»Scheiße, ich kann ihn nicht auf der Straße halten«, stieß Björn hervor und versuchte mit aller Kraft gegenzusteuern. Carl stand der Mund offen, er starrte entsetzt in den anderen Wagen. Scheinbar unberührt von dem Ganzen sah der Beifahrer noch immer zu ihnen und Carl hatte den Eindruck, dass sein Grinsen stärker wurde.
»Festhalten«, rief Björn und zog plötzlich nach rechts. Er wollte damit die beiden Fahrzeuge auseinanderbringen. Dadurch, dass er nun in die gleiche Richtung wie der Mercedes steuerte, gerieten sie noch schneller an den Fahrbahnrand.
»Was machst du da?«, schrie Carl und sah die Bäume am Straßenrand auf sie zukommen.
Mit einem Ruck lösten sich die Fahrzeuge voneinander. Björn riss sofort das Lenkrad wieder nach links. Das Heck ihres Wagens fing bedrohlich an zu schlingern, doch bevor das zu stark wurde, krachte ihr Fahrzeug in die Beifahrerseite des Mercedes zurück. Die beiden Männer in dem dunklen Wagen wurden von dem Manöver überrascht und es gelang Björn, den Mercedes wieder zur Fahrbahnmitte zu drängen. Doch der Fahrer hielt sofort dagegen und nur ein paar Sekunden später hatte er sie wieder an den Fahrbahnrand zurückgeschoben.
Björn trat auf die Bremse in der Hoffnung, sich so zu lösen und im besten Fall sogar anhalten zu können. Dadurch rutschte sein Fahrzeug etwa einen Meter nach hinten, dann hing er wieder fest. Die Geschwindigkeit der beiden hatte sich nur unmerklich verringert, gegen den schweren Mercedes war einfach nicht anzukommen.
Ihr Volvo fing an zu holpern. Ein deutliches Zeichen dafür, dass die rechten Räder die Fahrbahn verlassen hatten und bereits über den unbefestigten Randstreifen rollten.
»Ich kann nichts ...«, hörte Carl Björn noch rufen, dann zog es den PV 51 wie von Geisterhand nach rechts weg. Er löste sich vom Mercedes und schoss über eine Erhebung auf dem Grünstreifen. Der Wagen hob ab und Carl sah einen dicken Baum auf sie zukommen. Der Stamm bohrte sich auf der Beifahrerseite in das Fahrzeug, das auf der Fahrerseite auseinandergerissen, während es auf der anderen Seite wie ein Stück Papier zusammengefaltet wurde. Der Schlag wurde begleitet von einem ohrenbetäubenden Lärm, dann plötzlich war alles ruhig.
Die Schmerzen waren unerträglich. Carl lag auf den Resten der Rückbank und konnte sich keinen Zentimeter bewegen. Er war eingeklemmt, eine warme Flüssigkeit lief ihm ins rechte Auge. Er wollte sich mit der Hand über das Gesicht wischen, doch er konnte seinen Arm nicht bewegen. Er wusste nicht einmal, wo sein Arm überhaupt war. Ein beißender Geruch stieg ihm in die Nase und er spürte trotz der unsäglichen Schmerzen am ganzen Körper, wie es an seiner rechten Hüfte immer wärmer wurde. Dann verlor er das Bewusstsein.
Lorient, Donnerstag, 1. Juni 1944, 8:10 Uhr
Das Gesicht des Mädchens war komplett von Ruß bedeckt. Wiederholt rieb sie sich in den Augen und verschmierte die schwarze Schicht. Tränenspuren auf beiden Wangen brachten den ganzen Schmerz zum Ausdruck, den sie hatte erfahren müssen. Kraftlos und mit vorgebeugtem Oberkörper saß sie auf dem Boden vor einem Ziegelhaufen und starrte Hans mit verquollenen Augen an. Hinter ihr stiegen noch immer dunkle Rauchschwaden aus den Trümmern auf und verdüsterten die Zukunft des Kindes, die noch nicht einmal richtig begonnen hatte. Ihr Körper zuckte mehrfach, als wolle er sich gegen den Qualm wehren, der mehr Giftstoffe als Sauerstoff enthielt. Ein Wimmern kämpfte sich aus der Kehle der Kleinen, immer und immer wieder.
Hans blieb stehen und sah ihr in die Augen. Der Rauch in der Luft stank erbärmlich und er spürte sofort die giftige Wirkung, die den Sauerstoff umklammerte und nicht mehr freigeben wollte. Er hustete und hielt sich die Hand schützend vor Mund und Nase. Er war wie gelähmt, wusste nicht, was er tun sollte. Sein Blick fiel auf die Hände des Mädchens. Ihre Finger klammerten sich krampfhaft an etwas fest. Er brauchte einen Moment, bis er erkannte, dass die roten Fingernägel nicht zu dem Kind gehörten. Sondern zu dem Arm, der aus dem Trümmerhaufen hinter ihr hervorschaute.
»Komm weiter, Hans«, tönte es von der Seite, aber er reagierte nicht. Bis ihn jemand am Ärmel packte und weiterzog.
»Das Kind«, stammelte er und stolperte über seine eigenen Füße.
»Komm aus dem Gestank raus.« Dieter zog ihn unaufhaltsam weiter und schon einige Meter weiter ließ der stechende Geruch nach.
»Die Mutter liegt ...« Hans war noch immer fassungslos, wandte sich um und sah zurück. Dunkler Rauch hatte jetzt die Stelle eingenommen, an der das Kind gesessen hatte. Er konnte es nicht mehr erkennen, der Rauch war zu dicht.
»Hans, wir können nichts tun. Komm jetzt, wir haben hier eine Aufgabe zu erfüllen.«
»Hast du das Mädchen nicht gesehen? Was soll denn aus ihr werden?«
»Wir können ihr nicht helfen.«
Hans blieb einen Moment fassungslos stehen, dann setzte er Dieter nach.
»Und wenn das dein Kind wäre?«
Jetzt blieb Dieter stehen. Hans schloss auf und sah seinem Freund ins Gesicht. Seine Augen waren gerötet und feucht.
Lag es am Rauch oder war es wegen des Mädchens? Hans wartete auf eine Reaktion. Dieter atmete tief ein und aus. Es vergingen noch ein paar Sekunden, ehe er antwortete.
»Wir sind schon spät dran«, wich er der Situation aus, dann folgte er dem Soldaten, der sie zum Hafen bringen sollte und bereits weit vor ihnen lief. Hans sah ihm nach und schüttelt nur den Kopf. Noch einmal drehte er sich um. Der Rauch hatte sich gelichtet, das Mädchen war verschwunden. Er suchte vergeblich die Umgebung ab. Nichts.
Unsicher wandte er sich um und folgte Dieter in Richtung Hafen.
Die Bunkeranlagen waren bereits von weitem zu erkennen.
Ein riesiger Klotz mit einer Länge von 170 Metern und einer Breite von bis zu 140 Metern erhob sich vor ihnen. Überall im Hafengebiet stiegen von Maschinen, Fahrzeugen und Schiffen Rauchwolken auf. Lastwagen fuhren umher. Sie brachten Ersatzteile und Lebensmittel zu den Bunkern, in denen die schmalen Bootskörper vor dem Auslaufen vollgestopft wurden. Wie in einem Ameisenhaufen wuselten Arbeiter und Soldaten umher.
Die Deutschen hatte sich viel Mühe gegeben, einen großen und autarken U-Boot-Stützpunkt in Lorient zu errichten. Die Infrastruktur war stark ausgebaut worden, Torpedo- und Treibstoffbunker existierten genauso wie eine starke Flak, die alles gegen die Luftangriffe der Alliierten verteidigen sollte.
Mit seinen sieben Boxen enthielt der 23.000 Quadratmeter große Bunker KEROMAN III Platz für dreizehn U-Boote. Er war im Januar 1943 fertig gestellt worden und der Einzige, der das Einlaufen der Boote in die Boxen ohne Aufschleppanlage ermöglichte. Die Boxen waren länger als die der beiden älteren Bunker KEROMAN I und II und somit auch für größere Boote geeignet.
Mit jedem Schritt baute sich die mächtige Bunkerwand weiter bedrohlich vor ihnen auf. Hans war überwältigt von der Größe des Bauwerks. Durch seine wachsende Bewunderung und das vielfältige Treiben vergaß er sogar die Zerstörungen, die er vorhin gesehen hatte. Und verdrängte das Erlebnis mit dem Mädchen.
Kurze Zeit später erreichten sie den Bunkerbereich und folgten dem Schild KEROMAN III Eingang. Eine leichte Brise wehte durch den Hafen, aber erst jetzt bemerkte Hans den Geruch der feuchten, salzhaltigen Meeresluft in der Nase. Erinnerungen an Peenemünde wurden wach. Durch die Nähe zur Ostsee begleitete ihn der typische Meeresgeruch dort bei seiner täglichen Arbeit und er genoss dies ungemein.
Sie betraten den Bunker und die Meeresbrise schlug sofort um in eine Mischung aus Benzingeruch, Schmierstoffe, Gestank von Schweißarbeiten und den Ausdünstungen verschwitzter Körper. Hans rümpfte die Nase.
»Puh, das stinkt ja gewaltig.«
»Wenn man erst mal eine Zeit lang drin ist, gewöhnt man sich daran. Hier geht‘s lang.« Der Soldat deutete mit einer Handbewegung die Richtung und führte sie weiter in das Innere der Anlage.
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