Ioannis schien große Angst vor der marokkanischen Polizei und deren Gefängnissen zu haben und drängte zum sofortigen Aufbruch. Wir warfen nur das Nötigste in den Bus und machten uns auf den Weg nach Tanger, er auf dem Motorrad, ich im Bus. Wie immer hatte Ioannis meinen Pass eingesteckt und mir nur wenig Geld zum Tanken mitgegeben. Wir verabredeten Etappenziele, wo wir uns trafen. Einmal wurde das Auto an einer einsam gelegenen Tankstelle in der wüstenartigen Landschaft offensichtlich falsch betankt, und kurz darauf fing der Bus an zu stottern. Ich kam nur schleppend voran und der Bus schien kurz vor dem Kollaps zu sein. Dann teilte sich die Piste in zwei Sandwege, die sich am unendlichen Horizont verloren. Kein Schild, glühende Sonne und ein Gefährt kurz vor dem Liegenbleiben. Ich stieg aus und sah mich ratlos um. Da kam ein alter Berber auf mich zu. Er erkannte wohl mit einem Blick meine verzweifelte Lage. Mit Gesten beschrieb er mir die Route zu meinem Ziel. Aber gleichzeitig vermittelte er mir mit seinen klugen, wohlmeinenden Augen Sicherheit und Ruhe. Alle Panik fiel von mir ab. Ich war diesem Mann so dankbar. Er wog die Tausende von lüsternen Widerlingen auf, denen ich in Marokko begegnet war.
***
5
Auf der Fahrt zurück war Ioannis wesentlich erträglicher. Jetzt hatte er eine Vorgabe, und das marokkanische Haus spiegelte ihm nicht länger sein Versagen. Wir setzten nach Spanien über, und Ioannis mietete ein bescheidenes Ferienhäuschen am Strand. Er fuhr täglich nach Malaga und nahm seine Jagd auf Frauen wieder auf.
Er war gut gelaunt und ich atmete etwas auf. Dann spürte ich ein Ziehen in meinen Brüsten und wusste sofort, dass ich schwanger war. Erstaunlicherweise wusste ich auch sofort, dass ich das Kind behalten wollte, obwohl mir der Bezug zu Kindern fehlte und ich mich noch nie als künftige Mutter gesehen hatte. Der Schwangerschaftstest fiel positiv aus, und zu meiner Überraschung reagierte auch Ioannis positiv. Es fiel mir leicht, sofort das Rauchen aufzugeben.
Dann eröffnete mir Ioannis, dass wir kaum noch Geld hätten, ich müsse meine Eltern anpumpen. Dieser „Gang nach Canossa“ war mir furchtbar, hatte ich mich doch über ein Jahr nicht bei meiner Familie gemeldet. Und jetzt sollte ich um Geld betteln. Ioannis instruierte mich genau, was ich zu sagen hätte. Ich spulte also das Märchen vom Motorschaden runter, und nach langem Bitten schickten uns meine Eltern Geld.
Inzwischen hatten wir begonnen, einen sehr dünnen, scheinbar herrenlosen Schäferhund zu füttern. Kurz darauf sahen wir ihn in Begleitung einer jungen Frau, der er offensichtlich gehörte. Als wir nun unser Ferienhaus verließen, um Richtung Frankreich zu fahren, fühlten wir uns moralisch dazu berechtigt, den schlecht genährten Hund mitzunehmen. Ioannis nannte ihn „Philos“, nach dem außergewöhnlichen Schäferhund, den Gurdjieff einst besessen hatte.
Kurz nachdem wir losgefahren waren, ergab sich eine schicksalsträchtige Situation: Wir trafen uns zu einer kurzen Rast, und Ioannis machte mir wieder wegen irgendetwas Vorhaltungen. Wir standen uns gegenüber – ich vor dem Bus, er vor seinem Motorrad. Ioannis musste mir wohl angesehen haben, wie genervt und überdrüssig ich seiner war. Er stellte mich ganz ruhig vor die Wahl, ab genau hier meiner eigenen Wege zu gehen. Ich wusste, dass er es in diesem Moment ernst meinte und mich hätte ziehen lassen. In wenigen Sekunden versuchte ich, für mich und das Baby eine Zukunft ohne ihn zu sehen. Hätte es irgendeinen Unterschlupf für uns gegeben, sei es bei Verwandten oder Freunden, oder hätte ich damals schon von der Möglichkeit institutioneller Hilfe gewusst, ich wäre gegangen. Aber mir fiel niemand ein, zu dem ich mit dem Kind hätte gehen können oder wollen, ich fühlte mich vollkommen allein. Meine Eltern waren für mich keine Option.
Und so blieb ich.
Ioannis hatte einen griechischen Freund, der in einem Dorf in der Provence lebte und ein Grundstück im Grünen mit einer Höhle besaß, in der Ioannis mit mir hausen wollte. Sein Freund überließ uns gerne sein abgelegenes Naturrefugium. Die Höhle war ca. fünf Quadratmeter groß. Ein breites Brett diente als Hochbett, in dem Ioannis schlief; ich schlief am Boden auf einem Strohsack. Die Höhle war bevölkert von Skorpionen, die sich in den Ritzen der Felswände versteckten. Ioannis gipste den oberen Teil der Höhle zu, den er selbst bewohnte. Unten tummelten sich weiterhin die Skorpione, aber die machten mir weniger Angst als Ioannis' plötzliche Stimmungswechsel. Oft haderte er mit seinem Schicksal: Das Geld war knapp, und nach M. konnte er nach der Sache mit Solon nicht wieder zurück. Mit meiner Fahnenflucht aus Sète hatte ich einen hohen finanziellen Gewinn für ihn vereitelt und trug schwere Schuld an seiner Lage.
Jeden Nachmittag fuhr Ioannis fort, und irgendwann brachte er eine junge Studentin mit, ein unschuldiges, gutherziges Mädchen, das ich sehr mochte. Sie war auf der spirituellen Suche, und Ioannis hatte sich ihr als Lehrer von Gurdjieffs System empfohlen. Als Ioannis mit ihr ins Bett wollte, weigerte sie sich, zumal sie einen Freund hatte. Aber er ließ nicht locker, bis sie nach zwei Wochen nachgab. Danach war sie verstört und verletzt und verließ uns.
Inzwischen war ich im 6. Monat schwanger. Ioannis zerstritt sich mit seinem Freund. Wir verließen die Höhle und campierten auf wunderschönen, üppig grünen Wiesen. Zwei Wochen später eröffnete mir Ioannis, dass wir vollkommen pleite seien. Ausnahmsweise schob er nicht mir die Verantwortung für unsere Lage in die Schuhe. Sein Plan war, mich zu seiner Mutter nach F. zu schicken. Dort sollte ich unterkommen und seinen Bruder bitten, Ioannis Geld nach Frankreich zu senden.
Wir stellten uns an die Straße, und bald hielten zwei junge Männer, die zwar wie die Irren rasten, mich aber netterweise bis zur Haustür von Ioannis' Mutter brachten.
Ioannis' Mutter, die ich fortan Yiayia (Oma) nannte, war eine kleine, drahtige Frau mit durchdringenden, schwarzen Augen, die unvermittelt sehr hart werden konnten. Aber zu mir war sie freundlich und brachte mich im alten Jugendzimmer von Ioannis‘ Bruder unter. Seit sehr langer Zeit gab es wieder geregelte, gemeinsame Mahlzeiten, doch ich hatte Hemmungen, zuzugreifen. Yiayia wollte in Kürze nach Griechenland zurückkehren und ihrem jüngeren Sohn das Pelzgeschäft vermachen. Trotz der Umzugsvorbereitungen lebte ich hier ohne Stress.
Mit dem Leben, das in mir wuchs, begann auch ich wieder zu leben und bereitete mich eifrig, aber mit naiver Unbedarftheit, auf meine Mutterschaft vor. In der Praxis meines Frauenarztes lagen kostenlose Bücher eines Babynahrungsherstellers für werdende Mütter aus, und nach dieser schmalen Lektüre fühlte ich mich gut gewappnet. Zudem besuchte ich einen Stillkurs, in dem ich die totale Außenseiterin blieb. Aber das hatte auch sein Gutes. So bekam ich all die Sorgen und Horrorgeschichten nicht mit, die sich angehende Mütter gerne erzählen, und ging daher der Geburt völlig angstfrei entgegen. Es sollte eine Hausgeburt sein – mein Kind würde nicht in der kalten Atmosphäre eines Krankenhauses geboren werden.
Als Ioannis mir am Telefon vorschlug, eine Ausbildung als Heilpraktikerin zu beginnen, stimmte ich sofort zu. Dieser Beruf interessierte mich, zumal ich in der Lage sein wollte, für mein Kind finanziell zu sorgen. Wahrscheinlich dachte Ioannis allerdings schon daran, dass ich ihn gleich mit ernähren könnte.
Ich wandte mich, weniger gehemmt durch meine seriösen Absichten, an meine Eltern, und sie waren sofort bereit, meine Ausbildung zu bezahlen. Unverzüglich meldete ich mich bei einem Heilpraktiker-Kolleg an, besuchte die Vorlesungen und lernte. Das Kind in meinem Bauch gab mir dafür den Mut und die Zielstrebigkeit. Alle Fürsorge und Verantwortung, die ich für mich selbst nie hatte aufbringen können, mobilisierte dieses Wesen allein durch seine Präsenz, und angesichts meiner Entschlossenheit, für mein Kind zu sorgen, verblasste sogar meine Sozialphobie.
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