„Wie ist denn das passiert?“, fragt sie als ich zusammenzucke, weil das Spray fürchterlich brennt.
Ich schließe kurz meine Augen. „Der Riemen von meiner Tasche hat sich verfangen.“
Es lässt sich nicht verhindern, dass ich trotz dem Brennen lächeln muss. Ich habe noch nie solche Augen gesehen. Wunderschöne, fast durchscheinend und aus seinem Gesicht stechende hellblaue Augen. Er ist echt nett. Aber was will er mit Janine? Das verstehe ich absolut nicht.
„Ich glaube mein Fahrrad hat einen Achter…“, murmle ich.
Mama seufzt, sagt sonst aber nichts mehr. Nach ein paar Minuten hat sie alles sauber gemacht und ich bin froh endlich unter der Dusche zu stehen. Die Schürfwunden brennen zwar ordentlich, aber das vergesse ich gleich wieder, wenn ich an das schöne Lächeln denke. Ich weiß nicht einmal wie er heißt. Ich hätte freundlicher sein können. Dankbarer. Ich hätte ihn nach seinem Namen fragen sollen. Mein Gesicht unter den Wasserstrahl haltend schüttle ich den Kopf. Mist. Selbst wenn ich die Augen schließe ist er noch da. Ich seufze und greife an die Stelle an meiner Wange über die seine Finger strichen.
Kurz nach neun liege ich im Bett. Mir tut alles weh und trotzdem schlafe ich mit einem Lächeln auf den Lippen ein.
Anna
Ich wach auf und versuche mich vorsichtig durchzustrecken. Wie erwartet tut mir heute noch immer alles weh. Wenn ich ehrlich bin, sogar mehr als gestern. Ich steige aus dem Bett und gehe zum Fenster um den Vorhang zu öffnen. Meine Schürfwunden sehen nicht wirklich gut aus. Es zieht und brennt fürchterlich. Ich reibe mir die Augen und wuschle meine Haare mit den Händen durch. Nachdenklich streiche ich mit dem Zeigefinger über meine Wange. Ich schließe meine Augen und lächle.
Kurz nach acht gehe ich nach unten in die Küche und mache mir eine Tasse Kakao. Durch das offene Küchenfenster sehe ich Mama die im Garten arbeitet. Es wird heute wieder heiß, die Sonne strahlt schon ausgelassen und der Duft der warmen Luft fährt durch meine Nase. Ich nippe an meiner Tasse. Keine Ahnung ob ich so zum See kann. Mir tut alles weh, vermutlich wäre es besser im Haus zu bleiben.
„Guten Morgen“, lächelt mich Mama an, die mit einer Schüssel voll Gemüse in die Küche kommt.
„Guten Morgen“, erwidere ich ihr Lächeln. Sofort sieht sie musternd auf meine Wunden.
„Das sieht nicht so gut aus Anna.“
„Das ist nichts. Es sieht schlimmer aus als es ist.“
„Dein Vater meinte er muss den Vorderreifen von deinem Rad tauschen. So kannst du nicht mehr damit fahren.“
Ich nicke wortlos und bin froh darüber ihm weder gestern Abend, noch heute Morgen begegnet zu sein.
„Du solltest heute aber sowieso nicht in die Sonne gehen und schon gar nicht ins Wasser.“
„Ich kann mich in den Schatten setzen. Ella wartet doch auf mich.“
Sie zieht die Augenbrauen hoch. „Du bist auch ganz blass. Bleib heute besser zu Hause.“
Auch wenn ich es nicht zugeben will, Mama hat vermutlich Recht. Die Sonne und die Hitze würden mir heute nicht wirklich guttun. Ich seufze hörbar. Gerade heute möchte ich so gerne wie selten zuvor an den See. Nachdem ich Ella angerufen habe, die es ziemlich schade findet, dass ich nicht komme, aber froh ist, dass bei meinem Sturz nicht mehr passiert ist, stelle ich mich unter die kalte Dusche. Das kühle Wasser läuft über meine Schultern, ich greife mir an den Kopf der immer noch ein bisschen weh tut. Ob er heute auch wieder am See ist? Er hat so ein schönes Lächeln. Ich schließe meine Augen und amte durch. Es ist doch gar nicht wichtig ob er dort ist oder nicht. Ich sollte mich nicht damit beschäftigen. Wozu auch? Ich steige aus der Dusche und betrachte mich in ein Handtuch gewickelt vor dem Spiegel. Ich bin froh, dass meine Haare nach einer mir heute unverständlichen Aktion vor ein paar Monaten wieder länger geworden sind. Damals habe ich mir eingebildet sie müssen abgeschnitten werden. Ich bin nach der Schule in einen Frisörsalon in Graz gegangen. Einfach so. Ohne viel darüber nachzudenken. Es waren bestimmt mehr als fünfzehn Zentimeter. Mein Vater hat fast durchgedreht, als ich so nach Hause kam. Nein, nicht fast, er hat definitiv durchgedreht. Jetzt sind sie zumindest wieder soweit nachgewachsen, dass ich sie zusammenbinden kann. Ich würde so gerne ein paar Strähnchen in mein fades dunkelbraun machen lassen, aber auch das würde bei meinem Vater nicht gut ankommen. Ich schüttle den Kopf und sehe dabei mein Spiegelbild an. Ich bin jetzt fast achtzehn und komme mir vor wie ein Baby. Wie ein Vogel eigensperrt in einem goldenen Käfig. Ja ich habe alles was ich brauche, eigentlich sogar mehr. Doch was ich will, bekomme ich nicht. Meine beiden Brüder sind lange aus dem Haus, beide sind viel älter als ich. Als Nachzüglerin sitze ich jetzt in diesem Haus und hasse mein Dasein manchmal wirklich. Ich beneide meine Brüder die im Ausland leben. Paul ist Kellermeister auf einem großen Weingut im französischen Burgund und Sebastian lebt schon lange in New York, wo er für ein große Softwarefirma arbeitet. Er hat eine Amerikanerin geheiratet und inzwischen ein kleines Mädchen, das ich noch nie live gesehen habe. Die beiden sehen wenig Anlass zurück in die Steiermark zu kommen. Meine Mama leidet sehr darunter. Sie würde ihre Enkelin gerne sehen und ihre Söhne auch. Keine Ahnung ob ich auch weg gehe wenn ich die Matura in der Tasche habe. Ich bin schon froh, dass ich auf die Ortweinschule gehen durfte. Mama musste Papa dafür wochenlang gut zureden. Kunst und Design, was für ein Blödsinn hat er immer wieder gesagt und er ist bei seiner Meinung geblieben. Ich hätte besser etwas Bodenständiges machen sollen. Künstler. Fotos machen. Wozu soll das gut sein? Das höre ich fast jeden Tag. Ich liebe allerdings genau das. Es macht mir Spaß die Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen und durch die Linse einer Kamera lässt sich das sehr gut umsetzten. Die Welt ist so viel mehr als man mit den Augen sehen kann. Viele Dinge sind schön, auch wenn man das nicht auf den ersten Blick erkennt.
Ich helfe Mama ein bisschen in der Küche, danach verkrieche ich mich in meinem Zimmer. Der Tag scheint endlos zu sein, die Zeit vergeht einfach nicht. Gerade als ich in den Garten gehen will, weil es ein bisschen kühler geworden ist, klopft es an meiner Tür. Ella steckt den Kopf ins Zimmer.
„Hey…Wie geht es dir?“, fragt sie und zieht beim Anblick meiner Schürfwunden die Augenbrauen hoch.
„Hey…Geht schon…Wie schön, dass du vorbeikommst!“ Ich springe auf und falle ihr um den Hals.
„Scheiß Fahrrad…“, murmelt sie und mustert meine Verletzungen. „Kommst du morgen wieder mit zum See?“
„Ich wäre heute schon gern gekommen, aber Mama meinte das wäre nicht so gut.“
Ella nickt seufzend.
„War etwas Besonderes heute?“, frage ich vorsichtig, während wir nach unten gehen. Ich nehme zwei Eis für uns aus dem Gefrierfach, bevor wir in den Garten gehen. Wir setzen uns auf die Bank unter dem schattigen Kirschbaum. Ella schüttelt den Kopf.
„Nein…Ohne dich ist es ja sowieso fad.“
Ich nicke. „Waren die Jungs die am Herzoghof wohnen auch wieder dort?“ Meine Stimme ist ganz leise und die Frage fast beiläufig.
„Ja. Die waren auch dort.“
„Aha. Janine auch?“
„Ich glaub schon. Seit wann interessiert dich Janine?“
„Sie interessiert mich nicht.“
Ella beugt sich neugierig zu mir. „Und darum fragst du mich nach ihr?“
Verlegen zupfe ich an meinem Shirt. „Einer von den Jungs hat mir gestern geholfen nach dem Sturz.“ Ich merke wie meine Wangen heiß werden.
„Ok…Und?“, Ella sieht mich grinsend an.
„Er war nett“, füge ich hinzu.
„Nett…Ach so. Und darum bist du jetzt so rot geworden?“
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