Ich zucke mit den Schultern. „Ja…Nett.“
Sie grinst weiter und verdreht die Augen.
„Er wollte mich sogar nach Hause bringen“, schwärme ich. „Aber das ging nicht. Du weißt doch, mein Vater hätte durchgedreht, wenn mich ein Bursche herbringt. Obwohl…Er war gar nicht zu Hause.“
Ella grinst immer noch breit. „Er gefällt dir. Es ist also der, der mit Janine herumhängt. Wie kann er nett sein, wenn er mit dieser Schlampe etwas anfängt?“
Wieder zucke ich mit den Schultern. „Keine Ahnung. Es ist sowieso Zeitverschwendung darüber nachzudenken. In ein paar Tagen ist er wieder weg.“
„Ja, stimmt. Aber wenn er so nett ist.“ Ella gibt mir einen kleinen Schubs.
Ich muss lächeln. Trotzdem versuche ich der Sache nicht mehr Bedeutung als nötig zu schenken. Ella bleibt noch ein bisschen, aber wir reden nicht mehr über das Vorgefallene. Ich beschließe sie noch ein Stück zu begleiten. Sie schiebt ihr Fahrrad, wir schlendern unsere Auffahrt hoch. Papa biegt ein und hält neben uns an.
„Servus Ella“, begrüßt er sie, während er mich musternd ansieht. „Servus Anna. Mama hat mir von deinem Unfall gestern erzählt. Wie geht denn das auf einer kerzengeraden Straße?“
„Hallo…Ja… Weiß ich auch nicht.“ Ich senke meinen Blick.
Er verdreht genervt die Augen. „Das Fahrrad habe ich heute in den Ort zum Reparieren gebracht, jetzt musst du halt ein paar Tage ohne auskommen.“
Ich nicke. „Danke…Ja… Ich gehe zu Fuß.“
„Oder du bleibst einfach daheim.“
Ohne meine Antwort abzuwarten fährt er weiter. Ich schließe kurz meine Augen. Das wäre ihm das Liebste. Mich daheim einsperren. Sicher. Ella kommentiert die Ansage meines Vaters nicht, sie kennt ihn lange genug.
„Ich kann meine Mama morgen fragen ob sie uns zum See fährt, wenn du willst.“
„Es geht auch zu Fuß. So weit ist es ja nicht. Treffen wir uns vorne an der Kreuzung zur Hauptstraße?“
Sie nickt und drückt mich zum Abschied. Gerade als sie losradeln will, höre ich ein Moped. Ich höre es schon ehe ich es sehe und trotzdem beginnt mein Herz sofort schneller zu schlagen. Ella bleibt noch einmal stehen und sieht mich mit großen Augen an.
„Vielleicht ist er das?“ Ihre Augen verdrehen sich dabei vielversprechend.
Noch bevor sie den Satz zu Ende gesprochen hat, weiß ich das er es ist. Ich erkenne ihn.
„Er ist es…“, murmle ich leise.
Ella schmunzelt und fährt los. Ich will ihr noch hinterherrufen wie sie mich jetzt einfach so allein hier stehen lassen kann, doch da ist sie schon dahin und die Vespa hält neben mir. Er nimmt seinen Helm ab, fährt sich durch die Haare und lächelt mich an. Ich muss zusehen, dass mir der Mund nicht offensteht.
„Hi“, lächelt er immer noch. Dabei strahlen seine Augen, mir wird ganz komisch.
„Hallo“, erwidere ich und habe Angst, dass meine Stimme versagt.
„Bist du ok? Ich habe dich heute nicht am See gesehen.“ Er sieht auf mein Bein.
Ich nicke zaghaft und weiß nicht Recht was ich sagen soll. In einer klaren Sekunde fällt mir ein, dass ich mich bedanken sollte.
„Danke für deine Hilfe gestern. Das war echt nett.“
„Ich habe nicht wirklich geholfen. Du wolltest dir ja nicht helfen lassen.“
„Doch…Es war echt nett von dir. Ist ja nichts passiert.“
Er legt seinen Kopf zur Seite. Seine Augen strahlen. Wow….
„Anna, nicht wahr?“
Das Anna sagt er dabei nicht wie es hier bei uns ausgesprochen wird, sondern mit seinem englischen Akzent. Das klingt irgendwie besonders. Ich nicke.
„Kommst du mit? Wir wollen noch grillen bei unserem Ferienhaus.“
Mir bleibt fast das Herz stehen. Ich? Mit ihm mitfahren? Gott…
„Ich?... Ich kann nicht…Leider…aber Danke für die Einladung“, sage ich fast ein bisschen zu schnell.
Er zuckt etwas enttäuscht mit den Schultern. Ich würde schon gern. Ja. Sicher. Zwar nicht in meinem Aufzug und nicht ganz so spontan, aber natürlich will ich ja sagen.
„Darf ich dich denn heute nach Hause bringen?“
Ein weiterer Stich. Ich bekomme fast keine Luft. Möglichst unbemerkt hole ich Luft.
„Ich habe nur ein paar Meter“, sage ich dann schnell.
„Ok.“ Wieder scheint er enttäuscht über meine Abfuhr zu sein.
Er setzt seinen Helm auf und ich befürchte gerade alles falsch gemacht zu haben. Eine seltsame Panik steigt in mir auf. Wenn er jetzt wegfährt, was dann?
„Aber ich komme morgen wieder zum See“, sage ich darum schnell. Es klingt so plump, dass mir sofort die Schamesröte ins Gesicht steigt.
„Morgen?“ Er lächelt wieder. Zum Glück. Ich nicke.
„Ok. Dann sehen wir uns morgen“, meint er.
Wieder nicke ich. Vermutlich viel zu offensichtlich und euphorisch. Ich kann nichts mehr sagen und meine Knie fühlen sich etwas wackelig an. Er startet die Vespa, ich bekomme kaum Luft, so komisch fühle ich mich.
„Ich heiße übrigens Julian“, sagt er noch und zwinkert mir dabei zu. „Bis morgen Anna.“
Ich kann nichts mehr sagen. Er fährt los. Julian. Nicht wie Julian, sondern wie das englische Julian. Ich sehe ihm perplex hinterher. Er dreht sich noch einmal um und winkt mir zu. Verlegen erwidere ich es. Wie von selbst gehe ich los. Julian. Wow… Er sieht so gut aus. Braungebrannt. Coole Haare. Lässige Shorts. Unglaublich schöne Augen. Wow…
Anna
Auch wenn ich nur zum See gehe, habe ich heute mehr Zeit als sonst damit verbracht mein Outfit auszusuchen. Sogar meine Haare habe ich besonders schön geföhnt. Auch wenn das vermutlich nicht viel bringt, weil ich bei der Hitze und dem Fußmarsch zum See sowieso gleich zu schwitzen beginne. Aber egal. Ich bin nervös. Nervös, aufgeregt und aufgedreht. Ella wartet wie abgemacht bei der Kreuzung auf mich. Sie grinst mir schon von weitem entgegen.
„Und? Was hab ihr geredet?“, fragt sie voller Neugier.
„Nicht so viel…“, lächle ich.
„Nicht so viel? Dafür strahlst du aber ganz schön.“
„Er hat gefragt ob ich ihn zum Herzog Hof begleite, zum Grillen.“
„Echt? Cool. Du bist aber nicht mitgefahren“, sie seufzt.
Ich schüttle den Kopf.
„Aber er ist auch heute wieder am See.“ Ich muss immer noch lächeln. Es lässt sich irgendwie nicht abstellen.
„Darum hast du dich heute so rausgeputzt.“ Sie gibt mir einen kleinen Schubs.
„Vielleicht“, schmunzle ich.
„Na dann. Setz dich auf den Gepäcksträger, bevor sich Janine wieder an ihn ranschmeißt.“
Janine, die hatte ich schon ganz vergessen. Sie passt gar nicht zu ihm. Glaub ich zumindest. Vielleicht war er auch nur nett zu mir wegen dem Fahrradunfall. Ich setze mich auf den Gepäcksträger und hoffe das und so keiner sieht. Zumindest ist es angenehmer als bei der Hitze zu laufen. Beim See angekommen bin ich richtig nervös. Ich sehe mich kurz um, aber von den Vespas keine Spur. Er ist also noch gar nicht hier. Etwas enttäuscht gehen wir durch den Cafebereich über die große Liegewiese zu unserem gewohnten Platz. Wir sind früh dran, heute sind noch gar nicht viele Leute hier. Er kommt bestimmt noch. Ich lege mein Handtuch im Schatten auf, meine Schürfwunden sehen heute auch noch schlimm aus. Es haben sich dicke Krusten gebildet, ganz und gar nicht sexy. Zumindest mein neuer Bikini ist sexy. Glaub ich zumindest. Ich habe ihn vor ein paar Wochen in Graz gekauft. Er ist türkis und hat einen tollen Schnitt, weil ich schon ziemlich braun bin, sieht es echt gut aus.
„Anna…Sag mal, heißes Teil!“ Ella kneift mir in den Po, was mich kurz aufquietschen lässt.
Ich zupfe am Oberteil. „Nicht zu knapp?“
Sie beißt sich lasziv auf die Unterlippe. „Heiße Möpse Baby“, grinst sie.
Ich schüttle den Kopf und lasse mich aufs Handtuch fallen. Es ist ein eigenartiges Gefühl, wie ich mich dabei erwische immer wieder zum Eingang zu schielen. ob er kommt. Ich bin normal nicht so. Es gab zwar so manchen Burschen der mir in der Vergangenheit gefiel, aber es war nie wirklich etwas Ernstes. Wenn ich an Julian denke, bekomme ich Herzklopfen. Das ist komisch, ich kenne ihn ja gar nicht. Ich ziehe mein Buch aus der Tasche und versuche nicht mehr an ihn zu denken. Ella ist ins Wasser gegangen, ich habe keine Lust und lege mich stattdessen auf den Bauch um die Sonnenstrahlen auf meinem Rücken zu genießen und meine Schürfwunden zu schonen. Ein bisschen Sonne wird schon nicht schaden. Ich schließe meine Augen und lausche der Geräuschkulisse die mich umgibt. Eine Mischung aus Pommes und Sonnenmilch strömt durch meine Nase. Ich atme tief ein und aus, als ich vor Schreck zusammenzucke, weil etwas Kaltes meinen Rücken berührt.
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