Er sah ihnen nach und es wurde ihm ein wenig eng in seiner Lederhose. Sollte er ihnen doch folgen? Da hörte er plötzlich laute Rufe, die von der Stadt herüberschallten.
»Haltet ihn! So haltet den Schuft!«
Er drehte sich um und sah eine Horde von Menschen aus der Stadt rennen, die einen Mann verfolgten, der buchstäblich die Beine in die Hand nahm. Die Menge schien extrem aufgebracht zu sein.
»Mörder! Haltet ihn auf.«
»Er hat mein Kind geschändet!«
Matthias schätzte den Abstand zu dem Fliehenden. Zwischen ihm und dem Mann lagen nur noch fünfzig Schritte. Schnell kauerte Matthias sich nieder und wartete. In dem Moment, in dem der Flüchtling ihn passierte, schnellte er hoch und warf den Mann mit seinem ganzen Gewicht zu Boden. Sie rutschten in das nasse Gras. Der Mann wehrte sich, aber Matthias war stärker und vor allem erfahrener. Mit seinem linken Bein drückte er den rechten Arm des Mannes zu Boden, seine rechte Hand umfasste das linke Handgelenk. Mit der Linken drückte er den Kopf in das nasse Gras, während sein rechtes Knie gegen das Gemächt des fluchenden Mannes drückte.
»Halt still oder das, was dich zum Manne macht, wird nur noch ein Haufen Brei sein«, zischte Matthias.
Die Menge kam näher.
»Meister Matthias, dank Euch.«
Ein Mann löste sich aus der Menge.
»Was habt ihr ihm vorzuwerfen?«
Matthias sah sich in der Menge um. An den Gesichtern erkannte er, dass sich etwas Schreckliches ereignet haben musste.
Der Mann, es war der Gastwirt des ›Roten Ochsen‹, scharrte mit dem linken Fuß im Dreck.
»Wir haben ihn erwischt, als er die kleine Tochter der Schneiderin geschändet und umgebracht hat.«
Matthias sah den am Boden Liegenden an.
»Stimmt das, Bursche? Ist das wahr, was man mir sagt?«
Seine Stimme war scharf wie ein Peitschenknall. Der Mann jedoch sagte kein Wort. Aus dem Gesicht aber konnte Matthias erkennen, dass dies wohl die Wahrheit sein musste. Schlagartig wurde ihm klar, dass seine erste eigene Hinrichtung ohne die Unterstützung und der Aufsicht seines Meisters wohl nur noch wenige Stunden entfernt war.
»Aufhängen!« »Steinigen« »Schneidet ihm die Eier ab!«
Matthias erhob sich und zerrte den Mann an den Haaren hoch.
»Das entscheidet der Vogt!«, brüllte er.
Aus den Augenwinkeln sah er, dass die drei Mädchen stehengeblieben waren. Ihre Gesichter waren blass. Marie stand fast genau neben seinem Haus.
»Du da«, er zeigte auf sie, »dort am Gatter, der Strick. Bring ihn mir.«
Marie blieb erst wie angewurzelt stehen, doch dann ließ sie ihren Wäschekorb fallen und tat, wie Meister Matthias ihr geheißen hatte.
Er nahm den Strick, lächelte ihr dankbar zu und begann, dem Mann die Hände auf den Rücken zu binden. Es war Marie unmöglich, den Blick abzuwenden. Sie musste einfach zusehen, wie Matthias dem vermeintlichen Mörder den Strick durch die Beine führte, ihn sich über die Schulter legte und so den Mann hinter sich her zerrte, obwohl es schicklicher gewesen wäre, sich wegzudrehen und nicht zu starren wie die sensationslüsterne Menge. Ihr wurde ganz flau allein vom Anblick.
Dem Verbrecher erging es ähnlich, allerdings aus anderen Gründen. Der Strick, so geführt, presste seine Hoden gegen sein Schambein und verursachte unsägliche Schmerzen. Dazu kam, dass er durch die Fesselung der Hände sein Kreuz extrem durchdrücken musste. Diese Art, einen Gefangenen zu binden, hatte Matthias von seinem Meister gelernt.
»Glaub mir, jeder, den du so hinter dir herziehst, hat keinen Gedanken an Flucht oder Widerstand. Er hat genug damit zu tun, seine Eier zu retten.«
So watschelte er hinter dem Henker her, der mit schnellen Schritten zur Vogtei ging, um das Urteil seines Herrn zu hören.
Die Rothenburger gingen hinterher, in gebührendem Abstand zum Henker, der sichtlich keine Hilfe brauchte, um den Mörder in Schach zu halten. Langsam, die Augen nicht vom Geschehen abwendend, ging Marie in die Knie und sammelte ihre herumliegende Wäsche wieder ein. Greta und Helga sahen zwischen ihr und dem lärmenden Zug hinterher und wurden sichtlich nervöser.
Es war Helga, die schließlich herausplatzte.
»Was machen wir jetzt? Gehen wir die Wäsche waschen?«
Greta versetzte ihr eine unsanfte Kopfnuss.
»Du bist wohl närrisch! Los, wir müssen hinterher, ich will wissen, was mit ihm passiert!«
Marie, die inzwischen alles wieder in ihrem Weidenkorb verstaut hatte, erhob sich mit verächtlichem Blick.
»Waschweib! In drei Stunden spricht sowieso ganz Rothenburg darüber!«
Aber als die Blonde sich in Bewegung setzte, führten ihre Schritte sie keineswegs in Richtung Fluss, sondern zu den Stadttoren. Die anderen beiden Mädchen beeilten sich, den Anschluss nicht zu verlieren. Als sie am Herrenhaus des Vogts, das am Marktplatz lag, ankamen, hatte sich vor dem Eingang eine gewaltige Menschentraube gebildet. Anscheinend hatte der Zug mit dem Henker an der Spitze alle Rothenburger mit sich genommen, die zu dieser Zeit auf der Straße gewesen waren – und das waren fast alle! Und alle hämmerten sie gegen das Portal, drohten mit Fäusten und schrien nach Blut und Vergeltung. Missbilligend schüttelte Marie den Kopf.
»Die Leute sind verrückt … ich gehe hintenrum. Allein!«, setzte sie hinzu, als ihre Freundinnen sich anschickten, ihr zu folgen. Bevor sie protestieren konnten, lief die Magd des Vogts schon davon, so schnell sie mit dem Wäschekorb konnte.
An den Hintereingang der Vogtei hatte zu ihrem Glück keiner aus dem Pöbel gedacht. Marie schlüpfte unbehelligt hindurch und gelangte auf diesem Weg ins Haus. Selbst in der Küche war das Gebrüll der Leute noch zu hören, untermalt von dröhnendem Gehämmer. Offenbar schlugen sie immer noch ans Portal!
Schon bevor Marie die Eingangshalle betrat, sah sie aus dem Gang die beiden Knechte Heinrich und Karl, die sich verzweifelt gegen die Tür pressten und versuchten, die Massen draußen zu halten. Immer wieder wurden die Portalflügel ein Stück aufgeschoben und die Schreie hallten lauter durch den Raum. Die Gesichter der Männer waren vor Anstrengung verzerrt.
Ohne ein Wort und ohne ihre Hilfe anzubieten, ging Marie an den Knechten, die hinter ihr her schimpften, vorbei und in den ersten Stock. Der Eingang lag genau unter dem Arbeitszimmer des Vogtes. Die Tür stand offen, ein schneller Blick hinein zeigte Marie, dass Bernhard Steiner sich nicht darin aufhielt. Zum Glück hatte sie heute Morgen den Nachttopf der gnädigen Frau noch nicht geleert. Das würde sie jetzt nachholen!
Sie eilte zum Schlafzimmer ihrer Dienstherrin, holte das Gefäß und ging schnell wieder zum Arbeitszimmer zurück. Sie grinste, dieser Spaß gefiel ihr.
In der Menge bemerkte niemand, wie über ihm die Fenster geöffnet wurden. Umso größer war das Gekreische, als Marie den vollen Topf über den rachsüchtigen Rothenburgern auskippte, und ausnahmslos alle wichen zurück. Im Erdgeschoss fiel mit einem dumpfen Knall die Eingangstür ins Schloss. Zufrieden schloss Marie das Fenster und beeilte sich, in den Speisesaal des Vogts zu kommen, wo er offiziellen Besuch zu empfangen pflegte. Vielleicht brauchte dort ja jemand etwas zu trinken und ganz nebenbei würde sie aus erster Hand erfahren, wie es mit dem Kindsmörder weiterging. Auf leisen Sohlen, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich erregend, betrat sie den holzgetäfelten Raum und blieb gleich neben der Tür stehen.
Mittlerweile war der Vogt auf das Getöse vor seinem Haus aufmerksam geworden. Am gestrigen Abend hatte er sich ziemlich betrunken und war ein wenig länger im Bett geblieben, als es sonst seine Art war. Schnell zog er sich ein Wams über, schnürte seine Hosen zu, eilte zu seinem Arbeitszimmer und öffnete das Fenster, aus dem Marie erst wenige Augenblicke vorher den Nachttopf auf die Meute geleert hatte. Er sah hinaus, dabei fragte er sich, was dieser Aufruhr sollte. Im ersten Moment dachte er, das Volk wolle ihm an den Kragen, doch dann begriff er, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Er beugte sich aus dem Fenster.
Читать дальше