»He, ihr da! Was geht hier vor sich? Was ist das für ein Lärm?«
Mit einem Mal wurde es ruhig auf dem Marktplatz. Die Menge rückte ein wenig zurück und machte Platz. Ein Mann trat vor. Der Vogt erkannte den Marktmeister.
»Euer Gnaden, ein Unhold wurde gefangen, als die Bürger ihn jagten. Ihm wird vorgeworfen, die Tochter der Schneiderin geschändet und getötet zu haben.«
Der Vogt erbleichte. Das war eine ernste Sache. Vergewaltigung und Mord. Er dachte kurz nach, wie alt die Tochter der Schneiderin gewesen war.
»Die Tochter der guten Frau Marlies?«
Der Marktmeister sah sich kurz um und sah die Menge nicken.
»Ja, Euer Gnaden.«
Der Vogt überlegte kurz. Gelegentlich pflegte er Gerichtsverhandlungen auf dem Gerichtsplatz abzuhalten, der sich direkt vor den Toren der Stadt befand, wenn die Menschenmenge für die Vogtei zu groß war. Dieser Platz war gesäumt von einigen Trauerweiden. In der Mitte war ein Podium aufgebaut, am westlichen Ende ein Galgen. Aber in Anbetracht der Umstände würde er anders handeln müssen. Er drehte sich um und winkte einen seiner Diener zu sich.
»Nehmt die Wachen und lasst die Menschen in den Speisesaal. Aber man soll darauf achten, dass sie sich ruhig verhalten. Und schickt nach Nikolaus von Brümme, er soll sofort zur Schneiderin!«
Kurze Zeit später öffneten sich die Portale und die Menschen wurden in den Speisesaal gelassen. Am anderen Ende, gegenüber den Eingangstüren, befand sich ein Podium, auf dem der Vogt mit seiner Familie bei offiziellen Anlässen zu speisen pflegte. Von dort würde er das Gericht leiten, wie er es bei den monatlich stattfindenden Gerichtstagen üblicherweise machte. Die Menge murmelte nur noch leise. Zu groß war der Respekt vor ihrem Herrn. Vorne, direkt vor dem Podium, stand der Henker mit seinem Gefangenen, den er auf die Knie gezwungen hatte.
Es dauerte einige Minuten, bis der Vogt die Treppe, die vom ersten Stock auf das Podium führte, herunterkam. Mit versteinerter Miene sah er in die Menschenmenge, schwieg, ließ alleine seine Anwesenheit wirken. Bernhard Steiner war stattlich, das musste man anerkennen. Neben Matthias wirkte er zwar klein, aber das war bei den meisten Männern so. Sein dunkles, schulterlanges Haar glänzte, seine Augen waren wie Eiskristalle, die alles zu durchdringen schienen. Sein Kinnbart war etwa so lang, wie eine Hand breit war, aber nach unten hin spitz zugeschnitten. Wenn er nervös war, dann strich er immer wieder über die Spitze, doch jetzt lagen seine Hände ruhig an der Seite. Es dauerte einige Minuten, dann kam ein Mann durch die Menge, kletterte mühsam auf das Podium und sprach leise zum Vogt. Dieser nickte, dann begann er, zu reden.
»Ich habe Nikolaus von Brümme zu dem armen Kind geschickt. Er hat mir bestätigt, dass ein Tier, denn nur ein solches kann zu einer derlei verabscheuungswürdigen Tat fähig sein, die kleine Rosa so zugerichtet hat. Doch hört seinen Bericht.«
Es war dem untersetzten Mann anzusehen, dass ihm dies nicht behagte, aber er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Damit war er allerdings immer noch fast einen halben Kopf kleiner als der Vogt. Er räusperte sich, im Saal war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können.
»Manchmal muss man traurige Pflichten erfüllen. Heute ist einer dieser Tage, an dem einem bewusst wird, wie brutal manche Menschen sein können.«
Er wirkte sichtlich erschüttert. Die Menschen hingen an seinen Lippen, lauschten angestrengt den leisen Worten.
»Ich wurde zu einem Kind geschickt, dessen Leben auf eine äußerst rohe, ja auf bestialische Art und Weise, beendet wurde. Sie wurde vor ihrem Tod auf das Übelste missbraucht. Er hat sie sich genommen, ohne Rücksicht, ohne Gnade, ohne zu beachten, dass sie ein Kind war. Und er hat zudem Sodomie mit ihr betrieben.«
In der Menge wurde es unruhig. Der Vogt hob die Hände, bedeutete von Brümme, weiterzusprechen.
»Als er seinen Trieb, den ich nur als widernatürlich und abartig bezeichnen kann, befriedigt hatte, hat er sie gewürgt. Und zwar mit einer solchen Kraft, dass ihr kleines Genick brach.«
Die Menschen schrien jetzt laut. Matthias ließ die Menge keinen Moment aus den Augen, bedeutete den Wachen, dass sie sich zwischen ihn und die herandrängende Menschenmasse stellen sollten. Er wollte nicht riskieren, dass man sich den Gefangenen schnappte und totschlug.
Der Vogt verzog keine Miene, nur seine Augen blitzten. Er wandte sich an den Arzt.
»Habt Ihr noch etwas hinzuzufügen?«
»Euer Gnaden, ich habe in meinem Leben schon vieles gesehen. Abgerissene Gliedmaßen, gespaltene Schädel, klaffende Wunden. Aber das, was ich dort habe sehen müssen, das sollte kein Mensch sehen müssen.
Ihre Mutter schrie die ganze Zeit. Ich habe die Befürchtung, dass die gute Frau den Verstand verliert. Ich musste ihr Laudanum einflössen, sonst wäre sie sogar noch auf mich losgegangen.«
Er nahm ein Taschentuch und putzte sich umständlich die Nase, faltete es und schob es wieder in seine Tasche.
»Euer Gnaden, ich kann Euch nur beschwören, wenn Ihr den Täter habt, keinerlei Gnade walten zu lassen. Dieses Kind wurde gequält, geschändet, getötet.«
Der Vogt nickte, sah auf die Menschen, die atemlos zugehört hatten und jetzt den Vogt anstarrten. Sie lechzten nach Gerechtigkeit, wurde Bernhard Steiner bewusst. Aber er durfte sich keinen Fehler erlauben. Er fasste einen Entschluss.
»Danke, Doktor. Dieses Tier«, er zeigte auf den Mann, der neben Matthias stand, »hat sich brutal an ihr vergangen. Er hat ihr nicht nur ihre Ehre geraubt! Nein, er hat auch Sodomie betrieben, bevor er ihr das Genick brach!«
Die Menge murrte. Der Vogt hob die rechte Hand.
»Woher kommt dieser Mann? Er ist fremd hier. Wer kann mir sagen, was er hier in Rothenburg gewollt hat?«
Es war nicht üblich, den Verdächtigen zu Wort kommen zu lassen. Vor allem nicht, wenn der Fall so klar war. Aber der Vogt musste wissen, woher dieser Strolch in seine Stadt gekommen war. Ob er alleine war oder es gar zu befürchten war, dass noch mehr von ihnen kamen. Da trat ein Mann vor, zog seine Mütze vom Kopf und blickte zu Boden.
»Euer Gnaden, wenn ich antworten darf?«
Mit einem Nicken forderte der Vogt ihn auf, weiterzureden.
»Ich bin Baumeister Thomas Walder. Ihr kennt mich. Ich habe seit Kurzem den Auftrag, einen Anbau für das Kloster zu errichten. Ich stelle immer wieder Männer auf der Durchreise ein. Als dieser Mann dort«, er zeigte auf den Angeklagten, »bei mir klopfte und ich dann feststellte, dass er ein guter Steinmetz ist, habe ich ihn eingestellt.«
Er seufzte.
»Woher sollte ich wissen, Euer Gnaden, dass es sich um einen Dämon handelt?«
Der Vogt sah ihn ernst an.
»Meister Thomas, ich kenne Euch wohl und war immer sehr zufrieden mit Eurer Arbeit. Und doch muss ich Euch fragen, warum habt Ihr ihn nicht unter Eure Obhut genommen, so wie ich es befohlen habe?«
In der Tat galt ein Edikt des Vogtes, dass es zwar erlaubte, fremde Arbeiter einzustellen, aber diese mussten unter der Obhut des Meisters bleiben. Es war ihnen nicht erlaubt, alleine durch die Stadt zu gehen, bis man ihnen nach Ratsbeschluss diese Freiheit gewährte.
»Es ist ein unverzeihlicher Fehler, für den ich um Gnade bitte. Er hatte von mir den Auftrag bekommen, ein Fass Bier zu holen und es zur Baustelle zu bringen. Wie konnte ich ahnen, dass er diese Schändlichkeit begeht?«
Der Vogt nickte. Er verstand, wie zerknirscht der Baumeister war, und dachte über die Bestrafung nach.
»Baumeister Thomas, so hört Euer Urteil: Euch trifft keine unmittelbare Schuld am Tode des Mädchens, jedoch hätte er verhindert werden können. So werdet Ihr dazu verurteilt, am Ostersonntag nach der Messe durch die Gasse zu gehen. Ferner werdet Ihr auf Lebzeiten alle Arbeiten, die am Hause der Schneiderin Marlies anfallen, umsonst ausführen. Nehmt Ihr Euer Urteil an?«
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