Kerkhoff war vielleicht kein Athlet, aber ein Stehauf-Männchen. Einer, der viel Erfahrung damit hatte, zu Boden zu gehen. Eine echte K.O.-Erfahrung war Gold wert. Strahlenden Siegertypen fehlte sie meistens, deshalb verschwanden sie auch in der Versenkung, sobald es irgendjemandem gelang, sie einmal ins Wanken zu bringen. Kerkhoff dagegen gab niemals auf. Sich immer wieder aufzurappeln, machte den eigentlichen Kämpfer aus. Und dazu gehörte auch, das Gequatsche anderer Leute nicht besonders ernst zu nehmen, vor allem dann, wenn sie ihn damit nur von den eigenen Zielen abbringen wollten.
„Viele Leute messen einen Journalisten an dem Aufsehen, das seine Story hervorruft“, hatte einer seiner ehemaligen Chefs ihm gepredigt. „Wollen unbedingt die Meldung des Jahrhunderts herausbringen – neueste Enthüllungen über das schwarze Loch, den Yeti oder die Marsmenschen. Du bist zu alt für so etwas.“
Kerkhoff wusste es besser. „Hast du dir schon einmal klargemacht, dass die Wahrscheinlichkeit dafür, dass wir Menschen die einzige Intelligenz in diesem riesigen Weltall sind, so gut wie bei Null liegt?“
„Don Quichotte ist auch in die Geschichte eingegangen, weil er davon überzeugt war, gegen Ritter zu kämpfen. Das ändert aber nichts daran, dass es sich um Windmühlen handelte.“
„Abwarten“, sagte Kerkhoff.
Das sagte er meistens. Abwarten. In seinen dunklen Stunden kam es ihm oft so vor, dass dies das Motto seines Lebens war. Und dass er eines Tages genauso wie der berühmte Mann aus La Mancha enden würde, nämlich als Witz der Weltgeschichte. An solchen Tagen genehmigte er sich meistens einen zu viel oder mehrere. Das machte ihn abgeklärter und versetzte ihn in die Lage, über seinen eigenen beschränkten Horizont hinauszusehen, über morgen und sogar übermorgen hinaus, und meistens schwindelte ihn, wie schnell die Zeit, die noch vor ihm lag, schrumpfte. Wenn seine große Chance nicht bald kam, würde sie ihn gar nicht mehr antreffen, und es würde dabei bleiben, dass er sein ganzes Leben mit dem Warten an einer Bushaltestelle verbracht hatte. Und all die Leute, die sich rechtzeitig mit dem mageren Durchschnitt beschieden hatten, würden triumphieren.
Eine Frau betrat das Café und Kerkhoff starrte auf ihre Beine, die halbdurchsichtige Strümpfe sehr vorteilhaft zur Geltung brachten. Dann stoppte die Frau plötzlich und setzte sich ungefragt an seinen Tisch.
Kerkhoff war überrumpelt. „Kennen wir uns?”, fragte er.
Die Frau widmete sich erst der Kellnerin und bestellte einen schwarzen Kaffee, dann erst setzte sie ihre Sonnenbrille ab. „Grit van Basten”, sagte sie mit einem niederländischen Akzent. „Ich bin Dr. Eichendorfs Assistentin. Sie sind von der Presse?”
„Rudolf Kerkhoff”, sagte Kerkhoff. „Aber woher wussten Sie …”
Frau van Basten überging die Frage. „Hat das von Ihnen geplante Interview so etwas wie einen inhaltlichen Schwerpunkt?”
„Nun ja”, entschloss sich Kerkhoff zu einer direkten Antwort, „den gibt es in der Tat. Ich wüsste gern etwas über Dr. Eichendorfs zahlreiche Verbindungen zur Raumfahrtindustrie.”
Die Assistentin nahm ihren Kaffee in Empfang. Sie runzelte die Stirn. „Raumfahrtindustrie? Welche Verbindungen soll es da geben?”
„Genau darüber möchte ich ja gern mit Dr. Eichendorf sprechen. Und über Arca Nostra.”
„Würden Sie mir das bitte erklären?”
Kerkhoff verlor allmählich die Geduld. „Warum sollte ich das tun? Ich habe den langen Weg hierher gemacht, damit Dr. Eichendorf es mir erklärt. Und ich verstehe, ehrlich gesagt, nicht ganz, wieso er seine Sekretärin schickt, um mir damit …”
„Assistentin.”
In dem Moment wusste Kerkhoff, dass er verspielt hatte. „Also gut”, sagte er. „Assistentin.”
„Und ich hatte, ehrlich gesagt, für ein Interview mit dem Spiegel ein etwas höheres Niveau erwartet.”
„Na ja, Spiegel ...”
Frau van Basten musterte ihn mit unverhohlenem Misstrauen. „Sie sind doch vom Spiegel?”
„Ja, das kann man so sagen.”
„Also sind Sie es nicht?
„Im Prinzip schon. Sehen Sie, ich habe früher für den Spiegel das eine oder andere gemacht. Seit einigen Jahren bin als ich Blogger tätig und vertrete eine große Öffentlichkeit, die gern auch und ganz besonders über Vorgänge informiert werden will, die hinter den Kulissen ablaufen, wie zum Beispiel -”
Grit van Basten knallte die Tasse auf den Unterteller. „Das reicht mir. Es tut mir leid, aber für so etwas habe ich schlicht keine Zeit. Guten Tag.” Sie zog einen Geldschein aus ihrem Portmonee, ließ ihn auf den Tisch fallen und erhob sich. Wenige Sekunden später hatte sie das Café verlassen.
Kerkhoff bestellte sich jetzt doch ein Bier. Er ließ das kurze Gespräch Revue passieren und kam zu dem Schluss, dass es auch nicht viel geändert hätte, wenn er Frau van Basten nicht Sekretärin genannt hätte. Im Großen und Ganzen war er zufrieden. Eichendorf selbst hätte seine Fragen auch nicht beantwortet. Niemand plaudert Dinge aus, von denen niemand wissen soll. Aber wenn man wie ich lange genug diesen Job macht, dann weiß man, dass man die Leichen im Keller nicht findet, wenn man einfach so die Treppe hinunter stürmt. Und dass es in jedem Teppich mehr als ein Loch gibt, durch das man manchmal einen Blick auf die Dinge erhaschen kann, die unter ihn gekehrt werden.
Als er sich auf den Weg machte, war es schon früher Nachmittag. Er trat hinaus auf den Bürgersteig, atmete die Luft ein, die wieder nach Regen schmeckte. Als er zwischen zwei geparkten Autos auf die Straße trat, um sie zu überqueren, nahm er mit halbem Ohr ein Geräusch wahr. Es klang wie das Aufheulen eines Motors. Eine winzige Sekunde später quietschten in unmittelbarer Nähe durchdrehende Reifen.
Und dann raste etwas auf ihn zu.
Das Handy klingelte.
Dünn und aufdringlich piepsend verunglimpfte es ein Thema von Johann Sebastian Bach, einem genialen Komponisten, der das Glück gehabt hatte, lange vor der Erfindung der Telekommunikation zu sterben.
Hauptkommissar Nils Andersen hasste Mobiltelefone, in seinen Augen waren sie die Plage des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Die Menschheit glaubte sich im Rausch vollkommener und allgegenwärtiger Kommunikation. Spätere Generationen dagegen würden vom Untergang der Privatsphäre sprechen.
„Ich bin‘s, Tatjana. Hast du Zeit?”
Sie hatten sich vor kurzem getrennt. Tatjana nannte ihn, wenn sie mit anderen sprach, ihren Ex. Er fand, dass sie nicht seine Ex war. Für den Moment konnte man nur sagen, dass sie nicht zusammenlebten.
„Wie man‘s nimmt”, sagte er. „Wir sind auf dem Weg zu einem Tatort.”
„Es geht um Luise. Kann sie für ein paar Tage zu dir zu Besuch kommen?”
„Warum jetzt?”, entfuhr ihm. Schnell korrigierte er sich: „Natürlich, gern. Jederzeit. Ich verstehe nur nicht, warum, schließlich wollte sie bisher nie …”
„Da solltest du sie fragen.” Tatjana wartete.
„Also gut”, sagte er. „Wann?”
„Wie wär‘s mit heute Abend? Und am Mittwoch wolltest du doch sowieso zum Abendessen kommen. Elmar freut sich schon darauf, dass ihr euch endlich kennenlernt.”
Das war ihr Neuer. Elmar Stieleke. Dozent an der Uni, Kandidat der Linken für ein Landtagsmandat. Was ihre Lebenspartner anging, ging es für Tatjana klar nach oben: erst der Bulle, dann ein Linksintellektueller. Wie gern hätte er Tatjana die Freude gemacht und gesagt, dass die Freude ganz auf seiner Seite sei. „Also gut”, sagte er, „dann am Donnerstag.”
„Wir kochen auch was Leckeres, versprochen.”
Andersen unterbrach die Verbindung und steckte das Smartfone ein. „Das war Tatjana”, sagte er.
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