„Also gut“, meinte Andersen. „Dann werden wir uns die oberen Reihen vornehmen.“
„Vielleicht waren die Mörder aber auch hinter etwas anderem her.“
„Möglich.“ Er lächelte. „Aber da wir noch nichts anderes haben, gehen wir doch einmal von der Annahme aus, sie hätten diesen Stick gesucht. Was immer sich darauf befand, es durfte nicht in falsche Hände geraten. Da ihr erster Versuch, sie an sich zu bringen, scheiterte, blieb ihnen nichts anderes übrig, als noch einmal zurückzukommen und weiterzusuchen.“ Mit der linken Hand strich er sich über das Kinn. „Die Frage ist: Haben sie sie beim zweiten Anlauf gefunden?“
Nelli Holm antwortete nicht. Immer noch starrte sie mit einem leeren Blick vor sich hin, der Andersen verriet, dass sie seinen Gedanken überhaupt nicht folgte.
„Da ist noch etwas“, fügte er hinzu. „Können Sie sich etwas vorstellen, was Dr. von Zabern auf der Seele lag? Etwas, das er gern mit Ihnen klären wollte und dafür die schriftliche Form wählte?“
Frau Holm sah ihn fragend an.
Andersen trat zum Schreibtisch und suchte das Blatt Papier hervor. „Meine Kleine“, las er laut, „ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll. Vielleicht aber ist es auch gar nicht mehr nötig. Trotzdem werde ich versuchen, dir zu erklären .... Diesen Brief hatte er angefangen. Vielleicht wollte er ihn fertigstellen, nachdem er vom Joggen zurückkam.“
Nelli schüttelte den Kopf. „Ich kann mir nicht denken, was er meint. Und er hat mich nie meine Kleine genannt.“
„Der Brief ist auch nicht an dich gerichtet, sondern an mich“, erklärte eine andere Frau, die in diesem Moment das Zimmer betrat. Sie war schmal und zierlich und hatte langes, dunkles Haar. Das genaue Gegenstück zu Nelli Holm. Andersen schätzte sie auf Anfang dreißig.
„Anne?“, wunderte sich Nelli. „Wie bist du hereingekommen?“
„Mit dem Schlüssel.“ Die Frau warf Nelli einen auffällig kühlen Bick zu. „Das ist immer noch mein Zuhause.“
„Es ist meines“, widersprach Nelli. „Und das deines Vaters.“
„Sie sind die Tochter des Ermordeten?“, fragte Andersen überfüssigerweise.
„Nelli war so freundlich, mich von Papas Tod zu informieren.“ Anne streckte die Hand nach dem Brief aus, und Andersen überließ ihn ihr. „Haben Sie schon einen Verdacht, wer ihn getötet haben könnte?“
„Leider noch nichts konkretes. Frau Holm glaubt, dass der Mord im Zusammenhang mit seiner Arbeit zu sehen ist.“
„Sicher.“ Anne warf mit einer Kopfbewegung ihr Haar zurück. „Sie will, dass alles einen Sinn ergibt. Deshalb möchte sie, dass er für eine Sache gestorben ist. Dabei gibt es keine Sache, die irgendeinem Tod einen Sinn gibt.“
„Du sagst das so, als mache mir diese Tragödie nichts aus“, beschwerte sich Nelli. „Dabei weißt du genau, dass das nicht nicht wahr ist! Ich habe der Polizei lediglich gesagt, dass Benno ein streitbarer Mann war.“
„Mit wem hat er sich in der letzten Zeit angelegt?“, fragte der Hauptkommissar.
„Von konservativer Seite hat es sogar Morddrohungen gegeben, doch das ist jetzt schon ein paar Jahre her.“
Anne von Zabern schien dem Gespräch nicht weiter zu folgen. Sie nahm auf einer Sessellehne Platz, schlug die Beine übereinander und studierte das Papier in ihrer Hand, als handele es sich um einen seitenlangen Brief und nicht um ein kurzes Fragment.
Nelli erhob sich, trat ans Fenster und sah in den parkähnlichen Garten hinaus, der durch den Regenschleier grau und ungemütlich wirkte.
„Wie haben Sie Herrn von Zabern kennengelernt?“, fragte Andersen.
Nelli drehte sich um und lehnte sich mit dem Rücken gegen die Fensterscheibe. „Ist das für Sie wichtig?“
„Zu diesem Zeitpunkt ist leider schwer einzugrenzen, was wichtig ist und was nicht.“ Andersen lächelte versöhnlich. „Wenn Sie nicht wollen, brauchen Sie es mir nicht zu erzählen.“
„Seit etlichen Jahren bin ich Mitarbeiterin von Attack. Das ist eine Organisation, die sich überall auf der Welt gegen die unmenschlichen Folgen der Globalisierung wehrt. Ich besuchte den Weltwirtschaftsgipfel in Genua, wo wir Protestaktionen inszenierten und demonstrierten. Die Sicherheitskräfte gingen damals mit ungewöhnlicher Härte gegen uns vor. Viele Jugendliche wurden verletzt. Ich hatte ein Riesenglück. Ein Polizeibeamter stellte mich in einer Sackgasse und hob seinen Gummiknüppel gegen mich. Von hinten trat ein Mann auf ihn zu, riss ihm den Knüppel aus der Hand und schleuderte ihn über eine Mauer. Der Bulle war so perplex, dass er überhaupt nicht reagierte.“
„Und dieser Mann war Dr. von Zabern?“
„Er nahm gar nicht an den Demonstrationen teil. Dafür sei er inzwischen zu alt, meinte er.“ Nellis Gesichtsausdruck wurde schwärmerisch, während sie sich erinnerte. „Benno wollte nur ein paar Szenen auf Video festhalten für eine TV-Dokumentation. Wir haben uns damals nur kurz gesehen, auf einen Kaffee sozusagen. Aber ich besuchte ihn später hier, als ich in Münster ein Studium begann. Und dann ging es mit uns los.“
„Wussten Sie, was er beruflich machte?“
„Natürlich. Schließlich war er eine Instanz in der ökologischen Bewegung und ging voll in seiner Arbeit auf. Ich bewunderte ihn. Das tue ich noch heute.“ Sie wandte ihr Gesicht zur Fensterscheibe.
„Meinem Kollegen gegenüber erwähnten Sie gestern ein Fernsehstreitgespräch, in dessen Verlauf es zu einer Auseinandersetzung kam.“
Frau Holm schneuzte in ein Taschentuch. Andersen hatte das Gefühl, dass das Reden über die Vergangenheit ihre Stimmung besserte.
„Die Frau, die ihn attackiert hat“, fuhr sie fort, „war eine Sprecherin der Regenwaldpiraten. Das ist eine radikalökologische Gruppierung. Gerüchten zufolge verüben sie hin und wieder Anschläge, allerdings nur gegen Sachen. Die Gruppe unterhält ein Koordinationsbüro hier in der Stadt.“
Andersen hatte Block und Kugelschreiber hervorgezogen. Während er sich Notizen machte, verließ Nelli den Raum. „Entschuldigen Sie mich einen Augenblick.“
Andersen hörte sie die Treppe hinaufgehen.
Anne nutzte die Gelegenheit, ihr Schweigen zu brechen. „Es stimmt, was sie sagt“, meinte sie. „Papa ist in seiner Arbeit vollkommen aufgegangen.“ Was Nelli in schwärmerischer Bewunderung geäußert hatte, klang aus ihrem Mund wie ein Vorwurf. „Sie bedeutete alles für ihn.“
„Sie wollen sagen, ein Kind hatte wenig Platz in seinem Leben, nicht wahr?“
Anne presste die Lippen zusammen. „Das wäre noch übertrieben.“
„Aber Nelli hatte einen?“
„Sie war ein Teil seiner Arbeit. Jedenfalls lange Zeit.“
„Und danach?“
Die junge Frau wedelte mit dem Blatt Papier. „Ich glaube, dass er darauf in diesem Brief zu sprechen kommen wollte. Papa war anders in der letzten Zeit. Ich hatte das Gefühl, dass ihm vieles klar geworden war und er sein Leben ändern wollte. Ich vermute, er hatte vor, ihr mitzuteilen, dass er sich nach langer Zeit besser mit Rosa versteht.“
„Rosa?“
„Meine Mutter. Sie leben schon lange getrennt, doch seit einiger Zeit haben sie sich wieder regelmäßig getroffen.“
„Demnach wäre der Brief doch nicht an Sie gerichtet, sondern an Nelli?“
Die junge Frau nickte. „Ich habe mich wohl getäuscht.“
„Glauben Sie, dass Ihr Vater Nelli verlassen wollte?“
Annes Mund wurde zum Strich. „Meine Stiefmutter ist drei Jahre jünger als ich. Eine Zeit lang mag das seinen Reiz gehabt haben, doch irgendwann wurde selbst Papa klar, dass das für eine Familie kein stabiler Zustand sein kann.“
Nelli kehrte zurück. Im Arm hielt sie einen Stapel Videokassetten. „Das sind Ausschnitte aus seiner Arbeit, Fernsehsendungen, Reden und Vorlesungen, die er gehalten hat“, sagte sie. „Sie können sich so vielleicht besser ein Bild machen.“
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