Ioannis hatte währenddessen von dem Geld seines Bruders in Frankreich gelebt. Das Motorrad hatte er wohl auch verkauft. Ein paar Wochen vor der Geburt kam er mit Philos im Bus zu uns nach F. Die wenigen Tage, bis Yiayia auszog, stritten sie sich ununterbrochen. Ioannis verlangte wieder Geld von seiner Mutter. Als sie sich weigerte, eine größere Summe zu zahlen, musste ich mich erneut an meine Eltern wenden. Aber sie wollten uns kein Bargeld geben, sondern eine Waschmaschine kaufen. Ioannis war empört. Diese Brosamen konnten sie behalten.
Seine Mutter erreichte beim Vermieter, dass die Wohnung an uns überging. Als Yiayia auszog, ließ sie eine fast leere, triste Wohnung zurück, überreichte mir aber eine Minimalausstattung Babykleidung, mit der ich mich reich beschenkt fühlte. Ich selbst lief Tag für Tag in derselben, alten pinkfarbenen Latzhose herum und ließ jeden Monat einen weiteren Knopf offen stehen.
Ioannis stand mit dem Rücken zur Wand. Er hatte keinen Plan und ließ seine Gereiztheit an mir aus. Mein Magen schloss sich wieder, und ich wurde noch dünner.
Ioannis war der Ansicht, Sex während der Schwangerschaft schade dem Kind und bemühte sich daher emsig, Ersatz für mich zu finden. Wenn er keine Frau auftrieb, musste notgedrungen ich herhalten. Aber er hatte wieder öfter Erfolg und schleppte einige Eroberungen an. Ich verstand selbst nicht, warum ich darunter litt, im Nebenzimmer zu liegen und alles mitanzuhören. Einerseits hasste und fürchtete ich Ioannis. Andererseits war er der einzige und damit faktisch der wichtigste Mensch in meinem Leben. Und es war in Ioannis' Interesse, dass das so blieb.
Seit Ioannis' Rückkehr hatte ich aus Zeitmangel aufgehört zu lernen, und außerdem kollidierten die Vorlesungen am Samstag mit seinem Wunsch nach Bedienung. Ioannis quetschte sich in jede Ritze meines Seins und ließ mir kaum Luft zum Atmen. Er hielt mein Hamsterrad Tag und Nacht am Laufen, und während ich lief, nährte er meine Schuldgefühle, indem er mir die Last meiner nichtsnutzigen Existenz vor Augen hielt, die er nun auf seinen Schultern tragen musste, und vertiefte so mein Minderwertigkeitsgefühl durch seine unablässigen Beanstandungen von allem, was ich tat, sagte und dachte. In Kombination mit dem Schlafmangel und der völligen sozialen Isolation die perfekten Rahmenbedingungen für eine Gehirnwäsche. Und trotzdem bewahrte ich mir einen geheimen Raum für mich selbst, in dem ich mich ihm entgegenstellte, ihn stumm kritisierte und seine eigene Unfähigkeit, Gewalttätigkeit und brutalen Egoismus anprangerte.
Zum Service für Ioannis gehörten auch stundenlange Massagen seiner verspannten Schultern, während ich seinen langatmigen Exkursen über esoterische Fragen oder Lösungsmöglichkeiten unseres existentiellen Dilemmas zuhören musste, die sich bis zum Morgengrauen hinzogen. Außerdem hatte ich begonnen, recht erfolgreich für einen Weinhändler Telefonakquise zu betreiben, wann immer etwas Zeit dafür übrig blieb.
Während eines Gespräches blickte ich auf und sah Ioannis direkt an und warf ihn mit meinem Blick unbeabsichtigt buchstäblich auf den Rücken. Er schnappte nach Luft und war sichtlich beeindruckt, regelrecht verschreckt, im Gegensatz zu mir, die ich das Geschehen gar nicht wirklich realisierte. Vielleicht erahnte Ioannis schon Jahrzehnte früher als ich eine Kraft in mir, die er mit allen Mitteln erschöpfen und kleinzuhalten suchte.
Der Geburtstermin rückte näher, und ich machte eine Hebamme ausfindig. In einem luziden Moment dachte ich mir, dass nur ein blitzblank geputztes Bad die Dürftigkeit unserer Einrichtung kompensieren könne. Tatsächlich ging die Hebamme bei ihrem Besuch als Erstes auf unsere Toilette. Sie war eine ältere, mit Armut vertraute Frau und willigte ein, die Hausgeburt zu begleiten. Sie gab mir auch den Tipp, die Babywäsche in einem großen Topf zu kochen, als sie sah, dass wir keine Waschmaschine besaßen.
Ioannis bat seine Mutter, aus Griechenland zu kommen, um mir mit Rat und Tat beizustehen. Kaum war sie gelandet, bedrängte Ioannis sie ununterbrochen mit Geldforderungen. Sie gab ihm eine Menge, aber es war ihm nie genug.
Als die Wehen einsetzten und sich in schnellem Tempo steigerten, rief ich die Hebamme. Da wir nur Matratzen besaßen, legte ich mich zur Untersuchung auf einen Tisch, den wir ins Wohnzimmer gestellt hatten. Schon Minuten später schoss das Baby schreiend, mit vorgestrecktem Arm und geballter Faust, wie Superwoman aus mir heraus. Das kleine Mädchen war gesund und hatte erstaunlicherweise meine hellen Farben mitbekommen.
Bald hielt ich sie in meinen Armen. Vorsichtig, ehrfürchtig und voller Sorge, diesem winzigen, kostbaren Wesen ungewollt Schaden zuzufügen. Wir nannten sie Sophia, unsere kleine Göttin der Weisheit.
***
6
Die ganze Nacht trug ich Sophia herum wie eine chinesische Vase. Jeder Handgriff war ungewohnt und mit der Furcht verbunden, etwas falsch zu machen. Am Morgen schlief die Kleine endlich neben mir ein. Ioannis brachte mir tatsächlich ein Frühstück ans Bett! Aber als ich das halbrohe Ei mit wenig Begeisterung betrachtete, bereute er seine Geste sofort. Ab da scheuchte er mich herum wie eh und je und machte deutlich, dass ich als Mutter auf keine Sonderrechte zu hoffen brauchte.
Da Sophia sofort zu weinen begann, wenn ich sie ablegte, versuchte ich mit dem Baby auf dem Arm Sophias Bedürfnissen und Ioannis' Ansprüchen gerecht zu werden. Yiayia konnte mir keine große Hilfe sein. Schon nach wenigen Tagen wurde sie von Ioannis bezichtigt, die Kleine mit dem bösen Blick belegt zu haben. Empört reiste sie nach Griechenland zurück.
Dass Sophia unruhig war, wunderte nicht. Zu der äußeren Unruhe kam meine innere Getriebenheit. Trotz meiner Müdigkeit fühlte ich mich ständig hektisch, so, als ob all mein innerer Aufruhr und meine unterdrückten natürlichen Impulse sich in motorische Energie übersetzten. Zu der Angst vor Ioannis‘ Gewaltausbrüchen gesellte sich jetzt die Angst um Sophia – sie war so klein und zart und schien so verletzlich.
Dagegen wirkte Ioannis wie ein ruhender Pol. Wenn er Sophia gemächlichen Schrittes umhertrug, ihr griechische Kinderlieder vorsang und sie gurrend mit Kosenamen überhäufte, entspannte sie sich meist sofort. Er erschien mir auf eine Weise zärtlich, wie ich es noch nie in meinem Leben kennengelernt hatte. Neben ihm fühlte ich mich unbeholfen, gehemmt und ungenügend in meinem Umgang mit Sophia. Dadurch wurde mein Verhältnis zu Ioannis zusehends widersprüchlich. Neben meinem heimlichen Widerstand gegen ihn bekam ich das Gefühl, Ioannis zu brauchen, damit Sophia alles erhielt, was sie für eine gesunde Entwicklung benötigte. Ich begriff damals noch nicht, dass die Liebe eines Menschen wie Ioannis immer nur zerstörerisch sein konnte.
Aber es war nicht nur der Vergleich mit ihrem Vater, durch den ich mich als Mutter so ungenügend fühlte. Sophia war so kostbar, so wunderbar, und ich spürte eine riesige Kluft zwischen ihrem und meinem eigenen Wert. Das war für mich einfach eine Tatsache. Ich liebte Sophia und war dankbar und glücklich, ihr dienen zu dürfen mit allem, was ich zu geben vermochte. Und wenn das, was ich zu geben hatte, von keiner hohen Qualität war, dann war ich bereit, diesen Mangel durch Anstrengung zu kompensieren.
Für Ioannis gab es jetzt endlich einen Menschen, dem er gefahrlos sein Herz öffnen konnte. An der Art, wie er mit Sophia umging, konnte man erahnen, wie viel Liebe er in seiner Kindheit erhalten hatte, bevor er als vergötterter Prinz vom Thron gestoßen wurde. Genau wie ich entwickelte er eine übergroße Vorsicht um Sophias Wohlergehen, und das verband mich mit ihm. Wenn er einmal freundlich und umgänglich mit mir war, verspürte ich sogar ein schlechtes Gewissen wegen meiner heimlichen Gefühle ihm gegenüber. Aber wie bei allem hörte sein Engagement für Sophia da auf, wo seine Bequemlichkeit und sein Eigeninteresse begannen. Er kümmerte sich um die Kleine, wenn er Lust und Laune hatte. Anstrengung und Arbeit gehörten in mein Ressort.
Читать дальше