Karin und ich kamen uns in dieser Zeit ein bisschen näher. Nur die Telefonate mit Ioannis waren unerfreulich. Über jeden unserer Schritte mussten wir Rechenschaft ablegen, alles wurde kritisiert, wir schienen nur Fehler zu machen, und ich war froh, dass Karin meistens mit Ioannis sprach; sie nahm seine Ausbrüche ziemlich gelassen hin.
Dann ging es los Richtung Griechenland. Der Bus zog extrem schlecht, und kurz vor München gab der Motor seinen Geist auf. Mir schwante, dass das Kichern der beiden Hippies nicht vom Kiffen gekommen war. Ich war froh, dass Karin Ioannis diese Hiobsbotschaft telefonisch überbrachte. Wir mussten ein paar Tage im Bus auf den Ersatzmotor warten und lernten in dieser Zeit zwei lockere Globetrotter kennen. Ich genoss es, Ioannis seine Doppelmoral heimzuzahlen, indem ich mit dem attraktiveren der beiden in die Kiste stieg. Karin würde schweigen. Ioannis' Wut hätte auch sie getroffen. Außerdem verstanden wir uns während dieser Reise recht gut.
Schließlich kamen wir in Athen an. Ioannis war extrem angespannt. Dieses Land schien irgendetwas in ihm anzutriggern. Er fühlte sich von jedem Griechen in einen Ego-Kampf verwickelt und gebärdete sich vor allem im Straßenverkehr wie ein Wahnsinniger. Unzählige Male wollte er sich mit einem verdutzten Autofahrer prügeln, aber zum Glück ging keiner darauf ein.
In der ersten Nacht im Hotel versuchte ich für ein wenig Heiterkeit zu sorgen und erzählte von Karins unmöglichem, exhibitionistischen Bruder. Doch Ioannis fand das gar nicht lustig. Wie hatte ich das zulassen können? Zum ersten Mal prügelte er mich grün und blau. Karin verfiel in Schreckstarre. Am nächsten Morgen war ich so verheult und verbeult, dass ich kaum aus den Augen gucken konnte. Wir drei Kahlköpfe sorgten schon ohne die Spuren von Gewalt in meinem Gesicht für Aufsehen, und ich schämte mich furchtbar.
Seit jenem Abend begann ich Ioannis' Eifersucht zusehends zu fürchten. Sie wuchs mit der Dauer unserer Beziehung. Bald traute ich mich nicht mehr, einem Mann nur in die Augen zu sehen, wenn Ioannis dabei war. Ich fand diese Befangenheit so erschöpfend, dass ich mir manchmal eine Burka wünschte, nur um seinem Dauerverdacht zu entrinnen.
Nach jener Nacht in Athen, in der eine Grenze unwiderruflich überschritten worden war, wurden Schläge zu einem festen Bestandteil der Beziehung zwischen Ioannis und mir. Je größer seine innere Anspannung, desto gefährlicher war er. Bald reagierte ich wie ein Seismograph auf seine Stimmungen, die ohne Vorwarnung umschlagen konnten. Aber alle Vorsicht konnte mich nur bedingt vor Schlägen schützen. Einen Mangel an Aufmerksamkeit oder zur Schau getragenen Respekt konnte ich noch weitestgehend vermeiden. Aber in der Regel waren mir seine Ausbrüche völlig unverständlich. Ein angeblich provokanter Blick, eine angeblich absichtliche Ungeschicklichkeit, ein angeblich abwertendes Wort reichten für ein blaues Auge, einen Tritt oder einen Gegenstand, der mir an den Kopf geworfen wurde. Einmal rammte mir Ioannis eine Gabel in die Hand, ohne dass ich mich überhaupt geregt hätte. Dabei spürte ich deutlich, dass er sich meist noch beherrschte und nur einen Teil seiner Wut herausließ. Wenn ihm dies nicht gelang, wurde es übel.
Vor Ioannis' Wut entwickelte ich eine Angst, die ich schwer hätte erklären können. Körperliche Schmerzen machten mir ja eigentlich nicht viel aus und ich war deshalb auch nicht feige, was Gefahren anging. Die Angst vor Ioannis ging jedoch tiefer als die Angst vor Schmerzen, es war eher wie eine Todespanik. Dieser wahnsinnige Hass während seiner Gewaltausbrüche schien aus einem bodenlosen Höllenschlund emporzusteigen. Und ich wusste instinktiv, dass Widerstand während seiner Gewaltausbrüche nur zwei Optionen zuließ: ihn bewegungsunfähig zu schlagen und unauffindbar zu fliehen oder selbst schwerst verletzt oder getötet zu werden.
Parallel zu seiner Gewalt unterminierte er jeden Widerstand bei mir auch durch grausamen Spott und Bloßstellung. Damit katapultierte er mich zurück in den hilflosen Zustand meiner vorpubertären Zeit: das gebrochene Mädchen, das die Hoffnung auf Liebe und Lebensfreude aufgegeben hatte.
Die Zentrumsgründung war plötzlich kein Thema mehr. Karin und ich hinterfragten nicht, warum. Ioannis zog sich mit uns erst mal in das großzügige Ferienhaus seines Bruders auf Korfu zurück.
Dort unternahm er seine üblichen Jagdausflüge auf Frauen, scheinbar ohne Erfolg. Es war eine öde Zeit, für Karin noch mehr als für mich. Ioannis war ihrer schon so überdrüssig, dass er gar keine Zeit mehr mit ihr verbringen wollte und sie nur in ihrem Zimmer vor sich hinbrütete. Irgendwann schickte er Karin vorläufig mit dem Flieger nach Hause mit der Begründung, sie sei zu negativ. Negativität war sowieso sein Lieblingsstempel. Dieser dämonische Zustand in uns schien nur darauf zu lauern, Ioannis' hehre Absichten zu boykottieren. Und da uns dieser Zustand so unbewusst war wie fast alles andere auch, gab es keine Berufung gegen sein Urteil.
Nach Karins Weggang war Ioannis erleichtert. Wahrscheinlich hatte ihm die Konstellation mit Karin seine Ratlosigkeit als geistiger Lehrer unangenehm vor Augen geführt. Er wollte mit mir Ferien auf der Insel Kefalonia machen und mit Motorrad und Bus kamen wir dort an. Während Ioannis im Café saß, sollte ich den Kühlschrank im Bus anschließen. Doch das Verbindungsrohr zur Gasflasche war defekt und beim Anzünden gab es eine riesige Stichflamme. In null Komma nichts fing das Innere des Autos Feuer. Ich sprang aus dem Bus und sah unter Schock zu, wie unsere Habe restlos verbrannte, bis schließlich der Bus explodierte. Nur sein Geld und seine Papiere trug Ioannis bei sich.
Ich musste mich vor einem griechischen Gericht verantworten, da ich Menschenleben gefährdet hatte. Ich wurde jedoch freigesprochen und flog nach Deutschland zurück, zu Karin. Mein gesamtes Gepäck bestand aus meinem provisorischen Reisepass.
***
4
Karin und ich sollten erneut einen Bus kaufen und herrichten. Dieses Mal gingen wir sehr ernüchtert an die Sache heran. Auf den Kühlschrank wurde verzichtet.
Ioannis hatte Griechenland verlassen und hielt sich inzwischen in Sète in Südfrankreich auf. Ich sollte mit dem Zug zu ihm fahren, während Karin den Bus alleine fertigstellte. Mit meinen stoppelkurzen Haaren und ein paar schlecht sitzenden Klamotten von Karin fühlte ich mich wie ein Alien unter den unbeschwerten, gepflegten Sommergästen, die auf den Straßen flanierten. Nach dem Desaster mit der Explosion hätte ich nicht gewagt, Ioannis um Geld für Kleidung zu bitten.
Ioannis verfrachtete mich in sein Hotelzimmer und ging indes auf Frauenfang. Besonders abgesehen hatte er es auf ein junges Mädchen, das im gleichen Hotel wohnte wie wir. Er brachte das Mädchen auf unser Zimmer und bedrängte sie hemmungslos. Sie schwankte zwischen geschmeicheltem Erdulden und Widerstand. Dieses Spektakel war nicht nur entwürdigend für mich, noch abstoßender fand ich Ioannis mit seiner lächerlichen Aufdringlichkeit. Ich war schon lange nicht mehr in der Position, etwas zu sagen, aber es reichte mir. Meine innere Rebellin kehrte kurz zurück, und am nächsten Tag stahl ich mich davon und trampte zurück nach M. Hier war ich mit meinem Latein am Ende. Zu Karin zu gehen war gleichbedeutend mit einer Rückkehr zu Ioannis, und sonst gab es niemanden mehr, zu dem ich hätte gehen können. Meine Eltern waren keine Option für mich. Christine wohnte noch zu Hause. Ich war in einer Welt aufgewachsen, in der Armut kein Thema war und wusste nicht, dass es so etwas wie Sozialämter oder karitative Einrichtungen gab. Es war die Zeit vor dem Internet und seinen Informationsmöglichkeiten. Ohne reelle Beziehungen war man wirklich allein. Also irrte ich ohne Geld in der Stadt herum und legte mich in der Nacht auf Parkbänke. Obwohl es Sommer war, waren die Nächte kalt und feucht und eine Menge zwielichtiger Gestalten schlich herum. Nach zwei Tagen war ich zermürbt und ging zu Karin zurück. Ich träumte von Kaffee, Zigaretten und einer Dusche. Als Ioannis anrief und ihm Karin von meiner Rückkehr berichtete, bekam er seltsamerweise keinen Anfall. Er war wohl insgeheim froh, dass ich wieder aufgetaucht war. Aber er wuchtete eine neue Last auf meine Schultern: Er hatte mir in Frankreich Geld mitgeben wollen, damit es sein Bruder für ihn in Silber anlegte. Tatsächlich schoss ab diesem Zeitpunkt der Silberpreis in die Höhe. Und ich hatte Ioannis' Chance auf hohe Gewinne zerstört, weil ich einfach abgehauen war!
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