„Elmar ist einer, der nicht nur daherredet“, hatte sie erklärt, „er will in die Politik, um Dinge zu verändern. So etwas erfordert Mut.“
„Er lebt gut von seinem Professorengehalt und freut sich auf einen Schreibtisch in Düsseldorf, und du tust so, als würde er täglich dem Tod ins Auge sehen.“
„Dass du das so siehst, wundert mich nicht. Weil es dir völlig egal ist, ob du mit deiner Arbeit irgendetwas verändern kannst.“
Vielleicht war es ein gutes Zeichen, dass Luise dem linken Familienidyll nun den Rücken kehrte und zu ihm flüchtete. Wenn es denn eine Flucht war. Aber Tatjanas Weltbild von der emanzipierten, streitbaren Mutter auf der einen und dem egoistischen, eigenbrödlerischen Vater auf der anderen Seite konnte ja nicht ewig gelten. Seit langem freute auch er sich heute zum ersten Mal wieder auf die Zeit nach Dienstschluss. Er freute sich auf Luise.
Sie ist wieder einmal zu spät dran. Viel zu spät. Die Veranstaltung im Stadion hat längst begonnen. Marla lässt den kurzen Security-Check über sich ergehen, rennt durch den Gang, dann eine Treppe hinauf und tritt wieder ins Freie, lässt ihren Blick über die Ränge des Stadions schweifen. Alle Plätze sind besetzt. Ein Meer aus Gesichtern. Und Liane kann sie nicht entdecken. Dabei ist sie ganz bestimmt hier und hat lange genug auf ihre Kommilitonin gewartet. Also gut, das geschieht ihr recht. Vielleicht sollte sie einfach wieder gehen. Wahlkampfveranstaltungen sind noch nie ihr Fall gewesen. Und die von Rechtspopulisten schon gar nicht.
Aber gerade deshalb Flagge zeigen - damit hat Liane sie zu dieser Aktion überredet. Dieser Mensch redet von Europa, und wir sind Stipendiaten des von-Zabern-Kollegs. Wir dürfen ihm nicht kampflos die Bühne überlassen. Also schön, dann hat sie sich überreden lassen, mit einer Handvoll anderer Studentinnen ihres Jahrgangs ins Stadion zu gehen und ein Transparent hochzuhalten. Nur jetzt kann sie es nirgends entdecken. Vielleicht sind die anderen Frauen auch zu spät gekommen ...
Das von-Zabern-Kolleg ist ein Institut der Kindermann-Stiftung, eine Bildungseinrichtung, die sich dem europäischen Gedanken verschrieben hat. Europäische Geschichte, europäische Traditionen und Errungenschaften wie Demokratie, Menschenrechte, kulturelle Vielfalt. Die Abschlussarbeit - für Marla fällt sie dieses Jahr an - muss sich natürlich irgendeinem europäischen Thema widmen.
„Hey, kannst du mal zur Seite gehen?”, beschwert sich jemand hinter ihr. „Du stehst im Weg.”
Marla räumt das Feld, tritt zurück auf den Gang, der zwischen den Rängen nach oben führt.
Applaus brandet auf. Marla dreht sich wieder um und wirft einen Blick auf den Redner, für den eine Tribüne mitten in der Arena errichtet wurde. Armin Roland steht mit erhobenen Armen da und wartet das Ende des Applauses ab. Er wirkt wie ein Dirigent. Ein Mann um die dreißig, der sich der Wirkung seiner attraktiven Erscheinung bewusst ist. Schlank, glatt rasiert, in in einem cremefarbenen Anzug, der leger wirkt, aber auch nicht unseriös. Der ideale Schwiegersohn. Ein junges Gesicht in der überalterten Politik, das Veränderung und Aufbruch verspricht.
Dabei weist er die Bezeichnung Politiker bei jeder Gelegenheit kokett zurück. Er sei kein Politiker, sondern ein normaler Bürger, der eine Vision habe und etwas verändern wolle. Und ebenso seien seine Anhänger keine politische Partei, sondern eine Bewegung. Die Bewegung Abendland!.
Der Applaus ebbt ab.
Rolands sonore, eindringliche Stimme schallt durch das Stadion. Man hört ihr an, dass der Redner in seinem Element ist. Trotzdem versteht man ihn nicht so gut, weil das Mikrofon einen Hall erzeugt und die Wiedergabe verzerrt. Einmal mehr bekräftigt der Redner leidenschaftlich, dass er nicht nach Politikerart Versprechungen machen will. Er habe nichts zu versprechen. Aber er verachte diejeingen, die immer alles kleinredeten und nichts unternähmen. Die keinerlei Probleme damit hätten, Versprechen zu machen, die sie niemals zu halten gedächten. Während man ihm vorwerfe, Angst zu schüren. Dass er nicht lache: „Wenn das Boot überfüllt ist, zu kentern droht und am Horizont ein Sturm aufzieht, ist dann etwa der, der vorsichtsalber Schwimmwesten verteilt, einer, der Angst schürt? Der das Unwetter herbeiredet? - Dabei ist es nicht meine Absicht, Schwimmwesten zu verteilen. Ich rufe euch alle auf, es nicht dazu kommen zu lassen, dass das Boot zu kentern droht, wenn ein Sturm aufzieht.”
Applaus.
Marla Lubitsch meint, Liane entdeckt zu haben, läuft ein paar Treppenstufen hinunter, bis sie merkt, dass sie sich geirrt hat. Beifälliges Lachen schallt über die Ränge - Roland muss einen Scherz gemacht haben, den sie nicht mitbekommen hat. Jetzt legt er noch nach. Gelächter. Roland ist keiner, der den Leuten Angst macht; er bringt sie zum Lachen.
Sie ist jetzt beinahe ganz oben angekommen. Leider wird das Gedrängel hier nicht weniger, im Gegenteil: Sogar die Stehplätze sind knapp. Marla weicht aus bis zum äußersten Rand, hier kann sie unbedrängt stehen und hat das Geschehen im Auge. Unmittelbar hinter ihr ragt einer der Masten in den Himmel, die das Flutlicht tragen. Und dann glaubt sie, hinter sich etwas gehört zu haben. Ein Zischen.
„Los, weg da!”, kommt es dann etwas lauter, als sie schon denkt, sich verhört zu haben. „Runter mit dem Kopf!”
Sie dreht sich um.
Da ist niemand. Bleibt, wo sie ist, aber geht vorsichtshalber in die Hocke. Aber das ist keine angenehme Haltung, außerdem kann sie jetzt nicht mehr viel von dem sehen, was da unten geschieht. Also richtet sie sich nach einer Weile wieder auf.
„Runter, hab ich gesagt!”
Unmittelbar darauf verspürt sie einen Schlag von hinten gegen ihre Schulter, der sie zu Boden wirft. Sie verliert das Bewusstsein.
„Na, wie war das Date mit deiner Tochter?“, erkundigte sich Frank am nächsten Morgen, als er gegen zehn Uhr in Andersens Büro kam. „Seid ihr aus essen gewesen?”
„Na ja, nicht direkt“, murrte Andersen. „Wäre bei dem lausigen Wetter auch kein Spaß gewesen.“
„Na und? Was habt ihr stattdessen gemacht?“
„Sie hat angerufen, dass sie mit einer Freundin verabredet ist. Und ich hab vor der Glotze gepennt. Ein Abend wie jeder andere.“
„Na, das wird schon wieder.“ Grunwald grinste aufmunternd und wedelte mit zwei Din-A4-Blättern. „Das solltest du dir ansehen. Dagegen sind Frau Holms Mutmaßungen so klar und präzise wie der Satz des Pythagoras.“
Es handelte sich um den Ausdruck eines Artikels aus einer Internet-Zeitschrift namens www.news-on-line.de .
Fragen, die keiner stellen will.
Am Montag, den 24. Juni, wurde Dr. Benno von Zabern in seinem Haus tot aufgefunden. Bislang hüllt sich die Kriminalpolizei in Schweigen, was die näheren Umstände der Tat angeht. Doch man darf damit rechnen, dass wir schon morgen, spätestens übermorgen erfahren werden, dass es sich um einen tragischen Unfall handelt. Oder um einen Einbruch mit Todesfolge.
Warum das so ist? Weil niemand ein Interesse daran hat, näher nachzufragen und an dem zu rühren, was hinter diesem Mord steht.
Von Zabern war uns allen ein Begriff als unnachgiebiger Kritiker des allgemeinen Dogmas vom weltweiten Wachstum. Außerdem machte er sich gegen Umweltvergehen aller Art stark, wie etwa das Abholzen des Regenwaldes und die Ölbohrungen im Wattenmeer.
Doch war er außerdem noch einer Sache auf der Spur, die der Öffentlichkeit - aus welchen Gründen auch immer - bis heute vorenthalten wird. Und das Wissen von dieser Sache kostete ihn das Leben.
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