Leo war sauer. Er war nicht schnell genug gewesen und musste nun allein mit Viktoria hier warten. Musste das sein?
Auch Viktoria war nicht scharf darauf und stöhnte genervt. Als sie allein waren, ging sie die Straße auf und ab. Die Schaulustigen hatten sich längst verzogen, es gab hier nichts mehr zu sehen. Sollte sie mit Leo sprechen? War das jetzt der richtige Zeitpunkt? Leo war die Situation genauso unangenehm wie ihr, das konnte sie an seinem Gesichtsausdruck erkennen. Er versuchte ununterbrochen, Frau Hofer zu erreichen, bekam aber immer nur die Mailbox. Er fluchte leise.
„Wir müssen miteinander reden.“, fasste sich Viktoria ein Herz. „So kann das nicht weitergehen. Wir sind doch erwachsen. Ich habe mich sehr darauf gefreut, dich wiederzusehen. Deine kalte, abweisende Art schockiert mich. Warum sprichst du nicht mit mir? Können wir das, was zwischen uns steht, nicht endlich aus der Welt schaffen? Du kannst mir doch nicht ewig aus dem Weg gehen. Komm schon, sprich endlich mit mir!“ Ihr Herz klopfte, als sie direkt vor Leo stand, der ihrem Blick auswich.
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Ich verhalte mich ganz normal.“ Während er sprach, merkte er selbst, was er für einen Blödsinn von sich gab. Natürlich war er nicht normal, sondern hatte eine Stinkwut auf seine frühere Lebensgefährtin. Seit sie zurück war, ging es ihm schlecht und natürlich gab er ihr die Schuld. Wem sonst?
Viktoria wollte etwas darauf erwidern, kam aber nicht dazu. Eine junge Radfahrerin hielt direkt neben ihnen.
„Sorry, dass ich so spät komme. Ich hatte einen Arzttermin und konnte nicht früher weg. Können wir?“ Grete Hofer war Anfang dreißig und voller Temperament. Sie stellte ihr Fahrrad ab und strahlte die Kriminalbeamten an. Leo musste schmunzeln, er mochte fröhliche Frauen. Vor allem aber kam die Frau genau zum richtigen Zeitpunkt, sonst hätte er sich noch mit Viktoria privat unterhalten müssen und das wollte er auf keinen Fall.
Grete Hofer wusste bereits, weshalb sie hier war, und sah sich im ganzen Haus um. Das Chaos erschreckte sie zunächst, aber sie gewöhnte sich schnell daran.
„Der Teppich im Gästezimmer fehlt. Er ist dunkelblau mit roten Akzenten. Sehr schwer, sehr wertvoll und potthässlich. Frau Esterbauer hatte ihn vor einem Jahr von einer alten Tante geerbt und brachte es nicht übers Herz, ihn zu verkaufen oder zu verschenken. Also landete er im Gästezimmer.“
„Sie sind sich sicher?“
„Klar. Ich arbeite hier seit zwei Jahren und kenne jedes einzelne Stück. Wenn ich sage, dass der Teppich fehlt, dann ist das so.“
„Was können Sie uns über das Ehepaar Esterbauer sagen? Wie war deren Ehe? Gab es Streit?“
„Es gab sicher Streit, wie überall. Ob die beiden eine glückliche Ehe führten, kann ich nicht beurteilen und das steht mir auch nicht zu. Ich habe meine Arbeit gemacht und wurde anständig und pünktlich bezahlt. Frau Esterbauer war zu mir persönlich immer freundlich, aber distanziert. Zwischen uns gab es nur sehr wenige private Worte. Wenn ich meine Arbeit machte, war sie entweder beim Einkaufen oder hatte sonstige Termine. War sie zuhause, saß sie meist mit einem Buch im Wintergarten. Herrn Esterbauer habe ich nur sehr selten gesehen. Wenn er zuhause war, hat er sich in sein Arbeitszimmer zurückgezogen und die Tür geschlossen. Herr Esterbauer und ich haben uns nie unterhalten, das hat sich nicht ergeben. Aber er grüßte immer freundlich, wenn wir uns doch zufällig begegneten.“
„Sie haben verstanden, dass Frau Esterbauer ermordet wurde und dass wir nach Herrn Esterbauer suchen?“
„Sicher. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Das ist alles sehr schrecklich, keine Frage. Aber ich kannte die beiden nicht näher, habe kaum ein persönliches Wort mit ihnen gewechselt. Ich habe meine Arbeit gemacht und die beiden gingen mir aus dem Weg. Außerdem hätte ich meinen Job nach der gewonnenen Wahl sowieso verloren.“
„Warum das denn?“
„Esterbauer wäre als Minister des Bundes beruflich einen riesigen Schritt nach vorn gekommen. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Esterbauers nach der gewonnenen Wahl nach Berlin umgezogen wären. Bei einer verlorenen Wahl wären sie wieder nach München gezogen. Herrn Esterbauers Eltern sind nicht mehr die Jüngsten und er als Sohn wollte in deren Nähe sein, was ich verstehen kann. Ich habe mitbekommen, dass das Haus hier verkauft werden sollte.“
„Wenn die beiden hiergeblieben wären, hätten sie ihren sicheren Job behalten können.“
„Früher oder später wäre ich für einen Mann in Esterbauers Position nicht die Richtige in seinem Umfeld gewesen, das wurde mir schon lange durch die Blume mitgeteilt. Ja, ich bin nicht die Klügste und kann auch nicht behaupten, dass ich von Ehrgeiz zerfressen bin. Als alleinerziehende Mutter eines kleinen Jungen hätte ich mich als Vorzeigeobjekt bestens geeignet. Allerdings gibt es zwei dunkle Flecke in meiner Vergangenheit, die sich für einen Saubermann in der Politik nicht gut machen. Sie finden es sowieso heraus, deshalb beichte ich lieber gleich, dass ich zwei Vorstrafen kassiert habe.“ Grete Hofer blickte in fragende Gesichter. „Drogendelikte in jungen Jahren, auf die ich als Mutter heute nicht stolz bin. Aber was soll ich machen? Ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern.“ Sie lachte. Es war offensichtlich, dass sie sich längst damit abgefunden hatte und nicht mehr darüber nachdachte.
„Der Verlust Ihres Jobs hätte Ihnen also tatsächlich nicht viel ausgemacht?“, fragte Viktoria.
„Nein. Jobs in Haushalten gibt es wie Sand am Meer. Ich bin sauber, ordentlich und zuverlässig. Leute wie ich werden gesucht, glauben Sie mir. Außerdem hätte ich sowieso in naher Zukunft gekündigt, denn ich bin echt nicht scharf darauf, ständig von irgendwelchen Security-Leuten überprüft zu werden oder mein Gesicht in Klatschzeitungen zu finden. Nein, danke, darauf kann ich gerne verzichten. Meine wilden Jahre sind längst vorbei, heute mag ich es eher ruhig.“
„Ist Ihnen in letzter Zeit irgendetwas Außergewöhnliches aufgefallen? Gab es Streit, waren Fremde im Haus, verdächtige Post oder dergleichen?“
„Nein, nicht, dass ich wüsste. Aber das heißt nichts. Ich interessiere mich nicht für meine Arbeitgeber, ich habe mit meinem eigenen Leben genug zu tun. Ich will einfach nur arbeiten und meine Kohle pünktlich kassieren, mehr nicht.“ Grete Hofer sah auf die Uhr. „Sind wir fertig? In zwei Stunden kommt mein Sohn nach Hause, und der möchte gerne sein Mittagessen pünktlich auf dem Tisch haben.“
„Eine Frage habe ich noch.“, sagte Leo, der von der herzerfrischenden Art der Frau begeistert war. „Nach den Unterlagen werden Sie fünf Tage die Woche beschäftigt. Warum waren Sie heute nicht hier?“
„Frau Esterbauer hat mir freigegeben.“
„Warum?“
„Ich habe nicht nach dem Grund gefragt, sondern habe den freien Tag gerne genommen.“
„Kam das oft vor?“
„Nein, eigentlich nicht. War es das jetzt? Ich muss los, das Essen macht sich nicht von allein.“
Leo und Viktoria sahen der jungen Frau hinterher.
„Das mit dem freien Tag ist sehr interessant.“, sagte Leo.
„Stimmt. Hast du gesehen, dass sie ein relativ neues E-Bike fährt?“
„Selbstverständlich. Diese Fahrräder kosten ein Vermögen. Wir sollten uns näher mit Grete Hofer beschäftigen, auch wenn ich einen guten Eindruck von ihr habe. Sie geht mit dem Tod ihrer Arbeitgeberin für meine Begriffe zu teilnahmslos um. Und der Gärtner gefällt mir auch nicht. Den scheint das Schicksal seiner Kunden auch wenig zu interessieren. Lass uns ins Präsidium fahren, vielleicht ist der Herr Sekretär schon eingetroffen.“
„Ich befürchte, dass wir zuerst mit Krohmer sprechen müssen. Er hat sicher schon mitbekommen, um wen es sich bei der Toten handelt.“
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