Am Abend sprachen Thalia und ich über die „Arbeit an sich selbst“. Ich nahm meine Funktion als erfahrenere Schülerin ernst. Das lag nicht nur an Ioannis‘ Erwartung, sondern vor allem an Thalias aufrichtigem Wunsch, weiterzukommen. Ihre durchdachten Fragen zwangen mich zu durchdachten Antworten, aber das gefiel mir. Thalia begann mich zusehends zu respektieren, und wir mochten uns auf eine herbe Art. Sophia gegenüber zeigte sich Thalia, eigentlich nicht der mütterliche Typ, überraschend freundlich und geduldig. Einmal in der Woche durften wir gemeinsam eine Haschischpfeife rauchen. Das war unsere einzige Zerstreuung. Endlich konnten wir all die Regeln vergessen und waren unglaublich albern. Thalia erzählte mir von ihren Freiern, darunter viele Araber, die ihr unter anderem die Perserteppiche geschenkt hatten, die sie im Kombi mitgenommen hatte und auf denen wir jetzt saßen. Über ihre Familie erzählte Thalia wenig, aber besonders liebevoll schien es in ihrem Leben auch nicht zugegangen zu sein.
Für Kontakte mit den Einheimischen gab es keine Freiräume. Wir grüßten unsere Nachbarn freundlich, und ich registrierte angenehm berührt, dass die Dorfbewohner unsere Präsenz mit scheinbarer Selbstverständlichkeit hinnahmen. Nirgendwo im Ausland hatte ich mich je so wohl gefühlt wie unter den Kanaren. Aber alle paar Wochen mussten Sophia und ich zu Ioannis fliegen.
Er war zufrieden mit der Entwicklung der Dinge und entsprechend entspannt und freundlich. Anfangs freute sich Sophia noch, ihren Papa wiederzusehen, bald wollte sie lieber bei Thalia bleiben. Sophia spielte jetzt ständig, sie sei wieder ein Baby. Außerdem begann sie, trotzig zu werden und nach mir zu schlagen und zu treten. Ich war bestürzt und ratlos. War das Kind von dem Hin und Her und den ständigen Veränderungen überfordert? Oder begann sie sich an Ioannis‘ Ausbrüchen ein Vorbild zu nehmen, auch wenn er mich in ihrer Gegenwart nur anschrie, aber nicht schlug? Mit der Rückkehr nach Gran Canaria hörte Sophias Jähzorn immer schlagartig auf, aber sie entwickelte Angst vor dem Alleinsein und die Angst, ich könne weggehen oder sterben. Ich hatte für diese Ängste keine Erklärung; Sophia wurde doch nie alleingelassen. Sie verband sich mit mir durch ununterbrochene Sprechspiele, in denen sie oft die Rolle eines strengen Polizisten übernahm.
Wenn Ioannis das Gefühl hatte, dass Thalia etwas Spezialzuwendung brauchte, ließ er sie für eine Woche zu sich kommen und ich blieb mit Sophia alleine auf Gran Canaria. Diese Zeiten waren wie Urlaub für mich.
Kurz nach Sophias viertem Geburtstag ging die Episode Gran Canaria auf Ioannis' Wunsch zu Ende. Wir flogen zurück, und Thalia folgte im Auto und zog zu uns.
Wir waren jetzt oft mit vier Personen und den großen Hunden in der kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung. Thalia teilte sich mit Sophia und mir das Wohnzimmer. Mich störte die Enge nicht. Für mich konzentrierte sich aller Stress auf Ioannis. Aber die eigenbrötlerische Thalia belastete diese Situation sicher, auch wenn sie es nicht zeigen durfte. Ihr eigenes geräumiges und sehr schönes Studentenzimmer in einem Altbau hatte Ioannis für sich als Refugium beansprucht. Er nutzte es als Abschlepp-Dependance und auch, um dem Gewimmel bei uns zu entkommen.
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