Sie folgte seinem Befehl. Unter dem Rock trug sie weiter nichts, ihr nacktes Hinterteil war in die Höhe gereckt. Sie bebte innerlich und fürchtete, er würde sie besteigen wie eine Hündin.
Sie war beinahe erleichtert, als sie plötzlich einen Gertenhieb auf ihr nacktes Hinterteil erhielt und der Schrei entfuhr ihr mehr vor Überraschung als vor Schmerz. Beim ersten Mal jedenfalls! Beim fünften Hieb liefen ihr ungezügelt die Tränen übers Gesicht und sie schluchzte laut, was den Vogt jedoch nicht davon abhielt, ihr noch zehn weitere Schläge zu verpassen.
Schließlich hörte sie seine Aufforderung, sich wieder herzurichten. Um Beherrschung ringend ließ Marie ihren Rock fallen, konnte dem Vogt nicht in die Augen sehen, als sie sich wieder umdrehte und mit fast trotzigen Bewegungen ihre Tränen wegwischte. Sie würde wohl die nächsten paar Tage nicht sitzen können!
»Lass dir nicht noch einmal einfallen, meine Anweisungen an dich zu missachten!«
Die Stimme Steiners klang nun merkwürdig zufrieden.
»Beim nächsten Mal bekommst du doppelt so viele Hiebe! Wenn du mit der Wäsche fertig bist, läufst du zur Johanniterscheune und lässt dir von Popolius den Stand der Dinge mitteilen. Und sieh zu, dass du noch vor dem Abendessen wieder hier bist!«
Mit diesen Worten wandte er sich um und ließ die gedemütigte Marie in der Waschküche allein.
Matthias war mittlerweile mit seinem Gefangenen und dem Schreiber in der Scheune angekommen. Zwei Wachleute des Vogtes hatten den Mann in ihre Mitte genommen und mitgeschleift. Ein Hieb auf den Kopf hatte den letzten Widerstand gebrochen.
Die Johanniterscheune lag im ehemaligen Judenviertel. Vorher war sie ein Lagerraum eines jüdischen Kaufmannes gewesen, der aber im Zuge der Enteignung und Vertreibung vor einigen Jahren die Stadt verlassen hatte. Der Vogt hatte verfügt, dass diese Scheune von da an dem Henker zur Verfügung stehen sollte, um einen Platz für die notwendigen Befragungen zu haben. Sie lag weit genug weg von den bewohnten Häusern der Stadt, sodass niemand die Schreie hören konnte.
Gemeinsam mit seinem Meister und einigen Handwerkern hatte Matthias diesen Raum umgebaut. Sie hatten einige Wände entfernt, ein Schmiedefeuer errichtet, Fenster zugemauert und die Bretter auf dem Boden entfernt. Stattdessen war nun eine festgestampfte Lehmschicht vorhanden, auf dem Sägespäne in dicken Schichten aufgebracht worden waren. Diese konnte man leicht entfernen, wenn sie voller Blut waren.
Weiter hinten war eine kleine Werkstatt eingerichtet. Dort reparierte Matthias seine Werkzeuge, schärfte sie und baute auch neue.
Unter der Scheune hatte Matthias einige geheime Räume entdeckt. Außer ihm wusste niemand von deren Existenz. Wie es schien, hatte der ehemalige Besitzer dort seine Reichtümer aufbewahrt. Es gab zwei Eingänge. Einer war in der Scheune, hinter einer doppelten Wand verborgen, die man stehengelassen hatte. Matthias war durch Zufall darauf gestoßen, als er einige Ratten gejagt hatte.
Von diesen Räumen führte ein Tunnel unter der Stadtmauer hindurch. Dieser endete einige Meter hinter dem Galgentor, in unmittelbarer Nähe des Richtplatzes. Matthias hatte sich gewundert, warum noch niemand diesen Eingang gefunden hatte, doch die Erklärung war einfach. Man konnte ihn nur erreichen, wenn man eine der Richteichen hinaufkletterte. Auf halber Höhe, was der Größe von zwei erwachsenen Männern entsprach, teilte sich die Eiche. Und genau in der Gabelung war ein Loch. Dort waren Sprossen eingelassen, über die man durch die dicke Eiche hinunterklettern konnte und sich dann in dem Tunnel befand.
Niemand würde auf die Idee kommen, die Richteiche hinaufzuklettern. Dazu waren die Menschen zu abergläubisch. Matthias passte so gerade eben noch durch den Spalt in dem Baum. Er hatte beschlossen, dieses Geheimnis vorerst für sich zu behalten.
Vor der Scheune blieb Matthias stehen und sah noch einmal auf den Mörder des kleinen Mädchens, der regungslos zwischen den beiden Wachen hing. Er empfand weder Mitleid noch Abscheu, seine Gefühle hatte er in die tiefsten Winkel seiner Seele verbannt. Nur so war es ihm möglich, seine Pflicht zu tun. Er griff dem Mann unter das Kinn und hob es an.
»Ich hoffe, du weißt, wie man betet«, sagte er zu ihm und wandte sich wieder ab.
Matthias sperrte die Tür auf. An der Wand hing eine Fackel, die er in ein Kohlebecken hielt, das immerwährend Glut hatte. Sofort knisterte sie und begann zu brennen. Langsam ging Matthias durch die Scheune und entzündete nach und nach alle Fackeln, die an den Wänden hingen. Der gesamte Raum wurde in ein diffuses Licht getaucht. Schatten waberten über den Boden, es roch nach Blut, Schweiß und Fäkalien.
Der Gefangene hob seinen Kopf. Matthias konnte seine Angst förmlich riechen, die sich wie ein dunkler Mantel über den, sich jetzt wieder windenden, Mann gelegt hatte. Er trat näher zu ihm, hielt die Fackel hoch und sah ihm in die Augen.
»Hast du einen Namen?«
Der Angesprochene nickte. Mit krächzender Stimme kam ein »Johannes« hervor.
Der Henker nickte und zeigte mit dem linken Arm in die Scheune.
»Siehst du das, Johannes? Hier an diesem Ort werden Fragen gestellt. Und es hängt nur von deinen Antworten ab, wie lange du hierbleiben wirst.«
Er griff ihm unters Kinn und hob den Kopf an.
»Ich stelle Fragen. Du antwortest. Der Schreiber entscheidet. Erst wenn er zufrieden ist, kann ich aufhören. Hast du das verstanden?«
Johannes nickte. Matthias sah die Panik in den Augen des Mannes. Zeit für eine Steigerung, entschied er.
»Hast du schon einmal eine hochnotpeinliche Befragung erlebt?«
Kopfschütteln. Matthias dachte daran, wie er von seinem Meister eingewiesen worden war. Er hörte wieder die Schreie der Geschundenen, die Flüche. Das Betteln und Flehen. Mit einem Schaudern erinnerte er sich, als die Inquisition hier gewesen war. Sechs Jahre war das her. Tagelang hatte er mit seinem Meister die Angeklagten verhört. Männer, Frauen. Er roch wieder das Blut. Damals hatte er gelernt, alle Gefühle zu verbergen. Er wischte die Gedanken beiseite.
»Es gibt Regeln dafür. Normalerweise würde ich dir jetzt alle Werkzeuge zeigen, dir erklären, wozu sie gemacht wurden. Dann hättest du eine Nacht Zeit, um dir zu überlegen, ob du nicht lieber freiwillig alles zugibst.
Aber leider haben wir diese Zeit nicht. Daher werde ich es kurz machen. Ich zeige dir ein Werkzeug, sage dir, was ich damit machen werde. Dann hast du einen Augenblick Zeit. Kommt keine Antwort oder eine, die dem Schreiber nicht gefällt, wirst du das Werkzeug spüren.«
Er trat einen Schritt zurück und sah die beiden Wachen an, deren Namen er nicht kannte.
»Zieht ihn aus und auf die Streckbank mit ihm.«
Das Geräusch reißenden Stoffes war zu hören, ein leises »Nein«, dann ein dumpfer Knall, als Johannes auf die Bank geworfen wurde, gefolgt von einem Stöhnen. Matthias entfachte inzwischen das Schmiedefeuer in einer Ecke. Schnell erwachte es fauchend zum Leben. Dann wandte er sich wieder an Johannes. Dieser war mit breiten Ledergurten über der Brust und den Beinen fest auf die Streckbank geschnallt worden. Matthias nickte und nahm eine Zange von einem Tisch. Das Griffstück war abgewinkelt und die Backen vorne waren glatt geschliffen. Er hielt sie Johannes vor die Augen.
»Damit reißt man Nägel aus. Kannst du zählen, Johannes?«
»Ja, Herr«, stammelte Johannes.
»Wie viele Finger hast du?«
»Zehn, Herr.«
Matthias sah zu Popolius. Jetzt war dieser an der Reihe, die erste Frage zu stellen.
»Wie viele andere Kinder hast du noch geschändet?«, knarzte die Stimme des Schreibers.
»Keines, Herr.«
Ein kurzer Blick zu Popolius zeigte Matthias, dass dieser mit dieser Antwort nicht zufrieden war.
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