Außerdem will er nicht vor der Zeit am altgedienten Umschlagplatz erscheinen. Er müsste dann sowieso auf den Empfänger warten. Die sind erfahrungsgemäß sowieso nie pünktlich. Sie beklagen immer nur, wenn die Fahrer nicht rechtzeitig kommen, aber wenn die Fahrer warten müssen und dadurch unnötiges Risiko eingehen, das ist denen immer egal.
Ruud liebt es zu fahren. Rumstehen hingegen, mag er gar nicht, aber wenn er im gleichmäßigen Tempo auf einer Autobahn fährt, die Landschaften an ihm vorbeifliegen und er kurzzeitige Einblicke bei anderen Wegbegleitern erhält, dann fühlt er sich rundum wohl.
Manchmal überholen ihn Familien, die früh morgens mit ihrem Kombi an ihm vorbeiziehen und den Kofferraum voll mit Gepäck haben, teilweise sogar mehrere Fahrräder auf dem Dach oder auf der Anhängerkupplung mit sich führen. Dann gerät er immer in Erinnerungen, wie er mit seiner Familie mit dem Auto nach Südfrankreich oder Dänemark aufbrach, um einen wundervollen Urlaub vom Alltagsstress zu erhalten. Als Selbstständiger war es zwar schwer möglich den Club alleine zu lassen, aber es fanden sich immer Wege. Damals hatte er auch noch gute Mitarbeiter, die alles in seinem Sinne fortführten, während er mit seinen beiden Söhnen Jan und Jeroen sowie seiner Frau Britt in den Sommerferien mehrere Wochen ausspannte.
Ruud liebt seine Erinnerungen an die schönen Tage in seinem Leben. Sowieso tut er das alles nur, um seiner Familie ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen. Er weiß, dass er ein großes Risiko eingeht, aber er sieht seine einzige Chance darin, der Familie auch weiterhin den gewohnten Lebensstandard zu ermöglichen.
Sein Arbeitseifer für den Club hatte damals seine Beziehung zu Britt stark strapaziert. Er kämpfte Tag und Nacht für den Club, auch für den Lebensstandard der Familie und vergaß dabei total, dass sie auf diese Weise nichts von ihm hatte. Sie entfernten sich zunehmend voneinander bis er die Reißleine zog und den Club abgab.
Durch den neuen Job hatte er wieder viel mehr Zeit mit seiner Familie, hatte auch weiterhin gutes Geld zur Verfügung und konnte den verbleibenden Rest nutzen, um zumindest die Zinsen seiner Schulden zu zahlen. In guten Tagen oder wenn er mal wieder mehr Touren fuhr, als er sich eigentlich im Sinne der Familie vornahm, tilgte er auch mal größere Beträge bei seinen Gläubigern.
Doch so richtig bewegt es nichts an seiner Restschuld. Es gab immer wieder unvereinbarte Strafzinsen für Zahlungsverzug oder Unstimmigkeiten zwischen der eigenen Vorstellung der Restschuld und der Vorstellung derjenigen, die ihm sofort deutlich machten, dass ihre Vorstellung die richtige Einschätzung ist.
Manchmal glaubt Ruud, dass er ewig für Sie fahren müsste, um die Schulden bezahlen zu können oder aber so viel fahren und zahlen könnte wie er will, die Schulden aber dennoch bleiben würden. Aber sie lassen ihn leben. Gut leben sogar. Er verdient mehr als zu den guten Zeiten seines Clubs und das mit wesentlich weniger Arbeit. Und fahren mag er ja sowieso gerne.
Ruud unterbricht die vielen Gedankenspiele und Träumereien, denn mit einem Jingle werden im Radio die Verkehrsmeldungen angekündigt.
« A1 - Bremen in Richtung Hamburg, zwischen dem Maschener Kreuz und Hamburg-Harburg ist durch den Orkan Axel ein Tanklaster umgekippt und vollständig ausgebrannt. Es wird gebeten, den Unfallort weiträumig zu umfahren. »
Das gute Gefühl des Morgens ist umgehend bei Ruud verflogen. Genau dort muss er lang, um an seinen Zielort zu gelangen.
Er verschafft sich kurz Luft zum klaren Denken, indem er lautstark auf Niederländisch flucht und mit der Hand mehrfach auf sein Lenkrad schlägt.
Ruud beginnt sofort krampfhaft zu überlegen, wie er fahren könnte. Über die A7 will er nicht fahren, dann müsste er durch das gesamte Hamburger Stadtgebiet, was er tunlichst vermeiden möchte. Ebenso wenig will er über die Wilhelmsburger Reichsstraße zu seinem Ziel gelangen. Bis er dort eintrifft, würde der gesamte Hamburger Berufsverkehr feststecken. Er könnte Stunden im Stau stehen und den Termin somit nicht einhalten.
Mehr Strecken fallen ihm auf Anhieb nicht ein. Er wird erst einmal anhalten, um auf einen Straßenplan zu schauen. In diesem Moment hasst er sich dafür, dass er kein Smartphone mehr hat, dass ihm die schnellsten Wege aufzeigen könnte. Auch sein Transporter ist zwar noch gut in Schuss für sein Alter, aber verfügt ebenfalls nicht über ein Navigationsgerät.
Er beschließt an der Raststätte Grundbergsee erst einmal abzufahren und ein wenig Geld für einen Straßenatlas zu investieren. Den kann man immer mal gebrauchen, wenn so etwas wieder passiert und früher ist er auch mit Straßenkarten an jeden Urlaubsort gekommen, egal ob am Mittelmeer oder an der Nordsee.
10
In der Wilstorfer Straße beginnt langsam wieder das Leben auf den Straßen. Erste Mitarbeiter, der im Phönix Center liegenden Geschäfte, kommen zur Arbeit. Dick eingehüllt in regenfester Kleidung oder mit Regenschirm, der jedoch auf Grund der Böen mit beiden Händen festgehalten werden muss.
Auch im Café International leeren sich langsam die Tische. Durch den Wind und die offene Eingangstür verzieht sich der blaue Dunst aus der Lokalität.
Das Gemurmel im Raum hat nachgelassen und die Geräusche der piependen Spielautomaten übernimmt die akustische Kulisse des Cafés.
An Cemals Tisch sitzt inzwischen ein junger Deutscher, vielleicht Mitte zwanzig mit strohblondem Haar und dunkelbraunen Augen. Er ist braungebrannt und sein Körper konnte seine Form unmöglich nur von Hanteln und hartem Training haben. Er hat Arme wie andere Beine haben, die vom Handgelenk bis zum T-Shirtärmel mit dunklen Skeletten, Totenschädeln und Kreuzen tätowiert sind. Auf seinem Hals prangen drei große Sechsen, die zusammen die Zahl des Teufels ergeben und umfasst sind von rotäugigen Köpfen.
Das Haar ist an den Seiten wegrasiert und die verbleibende Haarinsel auf dem Kopf ist streng nach hinten zu einem kleinen Zopf gebunden. Er trägt einen relativ kurz geschnittenen Vollbart. Lediglich oberhalb der Lippe ist er glattrasiert.
Cemal und diese Gestalt stecken die Köpfe eng zusammen und bereden etwas miteinander, wobei Cemal eindeutig bestimmend ist und die Kontaktperson fragend wirkt.
Man redet leise miteinander, so dass niemand im Raum lauschen könnte, was dort besprochen wird. Cemal lässt immer wieder die Augen durch den Raum wandern und beobachtet die anwesenden Leute, während er dem lauscht, was der Deutsche ihm mitzuteilen hat. Wenn er antwortet, dann starrt er seinem Gegenüber direkt und nachdrücklich in die Augen.
Am Schluss des Gesprächs nicken beide sich gegenseitig zu und schlagen die Hände ineinander, als würde man versuchen, die eigenen Vorstellungen im Armdrücken durchzusetzen. Doch bevor es dazu kommt, zieht man sich aneinander, gibt sich links und rechts einen Kuss an der Wange vorbei in die Luft und löst die Hände voneinander.
Der Deutsche verlässt das Cafe International direkt im Anschluss und besteigt einen vor der Tür abgestellten schwarzen Ford Mustang GT. Das blecherne Aufbrummen des PS-starken Motors ist bis an den Tisch von Cemal zu hören, der schon wieder sein schwarzes Smartphone aus der Jackentasche entnommen hat, um eine Nachricht zu schreiben.
Nachdem er es wieder weggesteckt hat, steht er auf und begibt sich langsamen Schrittes aus dem Laden.
Fast zeitgleich erhebt sich ein gedrungener, dicklicher Südländer von einem Stuhl an einem anderen Tisch, der Cemal bereits den gesamten Abend gegenübersitzt.
Sein Blick ist starr auf Cemal gerichtet, der ihm keinerlei Beachtung schenkt und über den klebrigen, nassen Boden langsam aus dem Café International hinausgeht.
Vor der Tür geht Cemal durch stürmischen Regen auf eine weiße, breitspurige Geländelimousine zu, die ebenfalls unmittelbar vor der Lokalität geparkt steht. Der Südländer geht direkt hinter ihm her und kommt langsam dichter an ihn heran. Die Hände trägt er tief in seinen Jackentaschen vergraben, das Cap ist in seine Stirn hineingezogen. Der Kragen der schwarzen AlphaIndustries-Bomberjacke ist aufgestellt, so dass von seinem Gesicht kaum mehr als die auffällig große Nase und die schiefe, unrasierte Mundpartie zu erkennen ist. Einzelne Fahrzeuge fahren durch die Wilstorfer Straße und lassen die Gischt der Pfützen auf die Gehwege spritzen.
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