Geruch aufmerksam.
Im Verdacht steht ein junger Mann, der der jungen Frau ständig nachstellte – aber auf Ablehnung stieß. Nach Aussagen der Nachbarn ließ das Opfer den Besucher nicht in ihre Wohnung, sondern stritt sich mit ihm lautstark im Treppenhaus. Die Polizei schließt auf eine Tötung im Affekt.«
Der Bericht erschütterte Trixi. Das war ihre Geschichte. Das sollte doch für die Polizei eine Warnung sein, aufdringliche Besucher genauer unter die Lupe zu nehmen. Den Rest des Tages verbrachte sie wie in Trance. Sollte sie froh darüber sein, dass dieser Bericht in der Zeitung stand, weil sie dadurch vielleicht glaubwürdiger werden könnte? Oder sollte sie vorsichtiger sein, weil sie darin lesen konnte, wie weit die Verfolger gingen?
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