Ich weiß nicht mehr, warum, aber ich sollte meine Schwester über 20 Jahre nicht wiedersehen.
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Ioannis steckte in einer Sackgasse. Ihm war sicher inzwischen klar, dass ich ihn nicht liebte. Er selbst war nur liebesfähig, wenn ein Wesen so schwach war, dass es ihm nicht gefährlich werden konnte. Immer fürchtete er, Verletzbarkeit zu zeigen und sich dadurch auszuliefern. Je wichtiger ich ihm wurde, desto mehr Angst vor Nähe hatte er, und desto mehr musste er mich beherrschen und kontrollieren.
Gleichzeitig waren wir uns an einem Punkt in seinem Leben begegnet, an dem er nicht wirklich weiterwusste. Das Studentenleben war vorbei, seine Freunde etabliert und das Arbeitsamt begann Druck zu machen. Er brauchte eine Perspektive. Niemals hätte er sich in ein Arbeitsverhältnis einfügen können, mit seiner Überempfindlichkeit und seinem Jähzorn. Er konnte keine Form von Kritik und Unterordnung ertragen. Und für eine Selbstständigkeit fehlte ihm der Fleiß. Ioannis sah das natürlich anders. Er hatte besondere Qualitäten – die eines Weltverbesserers. Von seinem Selbstverständnis her blieb ihm nur der höhere Dienst an der Entwicklung der Menschen und ihres Bewusstseins.
Er fokussierte sich auf das System Gurdjieffs und Ouspenskys, zwei esoterischen Lehrern, die strikte Forderungen an ihre Schüler stellten. Ouspenskys Buch Auf der Suche nach dem Wunderbaren war der Einstieg zu Gurdjieffs Ideen und dem Vierten Weg. Laut Gurdjieff besitzt der Mensch weder Einheit, Bewusstsein noch Willen. Wie eine Maschine reagiert er unwillkürlich auf innere und äußere Impulse. Der gewöhnliche Mensch schläft und lebt in einer subjektiven Traumwelt, die geprägt ist von negativen Gefühlen und Gedanken. Der Mensch muss sich durch Überanstrengungen und Selbstbeobachtung von seiner Negativität und seinen Automatismen befreien, um bewusst zu werden. Dafür braucht er über Jahre einen Lehrer, der ihn fordert und führt und dem er sich bedingungslos unterwirft.
Ich fand die Ausführungen Gurdjieffs durchaus plausibel – dass mit mir und anderen etwas nicht stimmte, war ja unbestreitbar. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, sprach Ioannis ausführlich mit mir darüber.
Und dann kam Ioannis' Geniestreich. Er fragte mich feierlich, ob ich seine Schülerin werden wollte. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, da ich Ioannis nicht für einen geistigen Lehrer hielt. Aber mir fiel nichts ein, um Nein zu sagen. Also sagte ich Ja und fühlte mich in meinem seltsamen Pflichtbewusstsein an diese Zusage gebunden.
Mit diesem Wechsel von der Freundin zur Schülerin saß ich komplett in der Falle. Mit dem Status des Lehrers besaß Ioannis uneingeschränkte Macht, und als Lehrer konnte er sich alles herausnehmen, besaß er doch per definitionem höhere Einsicht. Gerade ich, die ich Autoritäten nie hatte anerkennen wollen, sollte bald zu einer Leibeigenen werden.
Ioannis' Lebensplan sah vor, eine Gruppe von Schülern und Schülerinnen um sich zu sammeln und dann ein Gurdjieff-Ouspensky-Zentrum in Griechenland zu eröffnen. Als Erstes schleppte er seine Ex-Affäre Karin an. Sie studierte irgendetwas und ging mir mit ihrer trägen, eitlen Art sofort auf die Nerven. Karin war immer noch scharf auf Ioannis und bereit, unter dem Vorzeichen Schülerin Ideen, und vor allem das Bett mit uns zu teilen. Ioannis taufte mich Astro ( griechisch: Stern) und Karin Ra. Diese Namensgebung fand ich lächerlich und erinnerte mich an Sekten. Aber mein neuer Name zeigte, welche Hoffnungen Ioannis mit mir verband. Ich war nicht begeistert von der Situation, denn auch wenn ich innerlich vereist war, hatte ich doch ein Ego und das rebellierte, wenn Ioannis mit Karin im selben Zimmer schlief. Von Karin verlangte er keine Showeinlagen und begnügte sich mit ihrer wenig expressiven, aber echten Lust.
Doch Eifersucht war Ausdruck des kleinen Ichs, das sterben musste, damit das große Ich geboren werden konnte, erklärte uns Ioannis. Das war ab nun sein Freischein, um auch in meiner Gegenwart ganz unverblümt jede Frau anzubaggern, die ihm halbwegs attraktiv erschien. Natürlich hatten Karin und ich nicht Ioannis' Seins-Ebene, um ebenfalls sexuelle Ungebundenheit praktizieren zu können. Wir lebten zu unserem eigenen Wohlergehen monogam. Mich konnte er damit nicht überzeugen, aber als Schülerin war mein Recht auf Widerspruch verwirkt. Unser Status als Schülerinnen zeigte sich auch darin, dass wir ununterbrochen kritisiert wurden. Ständig stellte Ioannis Forderungen und ständig versagten wir. Anerkennung wurde so selten wie gute Laune unseres Lehrers, denn auch Ioannis schien in seiner neuen Rolle nicht wirklich glücklich, und seine sympathischen Facetten zeigten sich nur noch selten.
Meine Freundin Christine, letzter Kontakt zu meinem alten Leben und inzwischen verlobt, kam mich zum ersten Mal in M. besuchen. Ioannis bedrängte sie schamlos. Ich weiß nicht, was für sie schlimmer war: seine Penetranz oder die Tatsache, dass ich wie ein geprügelter Hund daneben saß und nicht eingriff.
Auch Christine sollte ich viele Jahre nicht mehr sehen.
Ioannis hatte jetzt zwei Schülerinnen als Kernzelle, es fehlte nur noch das Startkapital. Karin leierte ihrem Vater Geld aus der Tasche, und Ioannis versuchte, dieses Kapital im Casino zu multiplizieren. Die höheren Mächte mussten seinem Vorhaben doch wohlgesonnen sein und ihn mit einem fetten Gewinn unterstützen. Aber als das Geld immer mehr dahinschwand, war klar, dass hier etwas schieflief. Es waren wohl Karins negative Vibrationen, die Ioannis' Erfolg torpedierten. Karin fiel in Ungnade und wurde mit Sexentzug bestraft.
Zu dieser Zeit machte auch das Arbeitsamt verstärkt Probleme. Ioannis hatte einige Termine versäumt und die Zahlungen waren eingestellt worden. Aber Ioannis erfand eine hanebüchene Lügengeschichte, die durch Meineide von Karin und mir rechtlich unantastbar wurden, und holte damit sogar eine lohnende Nachzahlung vom Arbeitsamt heraus.
Doch das waren keine Summen, mit denen Ioannis seine Visionen verwirklichen konnte. Und er zog eine richtig linke Nummer ab: Er ließ von einem Goldschmied Barren aus irgendeinem Metall mit Gold überziehen. Diese verkaufte er dann an Solon, einen befreundeten griechischen Restaurantbesitzer, als kompakte Goldbarren zum Schnäppchenpreis. Ich weiß nicht, welche Story Ioannis Solon erzählte, auf jeden Fall missbrauchte er ein zwölf Jahre lang gewachsenes Vertrauen und prellte Solon um eine große Menge Geld. Als Rechtfertigung führte er an, dass Solon inzwischen Kapitalist geworden sei und sogar an der Börse spekuliere.
Nun musste Ioannis schnell verschwinden, bevor die ganze Sache aufflog. Sein Plan sah vor, dass er auf der Harley Davidson nach Griechenland vorfuhr und Karin und ich mit einem VW Bus nachkämen. Er ließ uns Geld da, um einen Bus zu kaufen und ihn campinggerecht einzurichten.
Bevor er losfuhr, rasierte er Karin und mir die Köpfe. Dies diene dem Kampf gegen unsere Eitelkeit, sagte er. Später erst wurde mir klar, dass er mich damit von anderen Männern fernhalten wollte. Wegen Karin war er nicht eifersüchtig. Schon bald hatte ich gemerkt, dass er nur mit ihr schlief, um sie wortwörtlich bei der Stange zu halten. Ich litt furchtbar unter meiner Glatze und fand mich unglaublich hässlich. Karin dagegen trug ihren markanten Schädel mit bewundernswerter Selbstsicherheit zur Schau.
Ioannis stellte seine persönlichen Sachen in Karins Keller unter, die sich mit ihrem Bruder eine enge 2-Zimmer-Wohnung teilte. Ich zog bei Karin ein. Mit ihr zusammenzuwohnen war nervend. Ich mochte sie einfach nicht. Ihr Bruder ließ sich nicht einmal von meiner Glatze abschrecken. Ständig platzte er in unser Zimmer, oft hatte er nur ein langes T-Shirt an und nichts drunter.
Von zwei Hippies kauften Karin und ich einen gebrauchten VW-Bus. Ich war so naiv zu glauben, alle Hippies seien anständig. Mit gewissem Enthusiasmus und viel Fantasie machten wir den Bus wohnlich. Wir ließen auch einen gasbetriebenen Kühlschrank einbauen.
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