„Um das beurteilen zu können, bräuchte ich Einblick in die Buchhaltung der Partei.“, sagte Werner.
„Vergessen Sie das, das kriegen wir niemals durch.“ Krohmer konnte diese hohe Gehaltszahlung nicht fassen. Die Bürgerpartei Bayern war noch sehr jung und auf ganz Deutschland umgerechnet auch sehr, sehr klein. Er konnte sich nicht erklären, wie das funktionieren sollte. Aber das war nicht sein Problem, das ging ihn eigentlich nichts an. Oder doch?
Friedrich Fuchs sah ständig auf die Uhr. Wann war er endlich mit seinen Ausführungen dran? Er hatte nicht die Zeit, hier sinnlos herumzusitzen. Wer was und wie viel verdiente, interessierte ihn absolut nicht, Geld interessierte ihn grundsätzlich nicht. Außerdem war er auf nichts und niemanden neidisch, das Gefühl war ihm fremd. Wieder sah er auf die Uhr. Auf ihn wartete sehr viel Arbeit. Gerade, als er ansetzen wollte, kam ihm der Kollege Grössert schon wieder dazwischen.
„Augenscheinlich hatten die Esterbauers außer den Parteifreunden keine weiteren Freunde oder Bekannten. Wir müssen uns trotzdem das Privatleben der beiden genauer vornehmen.“
„Die Esterbauers hatten keine Freunde? Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte Krohmer. „Die beiden wurden seit Monaten von allen möglichen Leuten eingeladen. Es gab kaum eine Veranstaltung, bei denen ich sie nicht gesehen habe.“
„Der Festnetzanschluss zeigt momentan dieses Bild. Es könnte allerdings möglich sein, dass beide mit Freunden oder Bekannten Kontakt über ihre Handys oder per Email hielten. Die Einzelverbindungsnachweise sind angefordert, der Laptop ist noch nicht ausgewertet.“
„Was ist mit den Handys? Konnten sie geortet werden?“
Endlich war Fuchs dran, denn das persönliche Umfeld des Ehepaars Esterbauer interessierte ihn ebenfalls nicht.
„Die fraglichen Handys können beide nicht geortet werden, kein Signal. Die letzten Funkzellen beider Handys sagen aus, dass sie sich im Stadtbereich Mühldorf aufgehalten haben. Von der Gerichtsmedizin München kam die Information, dass die Waffe, mit der Frau Esterbauer getötet wurde, bisher nicht erfasst wurde. Es handelt sich um das Kaliber 9mm Parabellum. Die Auswertungen des Hauses Esterbauer stehen noch aus.“ Fuchs war mit seinen Ausführungen so weit fertig. Sollte er einfach aufstehen und gehen? Der Chef hatte schlechte Laune, da war es besser, ihn nicht weiter zu reizen.
Hans war über die Aussage Fuchs‘ bezüglich der letzten Funkzellen enttäuscht, er hatte sich mehr davon versprochen, besonders bezüglich der Eichendorffstraße.
„Wann können wir mit der Auswertung des Laptops rechnen?“
„Daran arbeiten meine Kollegen bereits. Wir kommen eben vom Tatort zurück, Sie müssen Geduld haben, Chef.“, beruhigte Werner. Schon seit Tagen sah Krohmer sehr schlecht aus. „Geht es Ihnen nicht gut?“ Krohmer winkte nur ab.
„Ich habe zuhause einen pubertierenden Dreizehnjährigen, der mir tierisch auf die Nerven geht. Bei jeder noch so kleinen Gelegenheit geraten Mason und ich aneinander. Momentan hat er keine Lust auf Schule, letzte Woche hat er den Klavierunterricht geschmissen. Ständig kommt er mit etwas Neuem daher, das macht mich wahnsinnig!“ Es war sonst nicht Krohmers Art, Privates auszuplaudern. Er ließ sich dazu hinreißen und bereute sofort seinen Gefühlsausbruch.
Alle kannten Mason und alle mochten ihn. Die Umstände, wie das Kind zu den Krohmers kam, hatten sie hautnah mitbekommen.
„So schlimm ist Mason bestimmt nicht“, beschwichtigte Hans, der ein ganz besonderes Verhältnis zu dem Jungen hatte und immer wieder etwas mit ihm unternahm, wenn es seine Zeit erlaubte und wenn Mason Lust dazu hatte. „Er ist in einem schwierigen Alter, das wissen wir alle aus eigener Erfahrung. Der beruhigt sich irgendwann schon wieder.“
„Denselben Mist muss ich mir täglich von meiner Frau anhören“, maulte Krohmer und bereute seinen Ausspruch sofort. Er murmelte eine fast unverständliche Entschuldigung, die Hans mit einem Kopfnicken quittierte.
Von Viktoria und Werner folgten kluge Ratschläge, auf die Krohmer gerne verzichtet hätte. Leo hielt sich raus. Er hatte keine Ahnung von Kindern, er kam ja kaum mit Erwachsenen zurecht. Und Fuchs interessierte auch dieses Thema nicht. Warum brachten die Kollegen und auch der Chef, immer ihre privaten Probleme mit zur Arbeit, wo sie nichts zu suchen hatten? Er entschied, jetzt zu gehen. Dann ging die Tür auf und Frau Gutbrod trat ein. Alle Blicke waren sofort auf sie gerichtet. Krohmer war froh über ihren übertriebenen Auftritt, den sie sicher geplant hatte, denn dadurch wurde vom Thema seines längst amtlichen Adoptivsohnes abgelenkt.
Frau Gutbrod wurde von allen Seiten begrüßt, obwohl keinem klar war, was sie hier eigentlich wollte. Fuchs nutzte die Gelegenheit und ging einfach. Erleichtert schloss er die Tür hinter sich. Ob Frau Gutbrod hier war und warum, ging ihn nichts an. Der Chef hatte sie gerufen und er hatte sicher seine Gründe dafür.
„Frau Gutbrod ist so lieb, mir als Sekretärin auszuhelfen.“, erklärte Krohmer den Kriminalbeamten. „Sie können sich sicher vorstellen, was momentan bei mir los ist. Besonders die Pressemeute stürzt sich wie die Aasgeier auf den Mordfall Esterbauer. Alle möchten Informationen dazu haben oder erkundigen sich über den Stand der Ermittlungen. Ohne Hilfe bin ich aufgeschmissen“, erklärte Krohmer. Hoffentlich hielt sich Frau Gutbrod mit ihrer Neugier zurück. Er musste später unbedingt mit ihr sprechen und ihr ins Gewissen reden. Der Fall Esterbauer war sehr speziell, dabei bedurfte es sehr viel Fingerspitzengefühl, das Frau Gutbrod definitiv nicht hatte. Sollte er sie überhaupt über den aktuellen Stand der Ermittlungen informieren? Eigentlich ging sie das nichts an, sie war lediglich hier, um ihm zur Hand zu gehen. Andererseits hatte es in der Vergangenheit, als sie für viele Jahre seine Sekretärin war, immer Probleme gegeben, wenn sie nicht informiert wurde. Überall hatte sie ihre Nase drin und wusste sehr gut, an wen sie sich wenden musste, um an Informationen zu kommen. Es kam sogar vor, dass sie sich an Zeugen gewandt und eigene Ermittlungen angestellt hatte. Nein, es war besser, sie zu informieren und sie dann um Stillschweigen zu bitten.
„Das ist der momentane Stand der Ermittlungen.“, sagte er daher und schob ihr die Unterlagen zu. Frau Gutbrod setzte sich und blätterte begeistert darin. Je mehr sie las, desto schockierter war sie. Uwe Esterbauer war verschwunden und man vermutete ein Verbrechen, mehrere Blutspuren deuteten darauf hin. Er war entführt worden? Frau Gutbrod kannte Uwe Esterbauer und dessen Frau. Nicht persönlich, aber aus diversen Zeitungen und Zeitschriften, natürlich auch von den Plakaten. Ihr war der Mann sehr sympathisch, ihre Stimme hätte er bekommen. Der Name Lobmann kam ihr bekannt vor. War das nicht der Gärtner, von dem ihre Nachbarin Else so schwärmte? Der Hinweis darauf, dass er Witwer war, war sehr interessant. Dann las sie das Geburtsdatum: 1985. Schade, der Mann war für ihre Nichte Karin viel zu jung.
Als Krohmer seine Mitarbeiter verabschiedete, redete er Frau Gutbrod ins Gewissen.
„Kein einziges Wort über die Sache, zu niemandem. Haben Sie mich verstanden?“
„Selbstverständlich. Ich bin doch keine Tratschtante!“ Frau Gutbrod war beleidigt. Was dachte der Chef über sie? Ja, sie war interessiert, das gab sie zu. Aber nicht neugierig! Außerdem lag es ihr fern, Insiderwissen auszuplaudern.
Natürlich war die Information über den gewaltsamen Tod Frau Esterbauers und das Verschwinden des vielversprechenden Politikers Uwe Esterbauers in den Reihen der Bürgerpartei Bayern längst verbreitet worden; irgendjemand hatte mal wieder seinen Mund nicht halten können. Krohmer war verärgert, denn er vermutete den Informanten bei der Polizei. Wer sonst hätte darüber Bescheid gewusst?
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