Matthias Wolf
Henker von Rothenburg
Marie
Magd beim Vogt
Popolius Harthrath
Schreiber
Magdalena Holzapfel
Wirtin im ›Goldenen Schwan‹
Greta Dinkelsbraun
Freundin von Marie
Helga Bonnekamm
Freundin von Marie, Tochter von Klaus und Agathe Bonnekamm
Klaus Bonnekamm
Bäckermeister, Vater von Helga Bonnekamm
Agatha Bonnekamm
Ehefrau von Klaus Bonnekamm, Mutter von Helga Bonnekamm
Meginhard von Scharfenstein
Oberhaupt einer reichen Familie, Vater von Jakob
Margarethe von Scharfenstein
Ehefrau von Meginhard von Scharfenstein, Mutter von Jakob
Jakob von Scharfenstein
Sohn von Meginhard und Margarethe von Scharfenstein
Karl Schwattner
Freund von Helga Bonnekamm, Knecht bei Bernhard Steiner
Nikolaus von Brümme
Arzt und Chirurg, Heilkundiger
Pater Remigius
Pfarrer von Rothenburg
Heinrich Meisner
Hauptmann der Stadtwache
Irmtraud Wallner
Hure im ›Goldenen Schwan‹
Es war ein kalter Winter gewesen im Jahr 1525. Bereits im Oktober hatte es den ersten Frost gegeben, dem im November ergiebige Schneefälle gefolgt waren. Dank der guten Ernten der letzten Jahre und einer klugen Vorratshaltung musste kein Mensch in Rothenburg Hunger leiden.
Auch die Vorräte an Holz, um die Häuser warmzuhalten, waren mehr als genügend. Vereinzelt kam es zu Todesfällen, die nicht auf natürliche Ursachen zurückzuführen waren. So erfroren einige Männer, die des Nachts nach einem Zechgelage den Weg nach Hause nicht mehr fanden und auf den Straßen einschliefen. Darunter befand sich auch der Henker von Rothenburg, Malachias Steigner. Man fand ihn zwar noch lebend, aber ihn überkam solch ein hohes Fieber, dass er nach wenigen Tagen verstarb.
Sein Gehilfe, Matthias Wolf, wurde daraufhin vom Vogt Bernhard Steiner zum neuen Henker bestellt. Matthias hatte bis zu dieser Zeit noch keine eigenständige Hinrichtung durchgeführt. Dank der Ausbildung bei Malachias war der Vogt jedoch der Meinung, dass Matthias dem gewachsen sei. Er behielt sich jedoch vor, ihn zu ersetzen, sollte er den Vogt enttäuschen und die Strafen, die zu vollstrecken dem Henker bestimmt wurden, nicht ordnungsgemäß vollzogen werden würden.
Es gab nicht viele Strafen in diesem kalten Winter. Doch Matthias vollzog alle Urteile zum Wohlgefallen seines Dienstherren. Eine Hinrichtung gab es allerdings nicht. Erst wenn Matthias diese sauber ausgeführt habe, so der Vogt, würde er zum Henker auf Lebenszeit ernannt.
Die Toten konnten nicht bestattet werden, der Boden war zu hart. So bettete man sie in Särge und lagerte sie in einer Scheune, etwas außerhalb der Stadt. Sie waren zu Stein gefroren. Als im Jahr 1526 im März die Temperaturen endlich stiegen und der Schnee geschmolzen war, gab es an mehreren Tagen hintereinander die Beisetzungen.
Als sein Meister zu Grabe getragen wurde, stand Matthias alleine mit dem Priester an der letzten Ruhestätte. An diesem Tag wurde ihm bewusst, dass er niemals zu den Bürgern der Stadt gehören würde.
Er lebte in einem Haus, direkt außerhalb der Stadtmauern hinter dem Galgentor. Matthias war ein junger, kräftiger Bursche. Gerade fünfundzwanzig Lenze, groß wie ein Baum und stark wie ein Stier.
Wo er herkam, wusste niemand in der Stadt so genau. Meister Malachias hatte ihn bei sich aufgenommen und ihn ausgebildet. Er war geschickt bei allem, was er tat. Und er hatte die nötige Demut, um es den Verurteilten nicht an Respekt mangeln zu lassen. An manchen Tagen und in fast allen Nächten fühlte er sich jedoch einsam, was daran lag, dass die Meisten ihm aus dem Weg gingen. Er war respektiert, sogar gefürchtet, aber nicht geliebt.
Sein Lehrmeister hatte ihm immer gesagt, dass es ein einsames Leben werden würde. Gutbürgerliche Töchter würden ihn niemals heiraten dürfen. Und in sein Bett fänden nur Hübschlerinnen oder Frauen den Weg, die sich keine Hoffnung auf einen Ehemann aus den situierten Familien mehr machen konnten.
Wenn er seine Runden drehte, grüßte man ihn höflich und respektvoll, ansonsten ging man Matthias aus dem Weg. Der Aberglaube war stark in den Menschen, und engerer Kontakt mit dem Henker als unbedingt notwendig galt als sicherer Unglücksbringer.
Das machte ihm in manchen Nächten zu schaffen, doch hatte er sich damit abgefunden. Nach dem Schnee kam der Regen. Die Welt war ein eintöniges Grau, alles verwandelte sich in Schlamm und Morast. Es schien, als ob die Sonne nie mehr scheinen wollte. Manch einer der älteren Bewohner Rothenburgs sah darin ein böses Omen. Man war sich nicht sicher, ob der Frühjahrsmarkt würde stattfinden können, und mancher Bauer machte sich Sorgen, ob er früh genug zur Saat auf die Felder käme.
Aber langsam wurde das Wetter besser. Die Stadt erwachte aus ihrem Winterschlaf, jeder ging seiner Beschäftigung nach. Im »Goldenen Schwan«, dem Gasthaus, in welchem die Hübschlerinnen ihre Gunst feilboten, wurde Frühjahrsputz gehalten. Es roch nach frischem Brot, nach gebratenem Fleisch, nach Leben. Der Geruch des Todes verflüchtigte sich mit jedem Tag, an dem die Sonne etwas früher auf- und später unterging, ein wenig mehr.
Die Ereignisse, welche einige Jahre vorher geschehen waren, als man die Juden aus Rothenburg vertrieben hatte, gerieten langsam in Vergessenheit. Nur einige leer stehende Gebäude erinnerten noch daran.
Dann kam der April 1526. Ein Monat, der das Leben des Henkers von Rothenburg und aller Bewohner verändern würde.
Eine strahlende Frühlingssonne schien vom Himmel und tauchte die Türme von Rothenburg in die erste wirkliche Wärme seit Wochen. Zwar war der Schnee längst geschmolzen, aber statt des Frühlings hatte bisher nur graues, regnerisches Wetter Einzug gehalten und die schmalen Wege um die Stadt in Schlammpfade verwandelt, auf denen kaum ein Wagen durchkam. An diesem Tag jedoch schien Mutter Natur sich endlich darauf zu besinnen, dass der Mai vor der Tür stand. Sie legte sich kräftig ins Zeug – kein Wölkchen war am Himmel, eine sanfte Brise trocknete die Pfützen am Boden und rauschte im ersten Grün der Bäume, während die Vögel den Einzug des Frühlings aus vollem Hals feierten.
Die Tauber funkelte im Sonnenlicht. Träge floss sie an Rothenburg vorbei, in engen Schlingen umkurvte sie die leicht über ihr gelegene Stadt. Einige hatten sich bereits daran versucht, Fische zu fangen, aber bisher hatten noch keine angebissen.
An einem solchen Tag hielt Marie nichts innerhalb der Stadtmauern. Seit sie als Magd im Hause des Stadtvogts arbeitete, kam sie ohnehin kaum noch in die Natur, die sie so sehr liebte. Also nutzte sie das schöne Wetter, um die Wäsche nicht in der Waschküche der Vogtei, sondern am Waschsteg unten an der Tauber zu waschen. So verließ sie die Stadt durch das Galgentor, damit sie nicht durch das ehemalige jüdische Viertel laufen musste. Sie fand es unheimlich, von den leeren Augen der Fenster angestarrt zu werden, und nahm lieber den Umweg um die Stadt herum in Kauf. Ihre besten Freundinnen, Helga und Greta, begleiteten sie. Die hellen Stimmen der Mädchen, als sie scherzten und lachten, vermischten sich auf ihrem Weg zum Fluss mit dem Vogelgesang.
Читать дальше