„ Lilia, deine Urmutter war eine Elbenfrau“ , stimmten sie ihren Gesang an.
„ Aber meine Mutter war eine Drachenhexe“ , warf ich ohne Nachdenken dazwischen.
„ Wohl wahr! Sie tat berechnend Böses, um dich zu verderben.“
„ Ja, sie brachte mir nichts als Neid, Kälte und Hass entgegen.“ Alte, tief vergrabene Wunden platzten in mir auf. Krampfhaft klammerte ich mich gedanklich an die dubiose Elbenfrau im Stammbaum. Kein Stück einfacher.
„ Möchtest du mehr erfahren?“
„ Mach schon, gib dir einen Ruck. Ja!“
„ Kennst du die Kirche Santa Christiana in der Krongasse?“
„ Äh, nein. Wieso?“ Meine Verwirrung war komplett.
„ Bitte begib dich dorthin.“
Mit Hilfe eines zerfledderten Stadtplans, S-Bahn und Bus gelangte ich fast bis vor die Tür von Santa Christiana. Vielleicht sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass ich zwar eine Niete in Geschichte war, dennoch alte Gemäuer innig liebte. Ganz einfach, weil Schlösser, Speicher, Wohnhäuser, Kirchen oder andere erhaltene Bauwerke mit etwas Fantasie greifbare Geschichten erzählten.
Santa Christiana lag, teils umrahmt von hohen Pappeln, etwas zurückversetzt. Davor befanden sich Parkplätze, nebenan das Pfarrhaus. Zwar erwartete ich keinen Dom, aber auch keine fast winzige, spätgotische Kirche mit schlichten Glasfenstern. „Wie alt mag sie sein, vierzehntes Jahrhundert?“
Entschlossen ging ich zur Eingangstür und drückte die Klinke herunter. „Offen, prima.“ Dämmriges Licht herrschte im Innern. Meine Augen brauchten einen Moment, bis sich links der Kirchenraum und rechts der Altarraum herausschälten. Die Orgel vermittelte bei meinem Rundgang einen ziemlich mitgenommenen Eindruck, wie überhaupt die gesamte Einrichtung. Abgewetzte Bänke, verstaubte Holzskulpturen und rissige Gemälde boten ein Bild der Verwahrlosung.
„ Was jetzt? Hallo, ich bin da!“ Wenn das jetzt nicht völlig durchgeknallt war, was dann?
Durch das Fenster, welches der linken Hälfte des Altarraums etwas Tageslicht spendete, fiel ein Sonnenstrahl hinein. „Nein“ , meldete sich mein Verstand, „unmöglich um diese Uhrzeit“ . Behutsam trat ich näher. Das Licht fiel in einem Kegel genau auf jene zwei Stufen, die den Altar umgaben.
„ Lilia!“
Heftig erschrocken fuhr ich zusammen. Warum erschallten sie plötzlich in dröhnendem Dolby Surround?
„ Weil dies ein uralter, heiliger Ort ist, wie ihr Menschen es nennt. Bitte setz dich.“
„ In das Licht?“
„ Bitte.“
Wäre es um einen stockdunklen Flecken gegangen, hätte ich mich glatt geweigert. So aber setzte ich mich mutig auf die oberste Stufe. Sehr grelles, weißes Leuchten. Meine Augen bereits zugekniffen, spürte ich sogleich ein leichtes Kribbeln auf meiner Haut.
„ Seid ihr Heilige?“ , fragte ich mangels gescheiter Ideen, obwohl ich deren Existenz stark anzweifelte.
„ Wir sind Sternelben, die Gesandten des Lichts.“
Normalerweise würde jedes Gehirn diese Information unverdaut wieder ausspucken. Wohl infolge der bisherigen Erlebnisse verweigerten meine grauen Zellen keineswegs die Annahme ihrer ungeheuerlichen Behauptung.
„ Du machst Fortschritte, Lilia.“
„ Warum nennt ihr mich so?“
„ Lilie und Elischeba, äußere Schönheit und innere Vollkommenheit, spiegeln sich in deinem Namen.“
„ Schönheit und Vollkommenheit – ich? Absurd!“
Die Sängerinnen gingen über meinen Einwurf hinweg. „So wurde es prophezeit: Das Böse gebiert ein Lichtkind. Dieses Kind wird erwachen, bevor die Finsternis abermals alle Menschen verschlingt.“
„ Aber woher wollt ihr wissen, dass ich damit gemeint bin? Außerdem heiße ich doch ganz anders“ , beharrte ich hilflos.
Sie antworteten mit schwellendem Gesang: „Nur, weil sich deine Mutter dem Licht verweigerte!“
„Lasst sie verdammt nochmal aus dem Spiel! Niemand hat das Recht, meine Vergangenheit aufzuwühlen! Niemand!“, brüllte ich, dass es im Kirchenraum widerhallte. Darüber heftig erschrocken, kauerte ich mich zusammen und hielt den Atem an.
Meine Giftmischerin von Mutter war auf dem Höhepunkt ihrer höllischen Karriere aufgeflogen und der Polizei umstandslos durch Selbstmord entwischt. Diese einmalige Chance hatte ich, obwohl noch minderjährig, genutzt, um spurlos in Berlin unterzutauchen.
Die Ignorantin in mir, immer den drohenden Wahnsinn im Visier, siegte nach langen Minuten des Schweigens. Keinerlei Nachfragen an die Stimmen zu Prophezeiung und Finsternis. Stattdessen abrupter Themenwechsel, alles auf Anfang. „Diese Kirche, warum ist sie wichtig für euch?“
„ An diesem Ort opfern und verehren Menschen seit Urzeiten. Es begann mit einer Kultstätte für die Sonne, später folgten Tempel für verschiedene Gottheiten. Schließlich eroberte das Christentum den Platz. Selbst diese Kirche ist nicht die erste, an ihrer Stelle stand vormals eine Kapelle. Nur hier währt schwach der reine Urglauben an das Gute, genährt von unzähligen Menschengenerationen über Jahrtausende hindurch. Deshalb können wir dir nah sein.“
Amüsiert registrierte ich erstmals den sprachlichen Mischmasch aus teils antiquierten, teils modernen Wörtern.
„ Wir lernen genauso wie du.“
„ Was soll ich lernen?“
„ Zunächst einmal müssen sich deine Eigenschaften und Fähigkeiten voll entfalten, bevor du lernst, sie zu gebrauchen.“
Obschon keinen Plan, wovon genau sie da summten, entgegnete ich lapidar: „Das ist alles?“
„ Unterschätze die Aufgabe nicht.“
„ Ich habe so viele Fragen!“
„ Genug für heute, Lilia. Du musst dich sputen, die Dunkelheit naht.“
„ Och, die Nacht macht mir keine Angst.“
Komisch, sie summten wirr.
Den Heimweg verbrachte ich traumduselig, bis mein Alter Ego loslegte: „Aber klar doch, typisches Erzählmuster von Fantasystories. Irgendwann taucht irgendwo ein unscheinbares Persönchen auf, in dem sich aus unerfindlichen Gründen ein mysteriöses Erbe verbirgt. Tse! Könntest du dir eventuell mal ins Gedächtnis rufen, dass außerhalb von Büchern eine stinknormale Realität existiert?!“
Der Besuch in Santa Christiana hatte selbstverständlich von Anfang an einen tieferen Sinn für die Sternelben gehabt. Nebenbei versuchten sie, meinen Charakter insgeheim nach ihren Plänen zu formen. Dass solche Veränderungen durchaus unerwünschte Nebenwirkungen mit sich bringen könnten, ging ihnen erst reichlich spät auf.
Tatsächlich Montag. Der Wecker piepte unerbittlich. „Ich muss arbeiten“ , war der erste Gedanke.
„ Guten Morgen, Lilia. Du wirst nie mehr arbeiten“ , säuselten die Sternelben.
„ Aber … Wieso das?“
„ Nach deinem Tee mehr.“ Das klang fast wie amüsiertes Lachen.
So rasch der Morgenmuffel in mir es erlaubte, brachte ich Tee kochen und Badbesuch über die Bühne. Noch knurrig nach der Barbiepflege, setzte ich mich an den Küchentisch.
„ Bitte geh an deinen Schreibtisch.“
„ Okay.“ Vorsichtig die Tasse balancierend, durchquerte ich das Wohnzimmer und blieb vor dem Schreibtisch stehen.
„ Schau dir deine Papiere an.“
Die Kontoauszüge hatte ich bei meinem Horrortrip ins Einkaufscenter noch gezogen, wie immer unbesehen eingesteckt und hier mitsamt den Kassenzetteln hingeworfen. „Was soll das werden?“ Hektisch wühlte ich im Durcheinander.
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